Wolfgang Menge muss schon irgendwie ein Genie sein. Erst führt er der Nation einen bitterbösen Spiegel vor Augen, in dem er mit "Ekel Alfred" Tetzlaff, in der Serie "Ein Herz und eine Seele", eine genauso politisch unkorrekte wie typisch deutsche Figur seiner Zeit erschuf, bevor er dann mit "Das Millionenspiel" den vielleicht besten TV-Film zum Vorschein brachte, welchen es je in Deutschland gegeben hat. Ein Film der Sensationsgier, TV-Quoten, Werbeunterbrechungen und Reality-TV zu einer Zeit anprangert, in der an Privatfernsehen, Quotendruck und Realitywahn noch nicht zu denken war. Und dann war da noch "Smog", einen Film den viele als "Wolfgang Petersen-Frühfilm" ansehen, der aber mit Menge mehr gemein hat, als mit dem späteren Hollywood-Bombast-Regisseur. Denn auch "Smog" ist seiner Zeit weit voraus.
"Smog" handelt, wie der Name schon sagt, von einem der schlimmsten Umweltzerstörer, den man überhaupt kennt. NRW ist von Autoabgasen nur so eingehüllt und das Wetter lässt es nicht zu, dass sich diese Gase verflüchtigen. Und nachdem sich mit dem Auslösen der Smog-Warnstufe 1, dem freiwilligen Verzicht auf das KFZ, nicht viel getan hat, sieht sich die Regierung als bald dazu gezwungen die Warnstufe 2 auszurufen, die den Verzicht des Fahrzeugs per Gesetz vorschreibt. Ein undenkbares Chaos nimmt seinen Lauf, in welchem sich auch die junge Mutter Elvira Rykalla mit ihrem kranken Baby befindet, sowie ein sensationsgieriger Journalist nach dem Anderen. Ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt und Wolfgang Menge bringt es in seinem brutal ehrlichem Drehbuch auf den Punkt. Am "Smog" sind nur wir schuld und nur wir können etwas dagegen tun. Doch die Sensationsgier des Menschen lässt diesen kaum vernünftig handeln, genauso wie der Wille nach Erleichterung und dem ständigen Drang nach dem Gewöhnlichen.
Dabei teilt Menge seinen Film praktisch in zwei unterschiedliche Arten von Film: Dem Spielfilm und der Mockumentary, sprich der gefakten Doku. Im Spielfilmpart sehen wir der jungen Mutter Elvira dabei zu, wie sehr sie unter der aktuellen Luftverschmutzung zu leiden hat, vor allem in der Form ihres neu geborenen Babys, das nicht aufhören will zu schreien, dem aber auch kaum einer wirklich helfen kann, in Anbetracht der gegenwärtigen Situation, welche sich immer mehr zuspitzt. Innerhalb von 4 Tagen spielt sich die Handlung ab, von der immer stärker werdenden Bedrohung, über den traurigen Höhepunkt, bis hin zur Erleichterung der Situation, als sich das Wetter endlich bessert, welche aber dennoch mit einem äußerst bitteren Nachgeschmack ein herkommt.
Spannend und Atmosphärisch geht es dabei zu, wenn Menge und Petersen die Story erzählen. Die Figuren sind allesamt bestens charakterisiert worden und sind in jeder Hinsicht äußerst realistisch aus der damaligen Zeit entnommen worden. Man fiebert und fühlt mit ihnen mit und bleibt bis zum schockierenden Finale am Ball, weil es hier in keinster Weise Auswüchse gibt, die nur des Films wegen ausbrechen, sondern alles von Anfang bis Ende real wirkt. Es ist kein Wunder, dass damals nicht wenige Zuschauer das Geschehen für echt hielten.
