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Grauzone, Die (2001)

Eine Kritik von (Bewertung des Films: 8 / 10)
eingetragen am 27.09.2005, seitdem 1605 Mal gelesen



Groß angekündigt wurde er nicht: Der Film „Die Grauzone“ von Tim Blake Nelson kam vergleichsweise geräuschlos in die deutschen Kinos, erhielt einige freundliche Besprechungen und verschwand dann auf dem DVD-Markt. Nicht sang- oder klanglos, aber doch eigentümlich folgenlos. War das überraschend oder voraussehbar? Wenn man die Ambitionen des Films in Rechnung stellt, nämlich noch einen Schritt weiter zu gehen in der wirklichkeitsnahen Beschreibung der Vorgänge im Vernichtungslager Auschwitz, als dies Steven Spielberg 1993 mit „Schindlers Liste“ gelungen war, dann wundert man sich schon, warum dies so war, angesichts der im Allgemeinen doch recht freundlichen Kritik. Wer den Film gesehen hat, kann die verhaltene Reaktion nachvollziehen. Tim Blake Nelson macht den Kinokonventionen, sowohl in der Art seiner Handlungsführung, als auch seiner Optik, wenig Zugeständnisse. Gemessen am verstörenden Realismus der geschilderten Vorgänge, wählte er eine unspektakuläre, lapidare, ja teilweise geradezu banale Optik. Um die Wirklichkeitsnähe zu erhöhen, die quasidokumentarische Wahrhaftigkeit, verwendete Nelson oft eine einfache Handkamera und war immer ganz dicht an seinen Darstellern dran. „Die Grauzone“ macht als Film einfach zu wenig her, um jemals mit „Schindlers Liste“ in Konkurrenz treten zu können. Das böse Wort von der „TV-Optik“ ging um.

Der Begriff „TV-Optik“ beinhaltet einen geheimen Vorwurf. Nämlich: Für einen „richtigen“ Film hat es nicht gelangt. Ob sich im Falle der „Grauzone“ tatsächlich ein Nachteil daraus herleitet, mag man vorläufig noch nicht recht beurteilen. Vorsicht sollte man gegenüber dem Vorurteil walten lassen, dass vorwiegend Spielfilme die künstlerischen Maßstäbe setzen. War es doch 1978 die TV-Serie „Holocaust“, die erstmals das Grauen der Massenvernichtung der europäischen Juden einem Breitenpublikum offen schilderte. Womit die akademische Geschichtsschreibung, zumal in Deutschland, sich seinerzeit noch so schwer tat, was praktisch alle Kinofilme damals in dieser Offenheit für nicht zumutbar hielten – eine TV-Familiensaga schaffte es. Ein internationales Millionenpublikum saß gebannt vor den Fernsehschirmen, in bisher unbekannter Freimütigkeit wurde in Deutschland im Anschluss öffentlich diskutiert. Alle Vorwürfe und alle Häme über die „Oberflächlichkeit“, den „Kitsch“ und die „Ungenauigkeit“, die von der Presse und der Wissenschaft erhoben wurden, fielen auf diese selbst zurück. Heute gilt „Holocaust“ zu Recht als Klassiker des TV-Films.

