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Memories of Murder (2003)

Eine Kritik von Der Ewige Lawrence (Bewertung des Films: 9/10)
eingetragen am 14.06.2006, seitdem 435 Mal gelesen


Das Serienkiller-Genre ist eines der ältesten in der Filmhistorie, jedenfalls, wenn es darum geht, ganz große Filme aus den verschiedensten Filmären, Dekaden und Regionen der Welt hervorzubringen: Das fing mit "M-Eine Stadt sucht einen Mörder" an (Deutschland zu Beginn der Tonfilmära, heute noch ein sensationeller Film) , ging über "Es geschah am Hellichten Tag" (Schweiz, in den 50er Jahren, nach Motiven Dürrenmatts, mit einem mehr als fragwürdig agierenden Heinz Rühmann, ebenfalls heute noch faszinierend, nicht umsonst gab es bereits vier ebenfalls sensationelle Remakes), mündete schließlich in den 70ern in Hollywood ("Dirty Harry" als bestes, irgendwelche Schlitzerfilme als schlechtere Beispiele), wurde dort verwurstet wie ein Mettbrötchen und schien dort zu verebben. Sicher, es gab immer wieder qualitativ hochwertige Ausrutscher, nicht nur aus Hollywood, die besten davon "Citizen X" (ein britischer Film über den ersten offiziellen Serienmörder der UDSSR, welcher in drei Jahrzehnten über 50 Menschen tötete, sensationelle Studie über die Ermittlungen) oder die beiden Verfilmungen über Fritz Harmann. Natürlich wurde auch viel über Jack The Ripper verfilmt, aber diese Filmchen sind allesamt nicht wirklich befriedigend (die beste Version ein TV-Zweiteiler, ebenfalls höchstens oberer Durchschnitt), doch das Genre schien mit "Sieben" definitiv seinen Höhepunkt erreicht zu haben. Gleichzeitig aber auch seine Beerdigung. Denn alle Serienkillerfilme, die danach kamen, richteten sich fast schon sklavisch nach Sieben: Gleiche, oder imitierende Kameraarbeit, hoher Ekelfaktor (bei Sieben hält sich das jedoch wirklich im Rahmen), immer wieder wird der aufklärende Polizist selbst in den Strudel mit einbezogen und erfährt selbst ein hohes Opfer oder ist zumindest kurz davor (In diese Kategorie fallen solche "Meisterwerke" wie Resurrection, Six Pack, Saw usw.). Zum Glück gibt es aber immer noch immer wieder Ausreißer nach oben. Und zum Glück gibt es im Moment als Filmland Südkorea. Mitte der 80er Jahre trieb ein Serienmörder im damals noch militärisch geführten Südkorea sein Unwesen. Er tötete 17 junge hübsche Mädchen in einem Zeitraum von drei Jahren, mißbrauchte diese sexuell und wurde nie geschnappt. Das ist eine Wunde, die in Südkorea wohl noch immer nicht verheilt ist, da er der erste Serienmörder Südkoreas ist. Ende der 90er jahre wurde ein Theaterstück geschrieben, dass sich um die verzweifelte Tätersuche drehte, ein riesiger Bühnenerfolg. Auf diesem Bühnenstück basiert dieser Blockbuster aus Südkorea, der mühelos einer der erfolgreichsten Filme seines Kinojahres dort wurde. Man muß das nicht wissen, um den vorliegenden Film zu schauen, aber Memories of Murder betrachtet diesen Fall. Und erst recht nicht, um ihn zu mögen. Auch eigenständig betrachtet ist der Film mindestens eine Randnotiz wert. Dabei setzt Memories of Murder nicht auf schaurige Schockeffekte, oder geheuchelten reißerischen Spannungsaufbau. Ganz gemächlich wird der Alltag der beiden Dorfpolizisten beschrieben, die unbeholfen und überfordert hinter dem Mörder her ermitteln. Dabei sind sie manchmal linkisch und lustig, manchmal greifen sie auch zu Folter zurück, weil im miltaristischen Südkorea das noch geduldet wird, um ein Geständnis zu erpressen. Immer bleiben die beiden gelassen und sympathisch, egal wie rabiat oder unglücklich ihre Aktionen auch wirken. Irgendwie gelingt es den beiden Polizisten einfach nicht, näher an den Mörder heranzukommen. Ein junger ehrgeiziger Polizist aus Seoul kommt schließlich, um die beiden Polizisten zu unterstützen. Tatsächlich ist es dann auch so, dass dessen