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Elle (2016)

Eine Kritik von (Bewertung des Films: 7 / 10)
eingetragen am 29.11.2016, seitdem 507 Mal gelesen



16 Jahren sind seit Paul Verhoevens letztem Hollywoodfilm „Hollow Man“ vergangen, zehn seit seinem letzten Kinofilm „Black Book“ und fünf seit seinem letzten Filmprojekt „Tricked“. Doch mit „Elle“, der Aufsehen auf Festivals wie Cannes erregte und als französischer Bewerber für den Auslandsoscar eingereicht wurde, meldet sich der Provokateur eindrucksvoll zurück.
Es beginnt der Vergewaltigung der Hauptfigur Michèle Leblanc (Isabelle Huppert) durch einen maskierten Angreifer daheim. Isabelle räumt das Chaos auf, geht zum Arzt und am nächsten Tag in die von ihr geleitete Firma – ein Videospielhersteller, der gerade seinen neuesten Titel fertigstellt. Beim Zeigen einer Zwischensequenz springt der monströse Held des Spiels ein Burgfräulein an, aus seinem Rücken wachsen Tentakel, von denen einer in den Kopf der sich windenden Frau eindringt – kaum kaschierte Vergewaltigungsmetaphorik. Erwartungsgemäß protestiert Michèle. Doch in einem Unterlaufen der Erwartungen verlangt sie ein viel stärkeres Zucken, mehr Sex und Gewalt. Bei diesem Game solle der Spieler doch außerdem das Blut jedes getöteten Orks dick und klebrig zwischen den eigenen Fingern stören.
Mit entsprechender Abgebrühtheit erzählt sie auch beim gemeinsamen Abendessen mit ihren Ex-Mann Richard (Charles Berling), ihrer Geschäftspartnerin Anna (Anne Consigny) und deren Mann Robert (Christian Berkel) von den Vorfällen. Ja, beim Arzt sei sie schon gewesen. Nein, zur Polizei brauche sie erst gar nicht zu gehen. Und sowieso, sie hätte das Thema gar nicht erwähnen sollen, das mache doch nur Umstände beim gemütlich gedachten Abendessen. Aber insgeheim versucht Michèle mehr über ihren Angreifer zu erfahren, als dieser sie stalkt und ihr Textnachrichten schickt…

Das Promomaterial, vor allem der Trailer, versucht „Elle“ als Thriller zu verkaufen, als eine Art High-End-Variante des Rape-and-Revenge-Films. Tatsächlich gibt es auch diesen Plotstrang in dem Film, der hin und wieder auch zu pflichtschuldigen Spannungsszenen führt, in denen sich Michèle beobachtet fühlt und dabei durch oder um ihr Haus herum schleicht. Es wird wiederholt auf ein Ereignis in Michéles Vergangenheit angespielt, das mit ihrem Vater zu tun hat und erst nach und nach enthüllt, welches nie ganz auserzählt wird, eventuell aber mit der Tat zu tun haben könnte. Doch die Vergewaltigung und ihr Nachspiel ist nur ein Erzählstrang unter vielen und einer, den Verhoeven und Drehbuchautor David Birke anders als auflösen als man erwarten mag. Aber „Elle“ lebt vom Unterlaufen und dem Enttäuschen der Erwartungen wie bereits die ersten, oben geschilderten Szenen zeigen.
Jedoch wandelt sich der Film eher zu einer schroffen Gesellschaftssatire der bürgerlichen bis reichen Gesellschaft, deren Mitglieder alle mehr oder weniger einen an der Waffel haben. Michèles Mutter Irène (Judith Magre) hat sich einen wesentlich jüngeren Toy-Boy zugelegt und denkt sogar daran diesen zu heiraten, der Ex-Mann ist ein gescheiterter Schriftsteller, Michèles Liebhaber verlangt von ihr selbst kurz nach dem Missbrauch sexuelle Gefälligkeiten, um nur ein paar Beispiele zu nennen. Und all diese Ausnahmesituation behandeln der Film, die Protagonistin und eigentlich alle Charaktere mit einer unterkühlten Ruhe, aus der es nur gelegentlich emotional herausplatzt: Wenn die Freundin des Sohnes ein Kind bekommt, dessen Vater er eindeutig nicht ist, dann freuen sich alle mit ihm und korrigieren seinen irrigen Glauben an die Vaterschaft nicht. Das geschieht erst eine ganze Weile später, als er es wagt Michèle dumm zu kommen. Mit dieser Art der Inszenierung und der Erzählung schafft „Elle“ einen faszinierenden Spagat zwischen Überzeichnung und gleichzeitiger Nüchternheit, der sich vor allem im konsequenten Pragmatismus seiner Hauptfigur niederschlägt.

