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Wenn die Dekoration einer Bar, selbst im Alten China vorherigen Jahrhunderts aussieht wie ein notdürftig zusammengehauener Holzverschlag, der mehr einer wüsten, kurz vor dem völligen Zusammenfall stehenden Bretterbude als einem Trinklokal ähnelt und als Lichtquelle nur eine blanke Glühbirne ohne Schirm dient, dann befindet man sich im B-Film, der langsam aber sicher nicht mehr vermeiden kann, in die Kategorie C, der Unterdeckung des Etats abzusteigen. Wäre die anheimelnde Behausung demütiger Hässlichkeit ein aberwitziger Ausnahmefall, ein kontextueller Fingerzeig, der die Sachlage für all die provisorisch primitive Behelfsunterkunft aus der Geschichte her beziehen würde und nicht die Regel der hiesigen Ausstaffierung im Mindestmaß an Kulissen und Requisiten. Dann würde sich auch erklären, warum das Polizeihauptquartier nur gelinde besser möbliert ist und eine Motorradverfolgungsjagd den beschränkten Blickwinkel der statischen Totale wählen muss und sich nicht einmal leisten kann, bei der Hetze über Stock und Stein sowohl auf die Tag-und-Nacht Gleiche zu verzichten als sich auch selber kameratechnisch in Bewegung zu setzen.

Das Geld dafür ist schlicht nicht da, der Finanzier kann nicht auf Gebührenmilliarden oder Billettsteuern, sondern nur auf seinen guten Willen und dem seines Teams zurückgreifen und muss, ob er möchte oder nicht, die stark einschnürende Beschränkung im Produktionsvolumen von vornherein in Kauf nehmen. Und das, obwohl er einen Regisseur an Bord hat, der 2002 den Lifetime Achievement Award bei den alljährlichen Golden Horse Film Festival and Awards im Empfang nahm, in den Achtziger geschätzterweise mit am Verbreitesten auf dem damals gängigen Medium der Videokassette und bis hierhin schon vierzig Jahre im Geschäft, mit knappen 90 Regiearbeiten vertreten und mit das Aushängeschild der Shaw Brothers war.

Die Rede ist von Chang Cheh, sicherlich nicht Bester, aber mit am meisten Beschäftigter und nicht nur deswegen auch fast der Einflussreichste in seinem Metier der Ära, der lange vor Zögling John Woo als Sammelbegriff für großes, episches, aufwändiges und entsprechend stargespicktes Kino und Synonym für etwas galt, dass heutzutage thematisch als Heroic Bloodshed fungiert. Chang drückte die Hemmschwellen der Zensur auf, änderte das bislang geltende Starsystem, führte allgemeinverständliche Markenzeichen ein und hielt diese ebenso wie die Grundrisse der Handlung, abgesehen von einigen künstlerischen Ausbrüchen auch sein Lebtag lang ein. Slaughter in Xian ist sowohl obskurer Leidensweg, durch die mangelnde Verbreitung begehrt gesuchte Nachbildung der etablierten Etiketten, ein Akt der Rebellion als auch die versuchte Anpassung an veränderte Zeitumstände; sarkastischerweise eine Phase voll Segensreichtum, die ihm viel zu verdanken, aber nur wenig zurückzugeben hatte und in der man sich mehr für das Klischee der Imitation als das ursprünglich essentielle Original interessierte.

Während A Better Tomorrow samt nachfolgenden Konsorten die Tresore füllte, die galant geschniegelten Protagonisten im schwarzen Ausgehanzug, dem weißes Hemd mit gestärktem Kragen und Krawatte ihren Dienst an der Waffe versahen und Regisseure und Autoren sich dem Sachverzeichnis Chang Chehscher Prägung annahmen, drehte dieser, geschwächt durch Krankheiten und hohem Alter seinen eigenen Generalindex noch einmal neu. Ein Kommen und Gehen, rauhe Spontaneität, optisch weder ein- noch ausladend. Vermögens-, aber nicht gänzlich tatenlos und mit Hilfe der Aufstrebenden Jungtalente Do Yuk-Ming, Dung Chi-Wa, Chui Siu-Kin und Ku Wing-Chuen als Darsteller und Action Choreographen attestiert, bestückte er seine letzten vier Werke als einmütiges Kompendium; wie als Testament, als Anwartschaft, als Bestätigung des Eigentumsrecht stellten die sich beiden abschließenden Fabrikate gar als Remake privater Schöpfung heraus [ Hidden Hero von Life Gamble und Ninja in Ancient China von Five Element Ninja, beide jeweils 11 Jahre vor der zweiten Bearbeitung abgeschlossen ].

Schon von seinem Stoff her ist auch das vorliegende festumrissene Produkt ein ungeschminkter Abschied, voll Abschreckung und Isolierung. Kugelballett im Jammertal. Ein Abdanken an die Konkurrenz, die das Muster verschiedener Schuld-, Sühne- und Rachehandlungen untrennbar mit seinem Namen weiterführt, aber auf eine Allianz, eine Kooperation oder die Konkordanz verzichtet. Und trotz dieser Entmachtung die sture Verweigerung eines Rücktritt, einer Zwangspensionierung, der Ablehnung des Bittgeschenks Just Heroes, auch wenn das Glücksversprechen vom Geldregen Kapitalismus in noch so weiter Ferne liegt. Kunst und Leben, schon in sich ein Paradoxon, überschneiden sich. Was bleibt, ist eine Handvoll Staub:

