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Grauzone, Die (2001)

Eine Kritik von (Bewertung des Films: 8 / 10)
eingetragen am 06.09.2006, seitdem 461 Mal gelesen



Es existieren bereits unzählige Filme über den Holocaust, weshalb man sich im ersten Moment sicherlich die berechtigte Frage stellen kann, wieso Tim Blake Nelson das Thema noch einmal erneut aufrollen musste. Dies beantwortet sich von selbst, wenn man sich etwas näher mit der Materie beschäftigt, denn in "Die Grauzone" nähert sich Nelson an einen wichtigen Aspekt des Holocausts heran, der so in noch keinem Film Erwähnung fand: Den der Sonderkommandos. Diese bestanden aus willkürlich ausgewählten und freiwilligen Juden, die von den Nazis dazu gebracht wurden, die niedrigsten aller Arbeiten innerhalb des perversen KZ-Systems zu verrichten. So war das Sonderkommando dafür verantwortlich, die anderen Juden in die Gaskammern zu geleiten, wobei sie sie zuerst beruhigen mussten. Nach der Vergasung mussten die unzähligen Leichen, die Nyiszli in seinem Buch als "Salat aus Fleisch" bezeichnete, aus der Gaskammer in die Krematorien geschafft werden, wo sie in den großen Öfen verbrannt wurden. Bevor dies geschah musste das Sonderkommando den Leichen allerdings zuerst die Haare abscheren und die goldenen Zähne herausschlagen. Als Lohn für diese grausame Arbeit war es den Sonderkommandos vergönnt, einen gewissen Luxus zu erhalten. Das reichte von einer besseren Unterkunft, gutem Essen, über Bücher, bis hin zu Zigaretten. Außerdem stand es den Sonderkommandos frei, die vergasten Juden nach belieben zu plündern.

Um den Film möglichst realistisch erzählen zu können, recherchierte Nelson pausenlos und stieß so irgendwann auf das Buch "Ich war Arzt in Auschwitz" von Miklos Nyiszli, welches ihn so sehr faszinierte, dass er Nyiszli sogar als zentrale Figur in seinen Film platzierte. Desweiteren las Nelson die Tagebücher von fünf Juden, die im Sonderkommando arbeiteten und machte aus diesen Tagebüchern fünf der Hauptcharaktere, die wir im Film sehen. Gänzlich historisch korrekt ist "Die Grauzone" allerdings nicht. Der bewaffnete Aufstand der Juden und das Mädchen, das unter einem Leichenberg lebend geborgen wird, werden hier beinahe zeitgleich in die Handlung eingebracht, spielten sich aber tatsächlich zeitlich nicht parallel ab.

"Die Grauzone" ist eine Metapher für einen menschlichen Zustand, einen Bereich, in dem man sich weder auf der weißen, der guten, noch auf der bösen, der schwarzen Seite bewegt. Genau so erging es den Sonderkommandos. Sie mussten unvorstellbar grausame Arbeiten verrichten, die auch den letzten Rest Menschlichkeit in ihnen abtötete, waren aber letztendlich nicht die, die am ausführenden Hebel saßen. Alles was die Männer wollten, war eine kleine Hoffnung auf ein mögliches Überleben, und das obwohl sie wussten, dass sie nach spätestens vier Monaten ebenfalls vergast werden würden. Nelson's Bestreben war es dabei gar nicht so sehr, die Gefühle seiner Hauptdarsteller in den Mittelpunkt zu stellen, nein, es ging im darum, den Zuschauer direkt anzusprechen und ihm die eine, unumgängliche Frage zu stellen: Was würdest du tun?

Wer bis jetzt noch einen Film in der Machart von "Schindler's Liste" vermutet, liegt falsch, denn "Die Grauzone" unterscheidet sich in seiner Machart gänzlich von Spielberg's Meisterwerk. Während dieses nämlich sehr auf den emotionalen Faktor aus ist und das Geschehen in einem Deutschen Vernichtungslager sehr aufwühlend wiedergibt, macht es Nelson seinem Publikum bedeutend schwerer. "Die Grauzone" passt nicht in die typischen Konventionen eines Filmes, der gemacht wurde, um seine Zuschauer zu unterhalten. Wenn man nicht weiß, auf was man sich hier einlässt, wird man deshalb womöglich schmerzhaft auf die Nase fallen. "Die Grauzone" ist in seiner Machart kein Gefühlskitsch, sondern schlicht und einfach der Versuch, die Realität wiederzugeben. Nelson's Hauptanliegen war es außerdem nicht, klare Trennlinien zwischen Gut und Böse zu ziehen, sondern diese titelgebende Grauzone zu beleuchten, die sich im Inneren der Arbeiter des Sonderkommandos ausbreitet. Deshalb konzentriert sich die Erzählung auch totalitär auf seine Hauptdarsteller, gibt Einblick in deren Arbeit und deren Vorbereitungen auf den Aufstand.

