Review

Kurz vor den Bundestagswahlen 2002 entstand im Rahmen der „Denk ich an Deutschland…“-Reihe (1997 – 2004) unter der Regie von Andreas Dresen der Dokumentarfilm „Herr Wichmann von der CDU“. Er gliedert sich als elfter und bisher vorletzter Beitrag in die inhaltlich nicht zusammenhängende Reihe von dokumentarischen Spiel- und Fernsehfilmen, welche von der Megaherz GmbH Film und Fernsehen für den Bayerischen und Westdeutschen Rundfunk produziert wurden. Waren Dresens bis dato letzte Arbeiten vorwiegend im Fernseh- bzw. Spielfilmbereich angesiedelt („Nachtgestalten“ (1999), „Die Polizistin“ (2000), „Halbe Treppe“ (2002)), markiert „Herr Wichmann von der CDU“ eine Rückkehr ins non-fiktionale Fach. Im vorliegenden Essay wird u.a. die Frage diskutiert, welcher dokumentarischen Herangehensweise sich Dresen für sein Sujet bedient. In diesem Kontext sollen zudem inhaltliche und ästhetische Besonderheiten des Werks analysiert werden.

Die Verbindung zum Film geht bei dem am 16. August 1963 in Gera geborenen Andreas Dresen bis in die Jugendjahre zurück. Als Sohn des Theaterregisseurs Adolf Dresen und der Schauspielerin Barbara Bachmann dreht er seinen ersten Amateurfilm im Alter von 16 Jahren. Nach erfolgreichem Abitur arbeitet er ab 1984 als Tontechniker am Theater in Schwerin. Eine wichtige berufliche Station stellt ein Volontariat im DEFA-Spielfilmstudio dar, wo er Regie-Assistent von Günter Reisch wird. In den Jahren zwischen 1986 und 1990 absolviert Dresen ein Studium an der Hochschule für Film und Fernsehen „Konrad Wolf“ in Potsdam. Dort entsteht im Laufe seiner Studienzeit eine Vielzahl von unterschiedlichen Produktionen. Mit dem studienbegleitenden Dokumentarfilm „Was jeder muss“ (1989) – einem Werk über einen Jungvater, der unmittelbar nach der Geburt seines Kindes zur NVA einberufen wird – sorgt der junge Regisseur erstmals für – negatives – Aufsehen, was in einem nachfolgenden Verbot gipfelt. In den folgenden Jahren rückt für Dresen verstärkt der Umbruch in Ostdeutschland nach der Wende in den Fokus der filmischen Arbeit – davon zeugen sowohl die Kurzfilme „Zug in die Ferne“ (1990) und „So schnell geht es nach Istanbul“ (1991) als auch sein erster Spielfilm „Stilles Land“ (1992). Im weiteren Verlauf der 1990er Jahre arbeitet Dresen vorrangig für das Fernsehen (u.a. „Mein unbekannter Ehemann“ (TV-Film, 1994), „Kuckuckskinder“ (TV-Dokumentation, 1994)) bis 1999 sein zweiter Spielfilm „Nachtgestalten“ folgt. Dieser markiert einen Wechsel des Mediums. Das anschließende Jahrzehnt zeichnet sich vor allem durch zahlreiche Kinoproduktionen – u.a. „Halbe Treppe“ (2002), „Sommer vorm Balkon“ (2005, Drehbuch: Wolfgang Kohlhaase) und „Whisky mit Wodka (2009, Drehbuch: Wolfgang Kohlhaase) aus. Zu den genannten zählt ebenso die dokumentarische Auftragsarbeit „Herr Wichmann von der CDU“. (DOCKHORN 2006, WALK 2008)

