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Ken Park (2002)
Eine Kritik von Gevatter Hein (Bewertung des Films: 9/10) eingetragen am 19.09.2004, seitdem 907 Mal gelesen
"Apokalypse USA" könnte ein anderer treffender Titel für Larry Clarks jüngsten sein, denn hier wird, wie in einer Petrischale, ein Bild der Gesellschaft der Vereinigten Staaten entworfen wie es wohl kein europäischer "Anti-Amerikaner" zustande bringen würde.
Clark hat bei "Kids" schon bewiesen, daß ihm nicht an einer Verhighschoolteeniekomödisierung liegt, sondern er im Gegenteil dem wirklichen Erleben der Jugendlichen in Amerika Rechnung tragen will, mit all den üblen Dingen, die das eben mit sich bringt.
Wie auch bei seinem Erstling sind die Geschichten nur sehr lose verknüpft, eigentlich ist nur die Tatsache, daß sich die Personen kennen der Anknüpfungspunkt eines Suburbia-Armageddon erster Güteklasse. Der film beginnt im wahrsten Sinne des Wortes mit einem Knall, denn der namensgebende Charakter des Films, Ken Park, fährt, Skatermusik hörend und scheinbar in alltäglicher Stimmung, in einen Park mit Skatebahn, woselbst er sich eine Kugel durch den Kopf jagt, natürlich nicht ohne diesen Akt mit Videokamera aufzuzeichnen, als ob er diese nur vermittelt durch ein Filmbild als wahr nehmen könnte.
Ken Park ist aber eine Figur, die nur den Rahmen bildet, einen düsteren, denn der Hauptteil befaßt sich mit den Jungen und Mädchen seiner Clique.
Da ist Claude und seine gerade mal dem Trailer-Park entronnene Familie, der Vater der ihn zu hassen scheint, der ihm aber ins Bett nachsteigt und "Liebe" will, seine schwangere Mutter, die noch infantiler scheint als die meisten der Jugendlichen, dann Psycho-Tate, der nichts mehr peilt, sich autoerotisch zum Masturbieren würgt, während er Damentennisübertragungen schaut (wobei für mich letzteres der eigentlich erschreckende Aspekt war), der zuguterletzt seine Großeltern, bei denen er lebt und die ihn scheinbar mögen, im Schlaf ersticht. Dann Peaches, das einzige Mädchen, deren Mutter gestorben ist und die jetzt mit ihrem religiös-fanatischen Vater lebt (was auch bei ihr zu merkwürdigen sexuellen Vorlieben geführt hat). Als letzte eigentliche Hauptfigur dann Shawn, der auch die Mutter seiner Freundin oral befriedigt ("eure Muschis riechen gleich"), sonst aber in deren unerträglicher all-American family reichlich deplaziert wirkt.
Man kann einräumen, daß die Typologie des Films sich eines sehr starken Pinselstrichs bedient, dennoch wirken die Charaktere und ihre Motivationen nie klischeehaft. Ganz im Gegenteil gibt es viele Szenen, die eine ziemliche Ratlosigkeit der Protagonisten enthüllen. Sie versuchen einem bestimmten Typus zu entsprechen, doch über die Mechanik ihres Zusammenlebens hinaus findet einfach keine Zuneigung statt. Das ist auch das Deprimierende an "Ken Park", nämlich die ausschließliche, verzweifelte Sinnsuche entweder über Sex, der zwar explizit dargestellt wird, aber nicht besonders aufreizend wirkt (es fehlt die pornografische Ausleuchtung), religiösen Fanatismus oder Gerechtigkeitswahn (Tate erregt sich maßlos über seinen Großvater, weil dieser beim Scrabble spielen schummelt).
Interessanterweise sind es diesmal, noch viel mehr als in "Kids", die Zwischentöne, die die Geschichten so plastisch erscheinen lassen. Man erkennt hinter dem Machogehabe von Claudes Vater dessen Ungeliebtheit, obwohl er noch stolz war, wegen seiner Muskeln geheiratet worden zu sein, bei Tate kann man die Verletzungen nur über seine Taten erahnen, Shawn steht schüchtern und unsicher zwischen zwei Frauen, eine in seinem Alter, die andere könnte seine Mutter sein und bei Peaches weiß man einfach, daß sie irgendwann in Pornofilmen, oder schlimmerem, landen wird.
Die eminente Beziehungsunfähigkeit zwischen Eltern und Kindern, der Jugendlichen untereinander und die daraus resultierende Lieblosigkeit präsentieren ein weit düstereres Bild des amerikanischen status quo als das gesamte Oeuvre von Michael Moore. In kleinen, scheinbar nebensächlichen Szenen, kommen diese Dinge deutlicher zum Ausdruck als in allem Sex und aller Gewalt. So sieht man zu Anfang Casanova Shawn seinen Bruder auf den Boden drücken, diesen zum Liebesgeständnis zwingend. Die Mutter seiner Freundin fängt, als Shawn sie mit ihrer Tochter vergleicht, irgendwann fast zu weinen an und man weiß nicht, ob das jetzt die Bewußtwerdung ihrer eigenen verfahrenen Ehesituation ist oder der Neid auf ihre Tochter, die das Leben noch vor sich hat (wohl beides und einiges mehr). Oder auch Claudes Eltern, die sich nach ein bißchen Getändel im Bett ansehen, einander offenbar nicht begreifend, um dann weiter die unsägliche Jerry Springer Show zu schauen.
Der Kreis wird wieder mit Ken Park geschlossen (vor dem Freitod), der seine Freundin geschwängert hat und mit ihr nun auf einer Parkbank sitzt während sie über die Zukunft des Babies und ihre eigene sprechen. Sie ist gegen eine Abtreibung und fragt ihn spitz, was er wohl sagen würde, wenn seine Mutter ihn abgetrieben hätte. Realistischerweise sagt er nichts, doch über sein stoisches Gesicht huscht ein dunkles Lächeln, daß zu sagen scheint: das wäre wohl das beste gewesen.
Natürlich ist vieles, was ich geschrieben habe meine sehr subjektive Interpretation des Gezeigten, doch die Tatsache, daß der Film zu solchen Gedanken anregt, macht ihn schon empfehlenswert. Auch haben Larry Clark und sein Co-Regisseur Edward Lachmann sicher nicht die Filmgeschichte revolutioniert, doch diskussionsanregenden Stoff hat man hier allemal. Eigentlich sollten sich engagierte Lehrer dieses Films annehmen und ihn ihren Schülern präsentieren. Reifen Menschen ab 16 ist dies, entgegen der FSK-Freigabe, durchaus zuzumuten.
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