Tatsächlich macht Protagonistin Michèle zu einem nicht unerheblichen Teil den Reiz des Films aus, denn diese ist so dermaßen abgebrüht und zynisch, dass man es kaum fassen mag. Sie hält mit ihrer Meinung nicht hinterm Berg, kann in Sachen Sarkasmus Figuren wie Stromberg oder Dr. House locker das Wasser reichen und ist sich nie für eine Dreistigkeit zu schade. Zupackend, intelligent und durchaus rücksichtlos entspricht Michèle keinesfalls dem Klischee des Vergewaltigungsopfers als reines Opfer, auch wenn dies natürlich ein bewusst provokanter Zug des Films ist. Ebenso provokant ist Verhoeven in seiner gewohnten Drastik: Findet die Vergewaltigung zu Beginn beinahe Offscreen statt, so wiederholt er sie später zweimal in größerer Deutlichkeit, einmal als Erinnerung, einmal als geänderte Vorstellung in Michèles Phantasie.
Wäre dieser Film von einem Regisseur mit weniger gutem Leumund und mit weniger prominentem Cast oder auch nur einige Jahrzehnte früher gedreht worden, vermutlich hätte man nach Verboten geschrien. Tatsächlich reißt Verhoeven auch mit diesem Film die eigentlich seit jeher überkommenen, aber doch noch gern bemühten Grenzen zwischen U- und E-Kultur und ein präsentiert „Elle“ als einen Mix aus Drama, Thriller und Satire, der seine Impulse gleichermaßen aus dem Arthouse- und dem Exploitationkino hat. Man kann auch selbstreflexive Momente darin erkennen, denn gerade in der Einflussnahme von Michèle, eigentlich Literaturagentin, auf den Inhalt des von ihrem Team entwickelten Videospiels werden Sex und Gewalt als kommerzielle Impulse, aber auch als Zeichen einer Autorenhandschrift ausgewiesen – etwas, das auf Verhoeven und sein ganzes Schaffen übertragbar ist.

Vor allem wird der Film von einer großartigen Isabelle Huppert getragen, welche in der außergewöhnlichen Hauptrolle zu absoluter Höchstform aufläuft: Resolut, abgründig und facettenreich dominiert sie den Film und zeigt Mut in der Rolle, die ihr einiges abverlangt. Stark auch der Deutsche Christian Berkel und Anne Consigny als befreundetes Ehepaar, während Laurent Lafitte als Nachbar, Jonas Bloquet als Michèles Sohn und Judith Magre weitere Akzente zu setzen wissen. Auch der Rest der Besetzung kann sich allerdings sehen lassen, auch wenn alle im Schatten der überragenden Isabelle Huppert stehen.
Huppert und die von ihr verkörperte Protagonistin halten das Kaleidoskop aus Erzählfäden, Einzelfiguren und bösen Spitzen zusammen, dessen letzte Szenen noch einmal weibliche Solidarität feiern und damit auch dem möglichen Vorwurf entgegentreten, „Elle“ sei misogyn, da er ein Vergewaltigungsopfer auf unkonventionelle Weise und teilweise auch als ziemlich unmoralisch darstellt und dabei über weite Strecke auch noch überraschend witzig ist. Allerdings erschöpft sich das Spiel mit der Provokation und dem Unterlaufen der Erwartungen im Schlussdrittel ein wenig, da man längst daran gewöhnt ist, wie abgeklärt vor allem Michèle, aber auch alle anderen, mit jedem noch so absurden und/oder niederschmetternden Ereignis umgehen.

Doch auch wenn „Elle“ im Abgang etwas schwächelt: Ein unkonventioneller, bitterböser, satirischer Blick auf Wohlstandsgesellschaften und die Abgründe dahinter ist dem Regisseur auf jeden Fall gelungen. Ein eigenwilliges Werk, das zwischen den Genres sitzt und dabei die ‚basic instincts‘ ebenso wie das Hirn anspricht. Um eine Phrase zu dreschen: Ein echter Verhoeven eben. Und dafür gibt es von mir 7,5 Punkte.


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