Wie Andreas Dresen formulierte, ging es ihm bei dem Projekt nicht darum, Deutschlands übervölkerte Metropolen zu portraitieren. Sein Ziel lag vielmehr darin, „abliegende, vergessene Orte“ (PIFFLMEDIEN GMBH 2002) ins Zentrum zu rücken. Ursprüngliche Überlegungen gingen dahin, einen Gerichtsvollzieher als Protagonisten zu wählen. Stattdessen jedoch fasste Dresen den Entschluss, einen Lokalpolitiker bei seiner Wahlkampagne zu begleiten. Nach Recherchen fiel die Entscheidung auf den jungen Templiner Jura-Studenten Henryk Wichmann, welcher 2002 für die CDU in der Region Uckermark/Oberbarnim kandidieren sollte. Aufgrund des engen Zeitfensters bis zu den anstehenden Bundestagswahlen wurden alle Produktionsvorbereitungen im Eiltempo vorgenommen. Das Drei-Mann-Team – bestehend aus dem Regisseur Andreas Dresen, dem Kameramann Andreas Höfer und dem Tonmann bzw. Kameraassistenten Andreas Gläßer – begleitete Wichmann ab Ende August für 15 Tage auf seiner Tour durch das ländliche Brandenburg. (PIFFLMEDIEN GMBH 2002)

Dresens episodenhaftes Portrait eines Lokalpolitikers zeichnet sich vor allem durch seine ausbalancierte, neutrale Stellung gegenüber seinem Sujet aus. Das Werk steht im bewussten Gegensatz zu dem anfänglichen Wahlwerbespot. Diesem typischen Beispiel von gezielter und berechnender Zuschauerlenkung setzt der Regisseur hier ein knapp 80-minütiges Kontrastprogramm entgegen. Ungeschönt und direkt – jedoch ohne Henryk Wichmann zu irgendeinem Zeitpunkt der Lächerlichkeit preiszugeben – präsentiert der Film seinen Protagonisten dem Publikum. Damit geht einher, dass auch „menschliche Makel“ ihren Weg auf die Leinwand finden. So beispielsweise als Herr Wichmann bei einem Symposium mit verschiedenen politischen Vertretern der Region eher durch unsachliche Gesten auffällt – oder war es doch nur fehlgeleitete Überambitioniertheit? Ganz gleichgültig, ob dem Zuschauer Herr Wichmanns Art nun sympathisch ist oder nicht, Engagement im Kampf um Wählerstimmen in der SPD-Hochburg darf man ihm jedenfalls bescheinigen. Zeitweise wirkt er beinahe wie eine unermüdliche Ein-Mann-Armee, die an allen Fronten gleichzeitig Präsenz zeigt. Das in etlichen Filmbesprechungen bemühte Motiv des Don Quijote ist hier durchaus angebracht. Wie der Zuschauer nach 80 Minuten erfährt, hat Henryk Wichmann seine Windmühlen – vorerst – jedenfalls gefunden. An dieser Stelle sei nur der Vollständigkeit halber erwähnt, dass Herr Wichmann 2009 schließlich doch ins Parlament einziehen konnte. Wenn auch nicht per Direktmandat, so „wenigstens“ als Nachrücker (WICHMANN 2011).

Neben der diskutierten, offenkundigen Funktion als Politikerportrait besitzt der Film weitere Subtexte. So lässt er sich beispielsweise als „Heimatfilm“ über die Region Uckermark/Oberbarnim lesen. Dresen dokumentiert soziale und politische Befindlichkeiten der Region – etwa die mehrmals erwähnte Abwanderung von Jugendlichen vor dem Hintergrund eines eklatanten Arbeitsplatzmangels oder die rechtsradikalen Tendenzen unter der Bevölkerung. Der Zuschauer kann im Nachhinein natürlich nicht deuten, ob die dargestellten Meinungen – insbesondere zu letzterem Aspekt – in ihrer Häufigkeit statistisch wirklich repräsentativ sind. Die hier auftretende Kumulation derartigen Gedankenguts könnte genauso gut das Ergebnis einer manipulativen Montagestrategie sein. An dieser Stelle kommt es zweifelsfrei auf das Vertrauen in den Regisseur Dresen an, welches zumindest im Rückblick auf sein bisheriges Werk empirisch gerechtfertigt scheint. Der andere Aspekt – der Wegzug der Jugend und der offenkundige Mangel an Wirtschaft in der Region – ließe sich zumindest auch als Rezipient leichter auf Objektivität hin überprüfen.
Als dritte Leseart bietet sich an, den Film als einen tragikomischen Blick auf die Mechanismen des Wahlkampfrummels zu begreifen. Keine Zeit für die Familie, ständig an unterschiedlichen Standorten freundlich lächelnd Flugzettel an Politik verdrossene Passanten verteilen, Symposien mit Bürgern und den politischen Konkurrenten besuchen, Plakate in A0 ordern – um den Konkurrenten Markus Meckel zu ärgern – all das sind sicherlich Stationen vieler Politiker auf Stimmenfang. Ebenso erhellend wie lustig ist es für einen Außenstehenden, wenn Herr Wichmann eine Rede vorbereitet und Kollegen Anweisungen gibt, an bestimmten Stellen klatschend das Publikum zu animieren. Der gesamte Wahlkampf gleicht einer einstudierten Zirkusvorstellung. Er rollt durchs Land und scheint insbesondere kleinere, ruhigere Dörfer zu überwältigen – zumindest bis sich alles an Tag Eins nach der Wahl wie auf Knopfdruck in Luft auflöst.

