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Ansicht eines Reviews
Dämonischen, Die (1956)
Eine Kritik von Fastmachine (Bewertung des Films: 7/10) eingetragen am 08.10.2006, seitdem 712 Mal gelesen
Buh! Die Russen kommen. – Gut getarnt natürlich. Diesmal als tückisches Gemüse aus dem Weltall. Und sie sind überall. Sie kriegen dich. Deine Nachbarn haben sie schon. Man denkt an nichts böses, nickt kurz ein und schon ist es zu spät. Du wirst einer von ihnen.
Na, erschreckt? Schon gut, dafür sind wohl alle zu abgebrüht heutzutage, fünfzig Jahre nach der „Invasion der Körperfresser“ und einige Remakes später. Ein durch und durch guter Kleinstadtarzt bemerkt zunächst schleichende, dann grassierende Veränderungen bei seinen Mitmenschen. Sie scheinen nicht mehr sie selbst zu sein, obwohl sie sich nicht verändert haben. Was stört, ist die Gleichförmigkeit und Gefühlsarmut. Langsam kommt er einer ungeheuren, nahezu unaufhaltsamen Bedrohung auf die Spur.
Auch wer den Film nicht kennt, dem wird diese Geschichte wie ein alter Bekannter vorkommen.
Wenn man im Passat langjähriger Deutungsklischees segelt, hat man als Reviewautor ein herrlich unbeschwertes Leben. Auf dem Schreibtisch liegt stets griffbereit der passende Stempel, den man einer ganze Reihe von Filmen schnell aufdrücken kann: „Paranoiakino“, „McCarthy-Ära“, „Kommunistenfurcht“, oder „Tanzmelodram für Mädchen“.
Ups. Letzteres ist hier natürlich völliger Blödsinn. Es zeigt aber, wie schnell und gedankenlos man zum nächst besten Stempel greift, um Filme eben auf bequeme Art abzustempeln.
Regisseur Don Siegel war mit der fest etablierten politischen Deutung seines genreprägenden Films anscheinend nie recht einverstanden. Nun muss die Selbsteinschätzung eines Regisseurs nicht unbedingt die beste Deutung seiner Werke sein, doch inzwischen melden sich mehr als nur leise Zweifel an der üblichen Interpretation.
Sicher, das Thema lag in den Fünfziger Jahren, zu Hochzeiten des Kalten Krieges, in der Luft. Zwei Ideologien bekämpften sich weltweit und beide vermuteten den Feind nicht nur im gegnerischen Block, sondern auch im eigenen Lager. Die Furcht vor „kommunistischer Unterwanderung“ trieb einige Jahre die amerikanische Öffentlichkeit um, ohne dass es dafür in den USA jemals einen politischen Grund gegeben hätte.
Jede noch so genaue Betrachtung des Films „Die Dämonischen“ wird aber nicht eine Spur von gesellschaftspolitischen Untertönen finden. Wer den Außerirdischen, sprich Kommunisten, erliegt, ist vollkommen willkürlich und unabhängig von der gesellschaftlichen Stellung des Betroffenen. Auch zwischen moralisch Guten und Schlechten wird nicht unterschieden. Es kann jeden treffen.
Was geschildert wird, ist vielmehr ein archetypischer Konflikt, nämlich der zwischen dem Individuum und dem Konformitätsdruck der Gesellschaft. Ein universelles Thema, dass in den USA sogar Verfassungsrang hat, da jedem Bürger die frei Entfaltung der Persönlichkeit, die „Verfolgung der eigenen Glückseligkeit“, garantiert wird.
Die Bösen, seien es fremde Mächte, finstere Konzerne oder Außerirdische, wollen genau das verhindern. Und so nimmt der einsame Held den Kampf für die Freiheit und/oder die Liebe auf. In den Fünfziger Jahren ging der Kampf zumeist gut aus, in den Siebzigern durfte es auch schon mal ein böses Ende nehmen.
Aber, und dies ist das Entscheidende, eine gradlinige Deutung des Films als politisches Gleichnis für die McCarthy-Ära lässt sich aus der konkreten Handlung nicht beweisen. Man könnte die gefühlskalten und gleichgeschalteten Außerirdischen genauso gut als Gleichnis für den Faschismus, den Kommunismus, wie auch der Angst vor dem Kommunismus oder dem Konformität fördernden Kapitalismus deuten. Man mache die Probe aufs Exempel und schreibe für jede der vorgeschlagenen Deutungen das passende Review. Man wird sehen, dass dies problemlos möglich ist. Es scheint angebracht, in diesem Fall eine gewisse Skepsis zu wahren gegen allzu schnelle interpretatorische Kurzschlüsse.
Es gibt natürlich Filme innerhalb des Fünfziger Jahre „Paranoiakinos“, die lassen derartige politische Deutungen legitim, ja notwendig erscheinen. Andere geben eher einem vagen Zeitgefühl Ausdruck und bedienen sich dabei klassischer Handlungsmotive. Mir scheint „Die Dämonischen“ gehört in letztere Kategorie.
Einem Zeitgefühl Ausdruck zu verleihen reicht allein nicht, um das Interesse der Nachwelt zu rechtfertigen. Wenn es etwas gibt an diesem Film, das ihn als kleinen Gipfel über dem weitläufigen Mittelgebirge des Fünfziger Jahre Paranoiakinos herausragen lässt, dann ist es Don Siegels Kraft zur selbst tragenden Bilderzählung, die sich aus einer suggestiven Perspektivenwahl und aus hart kontrastierten Ausleuchtungseffekten speist.