Sicher, die opulente Spielberg-Optik besitzt „Die Grauzone“ nicht. „Schindlers Liste“ war trotz aller Bahn brechenden Versuche, den Horror der Vernichtungslager wirklichkeitsnah zu schildern, letztlich doch den Mechanismen des Hollywoodkinos verpflichtet. Man rückte eben nicht die fabrikmäßige und ebenso brutale wie ausweglose Alltäglichkeit des Todes in den Mittelpunkt, sondern die Geschichte Oskar Schindlers, der eine Ausnahme im Geschehen war. Gerade weil Oskar Schindlers Vorgehen so ungewöhnlich war, ließ sich daraus eine spannende und interessante Filmhandlung destillieren. Vielleicht waren die Möglichkeiten Spielbergs damit ausgeschöpft, vielleicht die Möglichkeiten des Massenkinos überhaupt. Gemessen an dem, was vorher in die großen Kinos kam, war „Schindlers Liste“ zweifellos ein Durchbruch, der weit in Neuland vorstieß.
Nicht weit genug für Tim Blake Nelson. Er wollte die letzte Barriere, die ihm den Zugang zum Kern des Geschehens versperrte, beseitigen, nämlich die eingeflochtene Geschichte des „Helden“ Oskar Schindler. Er versuchte unverstellt auf das Zentrum der Vernichtung zu blicken, die Todeszone von Auschwitz. Was er dort sah, war die Arbeit des jüdischen Sonderkommandos.

Das jüdische Sonderkommando eignet sich denkbar wenig für eine Heldenrolle, ja genau genommen ebenso wenig für die Rolle des Antihelden. Es ist vielmehr die sinnfälligste Erscheinung der vollkommenen moralischen Perversion, die durch das System der Vernichtungslager über Jahre zur Normalität wurde.
„Das“ jüdische Sonderkommando gab es nicht. Man sollte besser von „den“ jüdischen Sonderkommandos sprechen, weil alle drei bis vier Monate sämtliche Mitglieder eines Sonderkommandos von der SS ermordet und durch neue ersetzt wurden. Wer sich der Teilnahme am Sonderkommando verweigerte, wurde sofort erschossen. Die Angehörigen des Sonderkommandos leisteten die eigentliche Drecksarbeit des industriellen Vernichtungsprozesses. Sie empfingen die unzähligen Transporte der Juden aus ganz Europa, um sie sofort in die Gaskammern zu geleiten. Sie nahmen ihnen die Wertsachen ab und erzählten dabei beruhigende Lügen über die Zukunft der unrettbar zum Tode Bestimmten. So hörten sie wieder und wieder den minutenlangen Todeskampf der Vergasten. Dann bargen sie die Leichen, brachen ihnen die Goldzähne aus und säuberten die Gaskammern. Zuletzt verbrannten sie die Leichen im Krematorium. Mit einer bemerkenswerten Ausnahme erfüllte das Sonderkommando seine Aufgaben Schrecken erregend reibungslos. Die Arbeit des Sonderkommandos war eingeteilt in kleine, exakt festgelegte Arbeitsschritte, wie in einer Fabrik. Für ihre Tätigkeit genossen die Mitglieder gewisse Privilegien, die ihren Lebensstandard weit über den der gewöhnlichen Ausschwitzhäftlinge hoben. Genau deshalb wurden sie auch von letzteren misstrauisch und mit einer gewissen Verachtung betrachtet. Tim Blake Nelson zeigt alles, buchstäblich alles, wo die Kinoregisseure vergangener Jahrzehnte, trotz bester Absichten, dann doch wegschauten. Er zeigt detailgetreu die Arbeitsabläufe des Sonderkommandos, ebenso wie die psychologischen und moralischen Auswirkungen dieser Arbeit. Am grauenhaftesten und am längsten in Erinnerung bleibt die Szene im Vorraum der Gaskammer, wo die Neuangekommenen sich entkleiden. Fast wie Animateure auf einem Kreuzfahrtschiff beteuern die Mitglieder des Sonderkommandos, es sei „alles in Ordnung“. Wer stört, misstrauisch wird, wie hier im Film ein älteres Ehepaar, wird gnadenlos zum Schweigen gebracht. Die SS ist bei diesen Abläufen stets im Hintergrund, fast geisterhaft und greift nur selten ein. Hat sich die Tür zur Gaskammer geschlossen, so bleibt ihr nur noch, mit ein paar einfachen Handgriffen, das Zyklon B von oben durch Schächte in die Gaskammer zu schütten. In der arbeitsteiligen Welt von Auschwitz bloß ein weiteres Rädchen im Getriebe.