Mit „Herr Wichmann…“ steht Andreas Dresen in der Tradition des Direct Cinema, welches insbesondere durch Vertreter wie Robert Drew, Richard Leacock und P.A. Pennebaker in den 1960er Jahren Bekanntheit erlangte. Der Regisseur begleitet den Protagonisten mit der Absicht nicht in die vorfilmische Realität einzugreifen. Trotz dieses redlichen Motivs kann natürlich nicht davon ausgegangen werden, dass hier absolut keine Einflussnahme stattfindet. Seine Rolle entspricht der eines möglichst unauffälligen Beobachters, der weder Anweisungen gibt noch Situationen durch die Kamera provoziert. Stattdessen lässt er seinen Protagonisten für sich selbst handeln und sprechen. „Herr Wichmann…“ steht damit im Gegensatz zu Filmen wie beispielsweise „Winter Adé“ (1988) von Helke Misselwitz, „Herr Zwilling und Frau Zuckermann“ (1999) von Volker Koepp oder „Asta e“ (2001) von Thomas Ciulei. Genannte Dokumentarfilme weisen – mal mehr, mal weniger ausgeprägt – den Gestus des Cinéma vérité auf. Dem Zuschauer wird beispielsweise durch die Anwesenheit des Filmemachers vor der Kamera oder aber durch die gezielte Herbeiführung von gewünschten Situationen die Künstlichkeit des Produkts Film vor Augen geführt. Dass Film stets einen Eingriff in die Wirklichkeit bedeutet, wird durch die Methodik des Cinéma vérité offen gelegt.
Dem konträr gelagerten Gestus des Direct Cinema entsprechend geht der Regisseur mit seiner Kamera auf größtmögliche Distanz. Daraus resultiert, dass er insbesondere die Gespräche mit den Wählern auf offener Straße oftmals mit langen Brennweiten aus gebührlicher Entfernung einfängt, um dem Protagonisten bzw. auch den Passanten stets genügend Raum zu lassen – alles im Sinn einer möglichst nicht penetranten Aufnahmesituation. Alternativ dazu setzt Dresen häufig aus der Distanz auf kurze Brennweiten, um durch Totalen auch dem Zuschauer eine beobachtenden Abstand zum Sujet zu ermöglichen. Auf auditiver Ebene präsentiert sich der Film dementsprechend. Es existiert keine ausgefeilte, nachträglich bearbeitete Soundkulisse. Der Ton – Atmos, Sprache, Geräusche, Musik – entstammt hauptsächlich dem Ansteckmikrophon des Protagonisten (PIFFLMEDIEN GMBH 2002) – und somit der diegetischen Welt. Auf untermalende, nicht-diegetische Filmmusik sowie einen erklärenden Off-Kommentar verzichtet der Film im Kontext seines Direct Cinema-Einflusses bewusst.