Und das vor allem auch deshalb, weil Menge in die Spielfilmhandlung immer wieder ein fiktives Nachrichtenformat einspielt, in dem Reporter und Journalisten der Sache versuchen auf den Grund zu gehen, ohne das sie merken, wie sehr sie eigentlich nur sensationsgierig der nächsten Story hinterher jagen. Schön ist dies vor allem in der Szene zu betrachten, in der ein Journalist in einen Unfall verwickelt wird und daraufhin nichts besseres zu tun hat, als seine Kamera auszupacken, um dies zu filmen und Live in der Sendung unterzubringen. Reporter und Journalisten agieren dabei ebenfalls derart glaubwürdig, dass später zugeschaltete Zuschauer, die die Spielfilmhandlung vom Beginn an nicht mitbekommen haben, teils wirklich denken könnten, es hier mit einer gerade wirklich stattfindenden Nachrichtenübertragung zu tun zu haben.
Packend und aufrüttelnd ist aber vor allem die Tatsache, dass Menge die Handlung zwar zum Schluss nicht im "Smog" ersticken lässt, sondern seine Figuren durchaus wieder frische Luft atmen lässt, dabei aber im gleichen Augenblick zeigt, dass der Mensch aus Katastrophen wie dieser eigentlich absolut nichts bzw. nur bedingt etwas lernt. Man ist froh das alles vorbei ist, dass die Autos wieder wie früher uneingeschränkt fahren können und die Politiker sind zufrieden mit dem ganzen Ablauf und dem Händling des Chaos. An ein Umdenken ist, trotz so vieler Todesopfer, anscheinend nicht zu denken. Und es wundert auch nicht, dass der Film in der Realität damals auf wenig Verständnis stieß und als "Panikmache" bezeichnet wurde, bevor es 8 Jahre später erstmals wirklich zu "Smog-Alarm" in NRW kam. Ein erneutes Zeichen dafür, was Menge für ein vorausdenkender Geist war und noch immer ist.
Aber auch aus rein filmischer Sicht ist dieser TV-Film anderen Filmen seiner Art vorzuziehen. Die Inszenierung des Ganzen ist erstaunlich und mutig. Von Anfang bis Ende ist der Film, passend zum Thema, in ein graues Licht getaucht, das die verschmutzte und vergiftete Luft förmlich spürbar macht. Der Einsatz der Musik ist sparsam ausgefallen, wenn es zum Einsatz kommt passt sie dann aber wie die Faust aufs Auge. Atmosphärisch zieht einem das Ganze dadurch unheimlich in den Bann und bietet alles in allem eine Brillanz, die, genauso wie bei "Das Millionenspiel", Kinoqualitäten besitzt.
Hinzu kommen auch die Darsteller, angefangen bei Marie-Luise Marjan, der man, ähnlich wie Dieter Thomas Heck im "Millionenspiel", nie und nimmer zumuten würde, etwas so perfekt Funktionierendes auf die Beine zu stellen. Wo sie mit ihrer Schauspielart ansonsten eher nervt, so passt diese hier wie die Faust aufs Auge und bildet eine, sich um ihr Kind sorgende, Mutter ab, der man jegliches Leid nachempfinden kann. Dazu die ganzen Darsteller der Reporter und Journalisten, denen man ihre fiktive Rolle hier so glaubwürdig abnimmt, dass man davon leicht an der Nase herumgeführt werden kann. Kurzum, hier steckt wirklich ungemein viel, bestens genutztes, Schauspielpotenzial drin!
Fazit: Mit "Smog" beweist Wolfgang Menge einmal mehr, dass er als Provokateur, Vordenker und genialer Inszenator TV-Geschichte geschrieben hat, wie nach ihm wohl so gut wie nie wieder eine Person des deutschen Fernsehens! "Smog" prangert an, provoziert und legt den Daumen auf Wunden, die zu ihrer Zeit noch gar nicht klafften, sondern maximal leicht aufgerissen waren. Ein spannendes, düsteres, höchst atmosphärisches Stück TV-Film auf der einen Seite und eine perfekte und leider ignorierte Vorwarnung auf der anderen Seite, so genial miteinander verwoben, dass das Gezeigte damals von vielen missverstanden wurde. Aktueller denn je, bleibt "Smog" damit, zusammen mit "Das Millionenspiel", ein Musterbeispiel von einem deutschen Fernsehfilm, welches auf solch hohem Niveau wohl heutzutage leider nicht mehr erreicht werden kann!
Wertung: 8,5+/10 Punkte