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Grauzone, Die (2001)

Eine Kritik von (Bewertung des Films: 8 / 10)
eingetragen am 05.09.2005, seitdem 738 Mal gelesen



Mehr oder weniger unter Ausschluß der Öffentlichkeit lief Die Grauzone Anfang des Jahres in ein paar deutschen Kinos, jetzt gibt es eine DVD und auch diejenigen, die nicht mit den Annehmlichkeiten einer Großstadt gesegnet sind, haben die Möglichkeit, sich diesen sehr interessanten Independent Film anzusehen.
Tim Blake Nelson, der Regisseur und Drehbuchautor (nach einem autobiographischen Bericht von Miklos Nyiszli, der Mengele in Birkenau assistierte), ist primär als Schauspieler in Erscheinung getreten, zeigt aber als Regisseur mindestens ebensolche, wenn nicht noch mehr Qualitäten.
Thematisch kommen natürlich sofort Vergleiche mit Spielbergs Holocaust-Epos in den Sinn und ein Vergleich mag vielleicht wirklich Aufschluß darüber geben, warum Nelsons Film der weit bessere ist.
Zunächst enthält sich Nelson - sprichwörtlich! - der schwarz-weiß Malerei. Seine Deutschen sind keine Dämonen á la Amon Goeth, der nach dem Sex mit der polnischen Gefangenen mal eben auf Häftlinge Zielschießen macht. Das ist ein viel zu ekstatisch-bösewichtiges Bild von einem Charakter, der wie die meisten administrativen Kräfte in der Menschenvernichtung des Dritten Reichs, einfach ein langweiliger Bürokrat des Todes war. So sind sie nämlich bei Nelson. Harvey Keitel spielt SS-Oberscharführer Erich Muhsfeldt und wenn er auch ein bißchen mit dem deutschen Akzent kämpft - hier stellt sich wieder die Frage, warum die Deutschen englisch mit Akzent sprechen müssen, wenn die ungarischen Juden flüssig amerikanisch parlieren; soll durch die seltsame Sprechweise Distanz geschaffen werden? - und sehr "New York" ist, so ist ein Mann wie er natürlich auch mit kleinen Schwächen in der Lage einen Zyniker authentisch zu portraitieren, dem sehr wohl bewußt ist, daß auch er, wie seine Opfer, umgebracht werden wird, der aber trotzdem kein Iota Menschlichkeit aufzubringen weiß. Das ist viel schlimmer als jeder grimassierende Bruno Ganz.
Im Gegensatz zu Spielberg hat es Nelson nicht nötig, die komplexe Geschichte der Shoah auf ein simples Gut/Böse Prinzip zu reduzieren. Das verbietet sich allein schon aufgrund der Tatsache, daß der Fokus des Films auf den jüdischen Sonderkommandos liegt, die ihre Glaubensgenossen in die Gaskammern "einführten", die Effekten (Haare, Goldzähne, Gepäck usw.) verwalteten und dafür Privilegien bekamen, allerdings mit Ablaufdatum, denn nach vier Monaten wurde immer das jeweilige Kommando liquidiert und durch ein neues ersetzt.
Diese Aussicht auf einen unvermeidbaren Tod auf beiden Seiten des Lagers gibt "Die Grauzone" eine dermaßen nihlistische Atmosphäre, daß es der durchgehenden dunklen Ambienttöne im Hintergrund (es gibt keinen durchgängigen Soundtrack) gar nicht mehr bedurft hätte, um dem Zuschauer zu vermitteln, daß er auf einen Ort schaut, der dem klassischen Höllenimago ziemlich nahekommt.
Trotz der fadenscheinigen Rationalisierungen, die die beteiligten Juden vor sich aufbauen, um die Gewissenschmerzen abzumildern, sind sie noch nicht abgestumpft genug, um nicht eine großangelegte Revolte zu planen, die mit Hilfe dreier Frauen, die in der Munitionsfabrik arbeiten und zu Explosionsmaterial Zugang haben, bewerkstelligt werden soll.
Dieser Storygerüst trägt durch den Film und wenn auch der Plan schiefgeht und die Frauen bestialisch gefoltert werden, so kann doch etwa die Hälfte der Krematorien gesprengt werden. Als happy end kann man es aber nicht bezeichnen, denn die Vernichtungsmaschine läuft weiter und unsere "Helden" werden im Staub liegend ruhig uns systematisch erschossen.
Nelson durchbricht nicht wirklich die Genrekonventionen und wie oben mehrfach angedeutet, bedient er sich durchaus auch aus der Trickkiste Hollywoods, aber die generelle Atmosphäre und bittere Konsequenz der Handlung machen "Die Grauzone" zu etwas Besonderem. Mitunter erinnert diese Kompromißlosigkeit an T.F. Mou und seine "Man Behind The Sun" bzw. "The Nanking Massacre" Filme. Dabei enthält sich Nelson weitgehend sehr blutigen, exploitativer Darstellungen. Leichen werden kaum frontal gezeigt und um den Wahnsinn der Gaskammern zu exemplifizieren, ist es viel effektiver den leeren Blick desjenigen zu zeigen, der die Menschen ins Gas geführt hat und die aufbrausende Panik als reinen Höreindruck zu geben. Dennoch dreht es einem bisweilen den Magen um, wenn die Sonderkommandos in Lederschürzen und Stiefeln platschend durch die Toten in den Kammern waten, die in Lachen von Kot, Urin, Erbrochenem und Blut liegen.
Ein Mädchen hat die Vergasung überlebt und wird von den Juden unter Lebensgefahr aufgepäppelt, nur um am Ende von Muhsfeldt lässig erschossen zu werden - sie spricht ein Voiceover zu ihrer eigenen Vebrennung, wie sie als fette Asche den Menschen auf den Schuhen kleben bleiben wird - unabwischbar.


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