Ermittlungsmethoden anfänglich erfolgreich zu werden versprechen. Mit einer Mischung aus Konkurrenzkampf und Neid auf den Gross-Städter wird dieser mit Argusaugen seitens seiner Landei-Kollegen beobachtet. Wie in einem gewöhnlichen Hollywood-Film zu diesem Thema scheint sich die Schlinge immer enger um den Hals des Täters zu legen. Während der zwei jahre dauernden Mörderjagd erfährt man vieles über das Südkorea jener Zeit: schlechtes Gesundheitswesen, niedergeschlagene Demonstrationen, geringe Wertschätzung einer arbeitenden Frau, relativ begrenztes Wissen um die Umwelt. Man bekommt auch eine eingehende Charakterstudie der jeweiligen Ermittler aufgezeigt: Der einheimische Ermittler ist relativ schnell am Ende mit seinem Latein, geht in seiner Verzweiflung sogar zu einer Wahrsagerin, oder in seiner Annahme, der Mörder hätte keine Schamhaare besucht er jede Sauna in der Gegend und schaut den Leuten unverhohlen immer in den Schritt. Dabei wird er niemals der Lächerlichkeit Preis gegeben. Auch als er zusammen mit seinem Kollegen einen geistig behinderten Mann peinigt, weil vieles gegen diesen spricht, nimmt man es ihnen nicht übel. Gleichzeitig sieht man hilflos mit an, wie der junge idealistische Polizist aus der Stadt im Laufe der zwei Jahre Ermittlung immer mehr zermürbt wird, immer mehr seine Ideale verliert, letzten Endes selbst immer rabiater wird. Wo das Landei seine Gewalt aber bewußt einsetzte, setzt der Städter nun beispielsweise die Gewalt aus Wut ein. "Du hast dich ziemlich verändert.", ist dann auch die ziemlich treffende Analyse des Landeis. Die Polizisten raufen sich zusammen und beginnen erst zögerlich, später aufeinander angewiesen, eng miteinander zusammenzuarbeiten. Schließlich wollen sie alle dasselbe, und die Presse sitzt ihnen auch gehörig im Nacken. Immer wieder zerinnen den Polizisten die Beweise unter den Fingern, immer wieder sieht sich der Zuschauer der wachsenden Frustration und Hilflosigkeit der Ermittler ausgesetzt. In einer Szene geht der Film sogar so weit, dass der Zuschauer selbst die Wahl hat, wen der Mörder als nächstes töten soll: Man kennt beide vermeintlichen Opfer und man wünscht es keinem von beiden, aber eine wird den Abend nicht überleben. Es gibt eine andere Überlebende, die jedoch derart verstört ist, dass sie nicht wirklich hilfreich ist. Es gibt einen Augenzeugen, doch selbst das verendet. Es gibt immer wieder Details, die zum Mörder deuten, doch alles scheint gegen die Polizisten zu laufen. Aber immer wieder rappeln sie sich auf. Und immer grotesker werden die Rituale des Mörders. Fast so als würde er die Polizisten verhöhnen. In ruhigen Bildern, mit einem gewaltigen unter die Haut fahrenden Soundtrack, wird ein stimmiges Zeitbild eines Südkoreas jener Zeit entworfen.Gleichzeitig wird eine der originellsten und sensationellsten Serienmörderfilme der letzten Jahrzehnte abgeliefert, die sich mühelos mit den eingangs erwähnten größten des Fachs messen kann. Sämtliche Akteure agieren mit einer ungeheuren emotionalen Wucht, die Regie richtet sich nach dem Drehbuch in einer derartigen Weise, dass hier mal gesagt werden kann, dass die Geschichte wirklich im Mittelpunkt steht. Es werden nicht billige Effekte versucht zu erzielen, sondern eine durchweg geschlossene runde Sache erzielt, die in ihrer Klarheit überwältigend ist. Und Memories of Murder nimmt sich die Zeit, seine Geschichte zu erzählen, etwas mehr als zwei Stunden, die es allemal wert waren. Und dann das Ende des Films: Ein Gedicht. Umwerfend schön, unheimlich unter die Haut fahrend. Sensationeller Film. Eigentlich 10 Punkte, aber nur absolute und wahre Kult-Klassiker kriegen die ja, also wenn der Film irgendwann bekannter werden sollte, sollte das dann kein Thema mehr sein. Bis dahin: 9 Punkte


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