Was trieb Menschen soweit, eine solche Arbeit mit hoher Effizienz auszufüllen? Was erwarteten sie sich von ihrer Arbeit, obwohl sie in wenigen Wochen den sicheren eigenen Tod vor Augen hatten? Regisseur Tim Blake Nelson ging es in seinem Film nicht darum, eine Geschichte des Sonderkommandos zu erzählen, wie wohl er große Mühe auf historische Genauigkeit verwendet hat. Sein Instinkt ist überhaupt nicht der eines Erzählers, sondern eines Theaterregisseurs. Tim Blake Nelson gehört zu dem früher recht häufigen, heute eher selten geworden Typ des Theatermenschen, den es in die Welt des Films verschlagen hat. Die Stärke, ebenso wie die Schwäche des Films „Die Grauzone“, erwächst aus Nelsons Gespür für das dramaturgisch Wesentliche, welches von seinen Figuren in den einzelnen szenischen Auftritten herausgearbeitet wird. Seine Ausgangsidee war keine Geschichte, sondern ein moralisches Problem, das er zunächst in einem Theaterstück dramatisierte und später erst in das Medium des Films überführte. Er orientierte sich vom Stoff her dabei an den Erinnerungen des ungarisch-jüdischen Arztes Dr.Nyiszli (Allan Corduner), der als Assistent von Dr. Mengeles makabren medizinischen Experimenten das Lager Auschwitz überlebte. Um seine Familie zu retten, paktierte er mit Mengele und dem fürs Krematorium zuständigen Oberscharführer Muhsfeldt (Harvey Keitel), ebenfalls einer historischen Figur. Die beiden ungleichen Menschen liefern sich in bühnenhaften Szenen Rededuelle, in denen sie den moralischen Standpunkt des anderen in Frage stellen und unterminieren. Insbesondere Harvey Keitel gibt mit seinem Muhsfeldt die glänzende Charakterstudie eines Zynikers, der selbst schon ein von Alkohol und Herzrasen gezeichnetes Wrack ist. Er weiß um die unabwendbare Niederlage des Deutschen Reiches, hält aber umso verbissener an der ordnungsgemäßen Aufrechterhaltung des fatalen „Arbeitsbetriebes“ in Auschwitz fest. Er sieht Nyiszlis Zwangslage genau und konfrontiert ihn mit seiner moralischen Korrumpierbarkeit. Nyiszli versucht sich zu behaupten, muss aber immer auf der Hut sein, da er sich natürlich nie offen mit einem SS-Mann anlegen darf.

Die Angehörigen des Sonderkommandos, die als Hauptfiguren des Films auftreten, gehen nicht auf historische Figuren zurück. Nelson schuf Typen, die einzelne Aspekte des moralischen Dilemmas verdeutlichen, in denen sich diese Menschen befanden. Er ist Dramatiker genug, um zu wissen, dass man seine Figuren nicht als fleischgewordene Thesenpapiere anlegen darf, sondern nur als glaubwürdige Individuen, die zu ihrem Umfeld in konfliktreicher Beziehung stehen. Und Nelson ist zudem Historiker genug, um die einzelnen Figuren nach Elementen von Zeugenaussagen ehemaliger Mitglieder des Sonderkommandos zu gestalten. Nelson räumt restlos mit der Filmlegende auf, es handle sich bei den Häftlingen um „bessere Menschen“. Er sind verzweifelte Alltagscharaktere, die ein ungeheures Geschehen aus ihren bis dahin völlig normalen Biographien gerissen hat. Unter den Häftlingen herrscht Misstrauen und Gruppenegoismus, vorallem die einzelnen Nationalitäten misstrauen sich. Die extremen psychischen Belastungen führen zu emotionalen Ausbrüchen, die auch die hässlichen Seiten jeden Charakters zu Tage bringen. Die tatsächliche Lage war noch viel komplexer und verworrener, als Nelson hier vorführt, doch gelingt es ihm überzeugend, die wesentlichen Aspekte in repräsentativer Auswahl dem Publikum nahe zu bringen.

