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Es ist kaum zu glauben, dass „American Gigolo“ gerade einmal drei Jahre nach John Badhams Kultfilm „Saturday Night Fever“ entstand, so unterschiedlich sehen beide Werke aus. Während die jungen Männer dieser Welt in den Discos noch Tony Maneros Style und Tanzschritte imitierten, nahm Paul Schrader 1980 den „Miami Vice“-Chic vorweg: Armani-Anzüge statt Schlaghosen, klinisch reines Innendesign mit teuren Kunstgegenständen statt schmuddelige und Poster-gepflasterte Teeniezimmer, Giorgio Moroder statt Bee Gees!

Mit Richard Gere bietet „Ein Mann für gewisse Stunden“ ebenfalls einen Womanizer auf, der wirklich das Idealbild eines Gigolos verkörpert, aber im Gegensatz zu Travolta völlig unerreichbar scheint. Diese Rolle spielt er tatsächlich so überzeugend, dass männliche Zuschauer nur neidisch auf seine Designeranzüge und sein Mercedes Cabrio blicken können, während die Frauen sofort Geres wahnsinniger Leinwandpräsenz erliegen. Dass der Film bis heute oftmals nur auf „Toy-Boy“ Gere reduziert wird, ist allerdings schade und wird „American Gigolo“ kaum gerecht. Im Grunde genommen ist Schraders Streifen nämlich ein Drama, welches im Gewand eines Hochglanz-Erotikkrimis daher kommt, und sein Mordkomplott nur zum Anlass nimmt, die Geschichte mehrerer vereinsamter Seelen zu erzählen.

Richard Gere mimt den Callboy Julien Kay, der es mit seiner feinfühligen Art versteht, reiche Frauen nach Belieben glücklich zu machen, eben dieses Hochgefühl jedoch selbst nicht findet. Nicht umsonst kann er in einer vielsagenden Szene auf die Frage, wobei er denn Vergnügen und Genussfreude empfinde, nichts antworten, sondern seine coole Fassade nur weiter aufrechterhalten. Ausgerechnet von seinen zufriedenen Kunden wird Julian wie eine heiße Kartoffel fallen gelassen, als er ein Alibi für die Mordnacht braucht. Seine beiden Auftraggeber sind für ihn ebenfalls keine große Hilfe, bzw. ziehen ihn sogar bewusst noch tiefer in den Schlamassel.

Sicher kein Zufall, dass sich ein einsamer Wolf wie Julien dann in eine Art Seelenverwandte verliebt: Lauren Hutton wirkt als attraktive Politikergattin Michelle zunächst wie eine unnahbare Femme Fatale aus einem Film Noir, ist aber später der einzig mögliche Rettungsanker für Julien. Die sexuelle Spannung zwischen den beiden bringt die Leinwand förmlich zum Beben. Dies ist schon beim ersten Zusammentreffen der beiden in einer Bar zu spüren: Sie alleine an einem Tisch, Julien setzt sich zu ihr und hat sie, die intelligente, über alle Maßen begehrenswerte, aber eben unnahbare Politikerfrau nach keinen fünf Minuten so weit, dass sie ihm ein „Just one fuck“ ins Gesicht haucht. Kinnlade wieder rauf, Herrschaften!

Die Lovestory zwischen Julien und Michelle ist dann für den Zuschauer auch so etwas wie der einzige Fixpunkt, an den es sich zu halten gilt, um sich den emotionalen Zugang zu diesem Film nicht komplett zu versperren. „American Gigolo“ bietet ansonsten ein reichlich unsympathisches Figurenkabinett, in dem jeder sich selbst der nächste ist. Zudem ist es ziemlich dreist von Schrader, mit Hector Elizondo dem Zuschauer eine Art Spiegel vorzuhalten. Der möchte sein wie Julien, ist aber einfach zu schlecht gekleidet, zu tölpelhaft, zu hässlich, zu plump, zu zigarrenpaffend, zu halbglatzig, um die Frauenherzen dahinschmelzen zu lassen: Er ist ebenso wenig Julien Kay, wie wir es jemals sein werden.

Deswegen nimmt man es dem Detektiv anfangs auch gar nicht übel, dass er diesen eitlen Gockel am liebsten hinter Gitter bringen will, obwohl es auch bei der Polizei Zweifel am Tathergang gibt. Als Julien dann trotz seiner Unschuld immer tiefer in das Mordkomplett verstrickt wird, beginnt seine souveräne Fassade allerdings zu bröckeln, und man überdenkt seine Einstellung zu ihm. Plötzlich sind diejenigen, welche ihn in diesen Abwärtsstrudel hineinziehen wollen, die Fieslinge. Schrader spielt perfide mit den Erwartungshaltungen der Zuschauer und zeigt ihnen eine dreckige Welt voller unglückseliger und vereinsamter Gestalten. Dass „American Gigolo“ in Wahrheit ein tieftrauriges Drama im Gewand eines schicken Erotikkrimis im typischen 80s-Chic ist, das seiner Zeit um ein paar Jährchen voraus war, wollte/will mancher vielleicht nicht wahrhaben. Denn freilich ist es angenehmer, diesen Film auf den vielfickenden Gigolo mit Protzkarre zu reduzieren. Vielleicht wird Schraders Film gerade deshalb bis heute unterschätzt –ein Schicksal, welches er sich mit dem ebenfalls vielfach missverstandenen „Saturday Night Fever“ teilt.

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