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In Sie tötete in Ekstase überfällt uns Jesus Franco mit einem wissenschaftlichen Exponat, einem Embryo, kontrastiert mit der Schönheit einer Küstenlandschaft; in ihr seine Muse Soledad Miranda als Mrs. Johnson, eine Frau unbeschreiblicher Anmut, die man hätte malen müssen, so sie denn nicht existiert hätte. In einem Rückblick erzählt sie vom Schicksal ihres Mannes (Fred Williams), einem Doktor, mit dem sie voller Liebe und Hoffnung verschmolz. So erkennt sie die moralischen Bedenken des Kollegiums auch nicht an, die in der Arbeit Dr. Johnsons eine Grenzüberschreitung sahen, seine Experimente mit ungeborenem Leben, Kreuzungen zwischen Mensch und Tier, als Widerspruch zum abgelegten Hypokratischen Eid verstanden. Sie empfindet nur den gebrochenen Mann, der sie im verwüsteten Heim als Opfer eines aufgebrachten Mobs vorfand, aufgrund der geschlossenen Ablehnung die Zerstörung seiner Karriere nicht überwinden kann, schließlich zum Rasiermesser greift und sich die Pulsadern aufschlitzt.
Mrs. Johnson sieht nun ihren einzigen Lebenszweck darin, Rache zu verüben, nutzt ihre körperlichen Attribute um Prof. Jonathan Walker (Howard Vernon) in die Falle zu locken, der sich ihren Zorn als erotische Perversion gefallen läßt, dann jedoch der hinterhältigen Messerattacke erliegt. Trotzdem wir die blutige Kehle sehen, versetzt uns doch erst das durch den unbekannten Rächer aufgescheuchte Kollegium den Schlag in die Magengrube, als das abgetrennte Geschlecht zur Sprache kommt.

Zu leicht psychedelischem Jazzpop inszeniert Franco eine emotionale charakterliche Wandlung in heute unwirklichen, zeigtgenössischen Dekors. Vom diffusen Blick auf eine gleichgeschlechtliche Annäherung mit Dr. Crawford (Ewa Strömberg) durch ein Glas Sherry deutet sich die Hilfe aus der erotischen Phantasie mit ihrem Mann an, in die sich Mrs. Johnson flüchten muß, um ihr Schauspiel glaubhaft zu machen. In eine von klaren Linien und rechten Winkeln dominierte Schlaflandschaft in einer Oase von Flokati zurückgezogen, greift sie schließlich zum aufblasbaren Plastikkissen, durch dessen transparente Mitte wir den Erstickungskampf des Opfers beobachten müssen. Während der Inspektor (Horst Tappert) eine ratlose Nebenrolle bekleidet, schafft Soledad Miranda die glaubhafte Metamorphose zur genußvollen Sadistin.
Überzeugt von ihrer Unantastbarkeit wird Dr. Franklin Houston (Paul Muller) zu ihrem Spielzeug. Er muß es sich gefallen lassen, die drohende Gefahr zu wittern und doch immer wieder entlassen zu werden, bis Mrs. Johnson schließlich zupackt. Widerwillig gibt sich ihr Houston hin, doch ungleich höher scheint ihr der Genuß körperlicher Nähe, aus dem der tödliche Engel der Rache erst einer blitzartigen Persönlichkeitsspaltung gleich erwachen muß, um schließlich einen Blutschwall in ihren Schoß ergießen zu lassen.

In der Amoral entartet-poetischer Bilder dieses erotischen Dramas poträtiert Jesus Franco auch den selbstzerstörerischen Charakter des Racheaktes, der in seiner Intensität zunimmt, aus dem Ruder gerät und Mrs. Johnson schließlich mit weit aufgerissenen Augen in einer Katatonie verharren läßt, bis sie den letzten Weg antritt. Die Frage, ob die Frau wohl nur ob des Schicksals ihres Mannes zur Mörderin werden konnte, verknüpft die Motive nur locker zu einer neuen Moral. Sie verlangen vom Zuschauer, den Film eigens auf eine Botschaft abzutasten, deren Schlüssel sich in der unkommentierten Einleitung findet.
Dabei stellt Sie tötete in Ekstase durch einen Gesellschaftsspiegel eigentlich nur Fragen, baut auf einer ethischen Grundsatzdiskussion auf, um schließlich den sozialen Verfall ambivalent zu thematisieren. Emanzipation wird an dieser Stelle zu einem Teilaspekt, einer Folge des Entzuges der eingangs gelieferten Stichworte Liebe, Hoffnung und Zukunft. Der unbeirrbare Wunsch nach einer Bindung zu ihrem Mann verbietet dabei jedoch jeglichen Verdacht von Misogynie. Vielmehr nutzt Franco die weibliche Hauptfigur als Kniff, um sich Zugang zur Gefühlsebene seiner Zuschauer zu verschaffen, die er mit einer ebenso einsetzbaren männlichen Figur wohl nicht erreicht hätte. Klar inspiriert von seinem Motiv liefert er durch diesen so unscheinbaren Film ein oft unterschätztes Glanzstück seiner Karriere.

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