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Stray Dogs (1991)

Eine Kritik von Red Kite (Bewertung des Films: 9/10)
eingetragen am 24.03.2004, seitdem 518 Mal gelesen


Nach seinem extravaganten uns stilistisch einzigartigen "The Red Spectacles" lässt Regisseur Mamoru Oshii ein nicht weniger beachtliches Prequel folgen, in dem wir nun erfahren, was Deserteur Koichi (wieder geniales Over-acting von Shigeru Chiba) in den drei Jahren seiner Abwesenheit aus Japan eigentlich getrieben hat (näheres zum ersten Teil bitte dem "Red Spectacles"-Review entnehmen).

Nach seiner Flucht hat es sich der Ex-Panzerkorps-Kommandeur in einem Strandhaus in Taipeh gemütlich gemacht, wo er seine Vergangenheit erfolgreich verdrängt. Doch schon bald wird er von Inui, einem seiner ehemaligen Untergebenen, aufgesucht. Dieser ist nach der Auflösung des Panzerkorps und einem Gefängnisaufenthalt desillusioniert. Da er nichts anderes kennt, macht er sich auf, seinem alten Herrn zu dienen, auch wenn Koichi ihn dazu zu bingen sucht, seine eigene Existenz aufzubauen. Doch auch eine Killer-Truppe, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, abtrünnige Panzerkorps-Mitglieder auszuschalten, ist Koichi auf der Spur. Inui sieht seine Chance, Koichi die Treue zu halten...

Auch wenn es sich hier nicht so ließt: "Stray Dog" hat einen Film besonders stark geprägt: Takeshi Kitano's "Sonatine". Die Story ist fast identisch, tauscht man abtrünnige Panzerpolizisten durch verstoßene Yakuza. Der Spannungsbogen verläuft nahezu parallel: eher düsterer Anfang, zwischendurch Albereien an einem Strandhaus, zum Ende blutiger Shoot-Out. Sogar Kitano's Hauskomponist Joe Hisaishi schien sich stark vom wunderschönen Score Kenji Kawai's (Komponist aller Oshii-Soundtracks) inspirieren zu lassen. Auch die Stimmung der Filme ist sehr ähnlich - ganz anders als noch in "The Red Spectacles".

Taipeh wirkt viel bodenständiger, menschlicher, natürlicher als das Japan des Sequels und lässt Koichi's Rückkehr in das veränderte Japan aus "The Red Spectacles" noch weitaus fremdlicher erscheinen. In gewisser Weise nimmt Oshii hier schon die Stimmung aus seinem späteren "Ghost in the Shell" vorweg. Zu bestaunen gibt es auch wieder die wunderschön designten Kampfanzüge, die auch in dem von Oshii geschriebenen Anime "Jin-Roh" und dem episodenhalften Manga "Hellhounds" auftauchen. Beide lassen sich theoretisch als Prequels zu "Stray Dog" auffassen, da sie das Panzerkorps noch vor der Auflösung thematisieren.

Das Hundemotiv, fester Bestandteil eines jeden Oshii-Films, ist hier wahrscheinlich so zentral wie in keinem seiner anderen Werke. Inui ("inu" ist übrigens japanisch für "Hund") ist hin und hergerissen zwischen dem Verrat seines "Herrn" Koichi und der Treue zu ihm. Erstaunlicherweise ist es Koichi, der in "The Red Spectacles" die Hundemetapher über sich ergehen lassen muss und sich verzweifelt dagegen zu wehren sucht.

Insgesamt ist "Stray Dog" weniger experimentell und leichter zugänglich als "The Red Spectacles" (den man nicht unbedingt gesehen haben muss, um "Stray Dog" zu verstehen). Auch optisch gibt sich Oshii hier eher traditionell: statt monochromer Farbfilteroptik gibt es hier wunderschöne, pralle Farben (wie in "Sonatine"...) und für einen Oshii-Film erstaunlich viele Kamerafahrten, und auch Kenji Kawai hat man selten so leicht und verspielt gehört (er benutzt fast ausschließlich nicht-elektonische Instrumente, hauptsächlich wunderschöne Gitarrensoli). Daraus entsteht ein harter und wohl beabsichtigter Kontrast zum Sequel, auch wenn Oshii bewusst mit Motiven aus dem Sequel spielt (so darf die weißgesichtige Pantomimen-Killerbande zum Showdown antreten) und auch gelegentlich surreale Irritationen streut, wie wir sie aus "The Red Spectacles" kennen.

Oshii beweist also ein weiteres Mal, dass er neben Anime-Großproduktionen auch mit kleinem Budget innovative Realfilme drehen kann, die stilprägend für das japanische Kino der 90er Jahre sind. Mit "Stray Dog" hat sich Oshii damit am weitesten von seinen Animes entfernt. Wer ein fetziges Science-Fiction-Spektakel erwartet, ist hier sicherlich fehl am Platz. Der Film ist sehr ruhig und nimmt sich unglaublich viel Zeit für seine Charaktere. Für Freunde von stilvollem japanischen Kino und für Anime-Fans, die offen für einen Blick über den Tellerrand sind, definitiv empfehlenswert.


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