Unendlich schwer und kompliziert war es unter diesen Umständen, auch nur an Widerstand zu denken. Und doch, im Oktober 1944 war es soweit. Weiblichen KZ-Häftlingen, die als Zwangsarbeiter in der nahe gelegenen Munitionsfabrik arbeiteten, gelang es, Waffen und Sprengstoff ins Lager einzuschmuggeln. Nach schier endlosen und zermürbenden Vorbereitungen startete das Sonderkommando am 7.Oktober 1944 den bewaffneten Aufstand, den einzigen, den es in Auschwitz jemals gegeben hat. Über ihre Chancen machten sich die Aufständischen keine Illusionen. So war es auch gar nicht ihr Ziel, auszubrechen oder das Lager zu befreien. Sie wollten vorrangig die Krematorien zerstören, um den Vernichtungsprozess aufzuhalten. Vielleicht so lange, bis das Lager geräumt werden musste. Ihre einzige Hoffnung schöpften sie aus den Flugzeugen der Alliierten, die ab 1944 Auschwitz überflogen und erste Boten vom Untergang des Nationalsozialismus waren. Auch wenn dieser Untergang für fast alle Häftlinge zu spät kam.
Der Verlauf des Aufstandes wird durchweg unheroisch und in brutaler, desillusionierender Nüchternheit gezeigt, ohne jede reißerische Aufmachung. Die Abrechnung der SS verläuft grausam und gründlich. Und trotzdem war dieser Aufstandsversuch, von dem jeder Teilnehmer wusste, dass er ihn nicht über leben wird, einer der heroischten, die es je gab.

Fazit: Wo anfangen? Vielleicht hier: „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ (Artikel 1 des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland).
Wer derartige Sätze für überflüssige Phrasen hält oder für Feiertagsrhetorik, der kann sich anhand dieses Filmes in Erinnerung rufen, warum dieser Satz an erster Stelle im Grundgesetz steht.
„Die Grauzone“ handelt von der Antastung der menschlichen Würde. Ein perverses Zwangssystem errichtet nicht nur Vernichtungslager, sondern lädt die moralischen Konflikte der Mordtaten auf die Opfer ab, die ihre eigene Vernichtung vollstrecken müssen. Tim Blake Nelson bereitete sich mit historischer Sorgfalt auf den Film vor und versuchte eine authentische Umsetzung ohne Zugeständnisse an das „Große Kino“, hart und unsentimental. Wichtiger als die Dokumentarerzählung war ihm aber die Herausarbeitung der Gewissenskonflikte, denen die Menschen des Sonderkommandos ausgesetzt waren, sie zum Verharren in einer ausweglosen moralischen Grauzone zwangen. Dies gelingt Nelson sehr überzeugend, womit er auch seinem eigentlichen Ziel, direkt und unverstellt in das Zentrum der Vernichtung zu blicken, sehr nahe gekommen ist. Erfreulicherweise verzichtet der Film auf einfache Antworten oder Lösungen, obwohl sein historischer und moralischer Standpunkt berechtigt klar bleibt. Das letzte Wort zum Thema dürfte der Film jedoch kaum gewesen sein, dazu hat er bedauerlicherweise doch einzelne Schwachpunkte.
Das theatralisch Wirksame steht leider manchmal bei Nelson in Konflikt mit dem dokumentarisch Nüchternen. Und was auf der Bühne glänzend funktioniert, wirkt im Film zuweilen überpointiert. Unabhängig vom – an sich sympathischen – Ansatz einer unspektakulären Optik: Nelson ist in Punkto Handlungsführung, Schnitt und Regie ein zwar meist solider, aber eben kein überragender Filmkünstler. Trotzdem: Jeder, den das Thema interessiert, sollte sich diesen Film ansehen.


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