Der nicht auf klassische Art und Weise plotbasierte „Herr Wichmann...“ weist in rudimentären Zügen eine Drei-Akt-Struktur, wie sie in Spielfilmen gängig ist, auf. So existiert eine kurze Einführung – Dresen nutzt hierfür den Dreh des Wahlwerbespots –, ein verhältnismäßig lang gezogener, episodisch anmutender Hauptteil und ein kurzer Schluss. Der Hauptteil reiht einzelne, geschlossene Einheiten – wie etwa den Wahlkampf auf der Straße, die Besuche Wichmanns (Holzbetrieb, Seniorenresidenz), verschiedene Symposien, Szenen im Wahlkampfbüro und bei Wichmann zu Hause – aneinander. Verbunden werden diese Einheiten mit stetig wiederkehrenden Aufnahmen des fahrenden Protagonisten, sodass mitunter der Eindruck eines dokumentarischen, brandenburgischen Roadmovies erweckt wird.
Im Zentrum des Films steht – ganz in der Tradition von Direct Cinema-Vertreter „Primary“ (Robert Drew, 1960) eine Krisenstruktur, die am Ende auf eine Auflösung zusteuert (GRAMMATIKOPULU 2011). In Form eines finalen Stichtags erreicht der Film seine Klimax. Die Bundestagswahl 2002 beantwortet schlussendlich die stets im Raum schwebende Frage, ob es Herrn Wichmann gelingt, genügend Stimmen zu sammeln, um seinen schärfsten Konkurrenten – den SPD-Politiker Markus Meckel – zu schlagen. Dresen konstruiert den spielfilmartigen Konflikt zwischen Protagonist Wichmann und Antagonist Meckel auf äußerst subtile Weise. Das Interessante ist, dass der Antagonist zwar stets präsent, aber niemals physisch anwesend ist. Eine Vielzahl von Wahlplakaten mit Meckels Konterfei in bewusst gewählten Positionen – so beispielsweise einmal hoch von einem Pfahl auf den jungen Wichmann „herabblickend“ – gestaltet den ausgetragenen Konflikt mehr als deutlich. Aus diesem Grund stellt insbesondere Meckel mit seinen A0-Plakaten mehr als einmal ein zentrales Gesprächsthema für seinen Widersacher dar.

Andreas Dresen präsentiert mit „Herr Wichmann von der CDU“ ein Doku-Portrait im Stil des Direct Cinema. Mit keinem bzw. wohl eher möglichst geringem Eingreifen in die vorfilmische Realität bietet der Film einen direkten, ungeschönten Blick auf die Wahlkampagne des jungen brandenburgischen CDU-Politikers Henryk Wichmann, der vergeblich versucht in einem SPD-dominierten Wahlkreis politisch Fuß zu fassen. Neben dieser Leseart bieten sich noch weitere an. So kann das Werk als „Heimatfilm“ verstanden werden, der soziale und politische Befindlichkeiten – Probleme und Hoffnungen – einer Region anno 2002 mit einem objektiven Blick dokumentiert. Thematische Dreh- und Angelpunkte sind hierbei Ausländerfeindlichkeit und regionaler, wirtschaftlicher Stillstand. Neben genannten Aspekten nähert sich der Film inhaltlich auch dem Wahlkampfrummel allgemein. Wichmann verwandelt sich auf dieser Ebene zu einem exemplarisch gewählten Vertreter, durch welchen die Mechanismen dieses Zirkusses analysiert werden. Dresen verquickt all diese Subtexte zu einem unaufgeregtem Dokumentarfilm, in welchem oftmals kleine Gesten von großer Bedeutung sind.


Quellenverzeichnis:


• DOCKHORN, K. (2006): „Biographie Andreas Dresen“. Erschienen im Internet unter: http://www.defa.de/DesktopDefault.aspx?TabID=1683. Zuletzt abgerufen am: 09. Juli 2011.
• GRAMMATIKOPULU, D. (2011): „Das Direct Cinema“. Erschienen im Internet unter: http://www.movie-college.de/filmschule/dokumentarfilm/directcinema.htm. Zuletzt abgerufen am 09. Juli 2011
• PIFFLMEDIEN GMBH (2002): „Herr Wichmann von der CDU – Hintergrund“. Erschienen im Internet unter: http://www.herrwichmann.de/global_html/hintergrund.shtml. Zuletzt abgerufen am 09. Juli 2011.
• WALK, I. (2008): „Biographie Andreas Dresen“. Erschienen im Internet unter: http://www.film-zeit.de/Person/32750/Andreas-Dresen/Biographie/.Zuletzt abge-rufen am: 09. Juli 2011.
• WICHMANN, H. (2011): „Henryk Wichmann – Vita“. Erschienen im Internet unter: http://www.henryk-wichmann.de/de/Person/Vita/. Zuletzt abgerufen am: 09. Juli 2011.

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