Don Siegel schafft dem Verfolgungswahn die passenden Umgebungen, in denen er seine Opfer, die Helden und die Zuschauer, heimsuchen kann. Dunkle Keller, lange Flure und weite Plätze, die keine Deckung bieten: virtuos wird hier mit Standardelementen des Schreckens gespielt. Immer wirken die unheimlichen Schauplätze authentisch, nie als künstlich aufgesuchte Klischeeorte.
Stärker noch die Verwandlung des Vertrauten, der allerbanalsten Orte in ein bedrohliches Umfeld. Nichts scheint normaler, als durch die Hauptstraße der kleinen Heimatstadt zu schlendern, die Nachbarn zu begrüßen und mit Bekannten drei Worte zu wechseln. Don Siegel zeigt uns Harmloses auf verdächtig harmlose Weise. Ein Mann mäht den Rasen seines Vorgartens. Die Kamera zeigt ihn mähen, Bahn für Bahn. Aber schon die Behauptung einer Verwandten, er habe sich verändert, er sei nicht mehr derselbe, gibt den Bildern des friedlich Mähenden einen abgründigen Anstrich. Die sich wiederholenden Arbeitsvorgänge, Bahn für Bahn zu mähen, bekommen etwas roboterhaft Kaltes, obwohl sich äußerlich rein gar nichts gewandelt hat. Allein die veränderte Perspektive des Zuschauers, die Herrschaft des Verdachts, gebiert das Unheimliche.
Unbehaust und zunehmend verloren wandeln die Hauptdarsteller durch eine fremder werdende Welt. Don Siegel zeigt nun, wie selbst der Blick nach draußen ein konspiratives Ereignis wird. Verstohlen blicken die beiden Unbeeinflussten nur noch durch die Gardinen nach draußen auf die Straße. Alles wie sonst und doch ganz anders. Mit einem Mal wirkt das öffentliche Leben feindselig. Fast schon erleichtert sind wir, wenn dann die verschwörerischen Absichten der Außerirdischen offen sichtbar werden.
Große Teile des Films spielen bei Nacht. Keine romantische Nacht im Mondlicht, sondern eine verschlingende Finsternis. Durch Spalten, kleine Luken und Gitter dringt fahles künstliches Licht in die Szenerie. Scharfkantig leuchten die Konturen auf; geradezu grell reflektieren die strahlend weißen Hemden die gebündelten Strahlen. Hier werden die Möglichkeiten der suggestiven Schwarz-Weiß-Fotografie vorzüglich genützt. Im Umfeld des SF-Kinos jener Jahre, dass stilistisch meist Hausmannskost bot, geradezu auffällig extravagant, aber stets im Dienste der Gesamtwirkung..
Vieles an diesem Film zeigt eine künstlerische Kraft, die weit über dem Genredurchschnitt liegt, doch wird sein Rang durch zwei Faktoren deutlich gemindert. Der eine Faktor sind die eher mittelprächtigen Schauspieler, die zwar deutlich über dem hölzernen Trash des Fünfziger Jahre Bodensatzes stehen, aber ebenso fühlbar von Leistungen der wirklich großen Charakterdarsteller der Zeit entfernt agieren. Dafür kann der Regisseur nichts, das dürfte am Charakter und am Budget einer solchen Produktion damals gelegen haben. Hier hat das Remake von 1978 mit Donald Sutherland in der Hauptrolle einen klaren Pluspunkt zu verzeichnen.
Weitaus gravierender aber beeinträchtigt das lückenhafte und widersprüchliche Drehbuch den Rang dieses Films. So atmosphärisch stimmig und dicht viele Szenen auch sind, die Abfolge der einzelnen Phasen der Invasion gestaltet sich mehr als holperig und unglaubwürdig. Das Übel beginnt mit der Auffindung des ersten halbfertigen Puppenkörpers. Völlig bar jeder Logik reagieren die Hauptfiguren, völlig absurd das weitere Geschehen.
Schlimmer noch: die Schilderung des Verpuppungsvorganges ist in sich unlogisch und wird ganz uneinheitlich geschildert. Mal muss eine außerirdische Pflanze direkt in die Nähe des menschlichen Opfers gebracht werden, mal scheint die Verwandlung sogar ohne sie zu geschehen. Mal muss ein Opfer stundenlang schlafen, damit sein Geist von der Pflanze aufgesogen werden kann, mal scheint ein besserer Sekundenschlaf zu reichen. In einigen Fällen, wie etwa in der zentralen Gewächshausszene, entwickeln sich die Doppelgänger in den Pflanzen, ohne dass die Menschen schlafen. Und die größte Frage von allen: Wo bleiben die alten menschlichen Originalkörper? Der Film hüllt sich hier völlig in Schweigen.
Natürlich darf man an Fünfziger Jahre Invasionsfilme nicht übermäßig strenge Maßstäbe in Sachen Glaubwürdigkeit anlegen, aber in diesem Fall wirkt die fadenscheinige Handlungslogik sehr störend und zieht den Film wieder in den B-Film Bereich, den er durch seine qualitätvolle Bildsprache gerade zu verlassen schien. Auch hier kann das 1978er Remake den direkten Vergleich klar für sich entscheiden.
Fazit: Regisseur Don Siegel zeigt mit „Die Dämonischen“ schon mehr als eine Talentprobe, aber seine künstlerische Kraft ist noch in einem halbwüchsigen Entwicklungsstadium begriffen. Bis sie zur vollen Meisterschaft reifte, sollte es noch dauern. An künstlerischem Gestaltungswillen mangelt es ihm gewiss nicht, wohl aber an Stringenz in der Handlungsführung. Wenn man bei der Verleihung des Filmklassikerstatus wie bei einer olympischen Siegerehrung vorgehen könnte, so gehörten die „Dämonischen“ sicher aufs Treppchen, aber man hängte ihnen mit gutem Gewissen bestenfalls die Silbermedaille um.
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