Eine Kritik von ad noctum (Bewertung des Films: 4/10) eingetragen am 15.02.2007, seitdem 651 Mal gelesen
Handlung:
Der Regierungsangestellte Sam Lowry arbeitet im Informationsministerium eines totalitären Systems und versucht, seinem öden Bürokratendasein durch Tagträume zu entkommen, in denen er der Held ist und eine ihm unbekannte Frau die zweite Hauptrolle spielt. Nachdem ein unschuldiger Mann aufgrund einer zermatschten Fliege zu Tode kommt (sic!), lernt er diese Frau im realen Leben kennen. Sie ist nämlich Zeuge des Regierungsfehlers, klagt diesen an und wird somit zur Terroristin abgestempelt. Sam ist jedoch entschlossen, ihr zu helfen, wodurch auch er sich in ungeahnte Gefahr begibt...
Meine Fresse ... was ist das denn?
Beziehungsweise ... was soll/will dieser Film darstellen?
Also mir erschlossen sich nur folgende Interpretationsmöglichkeiten:
1. eine lustige Dystopie (und/oder)
2. eine Satire auf die Bürokratie moderner Gesellschaften.
Zu 1:
Eine lustige Dystopie ist in meinen Augen ein Paradoxon, weil etwas Bedrohliches durch etwas Witziges weniger bedrohlich und etwas Witziges durch etwas Bedrohliches weniger witzig wirkt. Am Ende kommt dann also eine wenig lustige und wenig bedrohliche Zukunftsvision heraus, und genauso kam mir der Film auch vor. Witzig fand ich nur wenige sarkastische Sprüche und zum Fürchten ist das hier gezeigte totalitäre System aufgrund diverser Albernheiten auch nicht. Ich räume aber ein, dass ich mit dem britischen Humor nicht klarkomme und die Botschaft bei mir deshalb nicht richtig angekommen ist.
Zu 2:
Hier wird der Film etwas konkreter und verteilt einige Seitenhiebe auf den Menschen von damals, der sich bis heute in vielerlei Hinsicht nicht gerade zum Positiven entwickelt hat. Allerdings kann ich über die überspitzte Darstellung des bürokratischen Machtapparates nicht lachen, da ich in der Realität selbst schon einige Erfahrungen mit Bilderbuch-Bürokraten sammeln durfte. Lustig ist sowas nur, wenn es Andere erleben und man sich über deren Erzählungen amüsieren kann, weil man bestimmte Dinge kaum für möglich hält. Aber dass die Wirklichkeit manchmal schlimmer als jeder Alptraum ist, brauch ich wohl niemandem zu erzählen, der nicht als Prinz(essin) auf der Erbse aufgewachsen ist.
Fazit:
Ich fand den Film ziemlich öde, auch wenn der visuelle Aspekt einige Längen kaschieren kann. Trotzdem wirkten Sams Traumsequenzen auf mich eher nervend und der Versuch, seiner Traumfrau näher zu kommen, reichlich pubertär. Die Leistungen der Schauspieler können dennoch als gelungen bezeichnet werden, denn wenn sie albern wirken weil es das Drehbuch oder der Regisseur verlangt, geht das wohl in Ordnung.
Den Exotenbonus hat dieser Film aufgrund seiner Optik zwar sicher, aber seine Art der Gesellschaftskritik, z.B. der Verlust der Individualität und das unreflektierte Befolgen von scheinbar gottgegebenen Regeln – verpackt in schrägen Humor – konnte mich nicht überzeugen. Es gibt echt bessere Filme, die sich ernsthaft mit der hiesigen Thematik auseinandersetzen. Mir war dieser Mix aus Action, Komödie, Science Fiction und Drama einfach zuviel des Guten bzw. Gutgemeinten. Somit ist "Brazil" ein anspruchsvoller Film, der leider öfters ins Chaotische abdriftet und deshalb den individuellen Zugang erschwert.
Mal sehen, ob er durch öfteren Genuss an Qualität gewinnt, wie es gern behauptet wird...