Unterprovinzstadt Xi'an, Hauptstadt der Provinz Shaanxi, erste Hauptstadt des Kaiserreichs China und Grabstätte des Kaisers Qin Shihuangdi. Im Jahre 1924 hat sich Machtdünkel in der Obrigkeit breit gemacht und den Nährboden für Bestechung, Schiebung, Vettern- und Misswirtschaft und Sittenverderbnis bereitet. Besonders die Gesetzeshüter hat es erfasst, Captain Ma [ Chui Siu-Kin ] unterstützt nach besten Kräften und Gewissen den Waffenhändler Kuk Tai Tung bei seinen illegalen Geschäften und kann bis auf seinen Vice Captain Ho Yuen Sun [ Dung Chi-Wa ] auch auf sämtliche Belegschaft in seinem Revier zählen. Ho bedient sich zwar bei Straßenhändlern und schmeisst ihnen die weggefutterten Bananenschalen an den Kopf, ist ansonsten aber ein rechtschaffener Mann, der seinen Beruf unabdingbar ernst nimmt. Als eines Tages durch den von Kuk losgeschickten Killer Tong Jim Fai ein Anschlag auf eine mit Juwelen reisende Konkubine und ihren Tross veranstaltet wird, möchte Ma den mehrfachen Mord dem Peking Opern Schüler Ho Yuen Sun [ Chow Lung ] unterschieben; einem Ex-Dieb, der die letzten Jahre den rechten Pfad des Lebens gefunden hat. Der einzige Zeuge des Attentates, ein Taschendieb, wird ebenso zu einer Falschaussage gezwungen wie der zunehmend unwirsche Ho wegen seiner forschen Neugier vorübergehend mit einem vermeintlich wichtigen Auftrag nach Cheung Chau abkommandiert wird. Als er wieder kommt, findet er die Angelegenheit seltsamerweise "bereinigt" und sich selber auf der Abschussliste vor. Er schlägt zurück.

Bezüglich Atmosphäre und Materialeinsatz macht man noch das Beste aus dem Servicekahlschlag. Indem man im beachtlichen Maß-für-Maß Denken eine möglichst sensationelle, aber dennoch einfache Handlung häufig verwendeter Konvention im steten Wechsel von aktionsheischenden Szenen und klagender Leidensmine mit der flehentlich düsteren Stimmung und großer Leidenschaft in Einklang bringt. Und so in Konzentration statt Zerstreuung die unmittelbare Wirkung der Rachetragödie evoziert. Das Hineinstolpern in das barsch abweisende Setting samt ruppig taktlosen Umständen, spröd hitzköpfigen Gesten und ebensolch unkultivierter Dachpappen-Architektur fällt des Anfangs nur deswegen schwer, weil sich selbst die Spitze des gesinnungslosen Eisberges derart hochtürmt, dass so immens viele Personen aufgezählt, wenn auch nicht gleich eingeführt werden, dass Einem da schnell schon mal der Kopf rauchen kann. Bevor sich weitere Fragen bezüglich des Hergangs, der Balance zwischen Chaos und Ordnung und seiner etwaigen Unschlüssigkeit entwickeln können, versteift sich sowohl das selektierende Skript als auch der Zuschauer beizeiten darauf, dass Alle, abgesehen von Ho und Fu [und einem saufenden Cop A.D.] gehörig Dreck am Stecken haben und die Beiden Anderen dafür umso sauberer im Herzen und Gemüt sind.

Gerade dort kommt in adäquater Weise auch eines der offensichtlichsten und mit Kontroversesten Subjektmotive von Chang Cheh zum Tragen: Die Blutsbrüderschaft unter Männern, die noch immenser als bei seinem Protégé John Woo als mehr oder minder versteckte Homosexualität ausgelegt wurde; eigentlich keine Angelegenheit, die wirklich diskutierbar im Sinne von skandalös oder gar verwerflich ist, dem entsprechend männlichen, sich als straight gebenden Mainstreampublikum aber einige zweideutige Emoticons auf die Stirn gezaubert hat. Ob die sichtliche Anziehungskraft zwischen Ho und Fu – zwei durchtrainierte Burschen in der Blüte ihres Lebens, die bei dem ersten Kennenlernen auf der Theaterbühne auch mit freiem Oberkörper die Muskeln arbeiten lassen und später auch mal verspielt wie junge Hunde am Boden raufen –, nun wirklich nur auf der gegenseitigen Loyalität und den gleichen Idealen von Ehre, Würde, Respekt und Rechtschaffenheit oder auf Mehr beruht, wird sowohl im Film als auch von Chang Cheh in seinen Memoiren erst überdeutlich anskizziert, dann aber abgestritten: "In my films there are depictions of homosexual characters, and I have expressed interest in topics that touch on homosexuality, but these have absolutely nothing to do with male friendship!"

Umso anschaulich artikulierter wird die plastische Gewalt in Szene gesetzt, die im erst verzögerten, aber dann desto demonstrativen Verfahren, dass auf die ausführlich explodierenden Blutpäckchen während den handverlesenen, zeitlupenartig zelebrierten Shootouts und eingehendem hit-and-run Martial Arts ebenso viel Wert legt wie auf mindestens zwei Folteraktionen; u.a. der tödlichen Penetration mit einem 60cm langen Eisenstab, in der das Blut des Opfers nur so im Raum und Kamera hervorschießt. Nachtigall, ich hör dir trapsen!

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