Oftmals kritisiert wurde der Film für seine sehr offenherzige Darstellung von verstörenden Szenarien. Dies kann ich so nur unterschreiben, denn was Nelson seinem Publikum in vielerlei Form zumutet, geht schon an die Grenze dessen, was zartbesaitete Menschen ertragen können. Insbesondere die Szenen in den Gaskammern, in denen die Kamera mitten im Geschehen ist, erzeugen eine unglaublich klaustrophobische Stimmung und schaffen beim Zuschauer das Gefühl, als stände er selbst inmitten dieser dutzenden von Menschen und würde dort im Gas langsam in den Tod gehen. Sehr depremierend dagegen sind die Szenen in den Krematorien, von denen eine unglaubliche Gefühlskälte ausgeht. Die Sonderkommandos machen dort ihre Arbeit, schieben die Leichen scheinbar mühelos ins Feuer und machen sich nicht einmal die Mühe, sich den Staub der Verbrannten von der Haut zu wischen.

"Die Grauzone" ist in tristen und kalten Bildern gefilmt, gibt aber dennoch die Realität insofern wieder, dass das Geschehen nicht der Atmosphäre wegen dramatisiert wird. Obwohl das, was man auf dem Bildschirm sieht, manchmal unvorstellbar ist, bezweifelt man nie, dass es noch immer Menschen sind und das alles, was man da sieht, sich genau so zugetragen haben könnte.
Ausschlaggebend dafür ist auch die Tatsache, dass die Filmcrew sich die Mühe machte, das KZ Auschwitz-Birkenau beinahe originalgetreu zu rekonstruieren. Dazu wurden die alten Baupläne des KZ's verwendet, um es auf einem Feld irgendwo in Bulgarien Stein für Stein wieder zu errichten. Das Ergebnis ist wirklich beeindruckend, wenn ich Nelson und sein Team allerdings auch dafür loben muss, dass sie die Bauten direkt nach dem Filmdreh wieder abgerissen haben.

Meine Hochachtung möchte ich auch Darstellern ausdrücken, insbesondere den Statisten, die ungeheure Strapazen auf sich nahmen, um minimale Szenen in den Kasten zu bekommen. In den Gaskammer-Szenen liegen dutzende nackte Leiber aufeinander, was sicherlich nicht angenehm zu filmen war, ebenso wie die Morgenappelle, für die die Statisten lange Zeit regungslos stehen mussten. Die Frauen ließen sich sogar bedingunglos ihre Haare abscheren, obwohl das in dem Kulturkreis, in dem sie leben, nicht gerne gesehen ist und obwohl sie meist nur wenige Sekunden Screentime haben.

Genau so überragend spielen auch die "richtigen" Schauspieler. Es ist schon überraschend zu sehen, wen Nelson da alles zusammentrommeln konnte. In der Besetzungsliste finden sich derart große Namen wie Harvey Keitel, Steve Buscemi und David Arquette, die in ihren Rollen alle fabelhaft aufgehen. Insbesondere Harvey Keitel als SS Offizier ist grandios, auch wenn man ihm sicherlich unterstellen könnte, dass er seine Sache schon fast so gut macht, dass es nicht mehr ganz geheuer ist.
Auch Schauspieler, denen man eine derartige Darstellung nicht zutrauen würde, agieren fabelhaft. Bei David Arquette zum Beispiel, den ich bislang nur aus Komödien kannte, hatte ich zuerst ein mieses Gefühl, wurde dann aber letztendlich eines besseren belehrt. Der Gute passt umwerfend in seine Rolle.

Um meine Kritik abzuschließen, möchte ich noch einmal auf den zentralen Punkt des Films kommen. Wer reichlich dramatische Momente sucht, ist hier fehl am Platz, es ging Nelson mehr darum, dass damalige Geschehen möglichst genau und realistisch nachzuerzählen und dabei die Frage in den Raum zu werfen, wie ein Mensch zu derartigen Taten fähig sein kann. Eine musikalische Untermalung hat "Die Grauzone" bis auf den Anfang und den Abspann nicht und auch die spannungsreicheren Momente halten sich stark in Grenzen. "Die Grauzone" ist keine Unterhaltung, sondern ein Film, über den man nachdenken muss und sollte. Wenn einem das gelingt, und das ist sicher, werden einem spätestens am Ende plötzlich und unverhofft die Tränen kommen.




"Die Grauzone" ist ein schmerzhaft realer Einblick in das Leben im damaligen Konzentrationslager Auschwitz. Die Bilder, die Nelson dabei ab und an auffährt, sind zwar sehr drastisch, das kann man nicht leugnen, dennoch unterstützen sie nur das Hauptvorhaben des Regisseurs, nämlich möglichst viel Realität in das Geschehen einfließen zu lassen. "Die Grauzone" wirkt dadurch wesentlich kälter und hoffnungsloser als zum Beispiel "Schindlers Liste", da es hier kein Happy End gibt, und keine Sekunde lang die Hoffnung besteht, dass den Juden durch ihren Aufstand die Flucht gelingen wird. Die langsame Erzählweise kann beim actionorientierten Publikum im Übrigen sehr schnell Langeweile aufkommen lassen, deshalb sollte man sich darüber im Klaren sein, dass dies kein typischer Unterhaltungsfilm ist. Dennoch sollte durch die Kernfrage des Films, was würdest Du tun, um in einer derartigen Situation zu überleben, niemand gänzlich unberührt bleiben.


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