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Memories of Murder (2003)

Eine Kritik von BladeMaster (Bewertung des Films: 9/10)
eingetragen am 19.01.2007, seitdem 698 Mal gelesen


Das hier ist sie also? Die koreanische Antwort auf David Finchers Meisterwerk „Sieben“? Nein, sicher nicht. Man sollte sich diese Erwartungshaltung sofort aus dem Kopf schlagen, wenn man sich „Memories of Murder“ ansieht, um nicht zwangsläufig enttäuscht zu werden. Denn hier gibt es keine Charakterisierung eines genialen Serienkillers, keine überlegenen Ermittler oder einen großen Aha-Effekt am Ende. Nein, Bong Joon-ho’s zielt auf etwas ganz anderes ab. Ein menschliches Drama, ist wohl die passendste Umschreibung dieses Films, verpackt in einer deprimierenden Serienkillergeschichte. 

Wir befinden uns in einem kleinen südkoreanischen Dorf, ende der 80er Jahre. Detective Park Doo-Man ist auf dem Weg zu einem Tatort, an dem wieder eine junge Frau ermordet wurde. Bereits in den ersten Minuten wird verdeutlicht, wie sehr der menschliche Makel, die eigene Unfähigkeit, den Ermittlungen im Weg steht und das man hier sicher keinen psychisch kranken sowie genialen Serienkiller braucht, um die Hauptpersonen vor eine unüberbrückbare Mauer zu stellen. Während er sich die Leiche ansieht, rennen neugierige Kinder auf dem Tatort herum. Vergeblich versucht er sie wegzuschicken. Stattdessen wird er von einem noch veräppelt. Hier ist keine Spur vom überlegenen Sachverstand. Man merkt, das diese grausame Mordserie zu groß für das kleine Dorf ist. 
 

So werden die Verhörungen der Verdächtigen ebenfalls mit fragwürdigen Methoden ausgeführt. Geständnisse werden aus den Menschen herausgeprügelt, man versucht sie unter Druck zu setzten um am Ende doch wieder mit leeren Händen dazustehen. Deswegen wird Detective Seo Tae-Yoon aus der Großstadt Seoul angefordert, um die überforderten Ermittler zu unterstützen. Zunächst scheint er sogar eine Bereicherung zu sein, kann er doch einige Hinweise logisch zusammensetzten, wie zum Beispiel die Tatsache, dass die Morde nur bei Regen stattfinden und dabei immer ein bestimmtes Lied im Radio zu hören ist. Dadurch kommt er dem Mörder immer näher, um am Ende wie seine Kollegen an dem Fall zu zerbrechen. Er kann nicht die Rolle des Erlösers ausfüllen, der die Bewohner von dem Wahnsinnigen befreit. Selbst ein DNA-Vergleich kann den Täter am Ende nicht überführen, weshalb er eine Wandlung durchmacht, seine Prinzipien vergisst und ebenfalls mit Gewalt seine Ziele zu erreichen versucht. 
 
Je weiter die Ermittlungen Fortschreiten und je mehr Indizien, scheinbare Beweise und Zeugen sie finden, desto sicherer wird man, dass es hier kein Happy End geben wird. Man verfolgt das Geschehen immer mit dem Gedanken, dass ihnen doch ein wichtiges Stück von Puzzle fehlt und das ihre Bemühungen eigentlich für die Katz sind. Umso deprimierender ist dann auch noch der Tod des einzigen Zeugen, der den Täter hätte Identifizieren können.

Das Verhalten der Ermittler ist da nur die logische Konsequenz. Die Gewalt als letzte Instanz, um den Gedanken zu verdrängen, machtlos zu sein. Dabei hält Regisseur Bong Joon-ho den Darstellern einen Spiegel vors Gesicht, der ihre Menschlichkeit und die damit verbundenen Fehlbarkeit reflektiert, damit sie am Ende daran zerbrechen. Dies äußerst sich auch an den teilweise absurden Wegen, die sie zu gehen versuchen, um den Mann dingfest zu machen. Da bekommt man mal einen unliebsamen Besuch in einem Männerbad zu sehen und der damit verbundenen Untersuchung der Intimbereiche, da der gesuchte Mann scheinbar unten rum rasiert sein muss. Diese Szenen wirken sicher mit Absicht so überzeichnet und komisch, um einem das eigentliche Problem überdeutlich vorzuhalten. Es gibt immer wieder ein paar dieser schwarzhumorigen Szenen zu sehen, die das Geschehen an den richtigen Stellen auflockern, das Gesamtbild aber nie wirklich stören. Ebenfalls zu sehen bei dem Besuch einer Karaoke Bar, als sich der Captain seiner Vorbildfunktion enthebt und sich genüsslich nach Dienstschluss vollaufen lässt. 

„Memories of Murder“ ist ein Film über die Unvollkommenheit des Menschen. Das krasse Gegenteil der Interpretation des Serienkillergenres zu Hollywood. Und daher auch besonders wertvoll. Das kommt nicht zuletzt von den fantastischen Bildern, die der Film zeigt. Man kommt nicht vom Gedanken weg, dass wohl nur die Asiaten im Moment solche visuell atemberaubende Gemälde auf Zelluloid zaubern können. Unterlegt wird das Ganze von einem tollen Score, der sehr zurückhaltend ist und nur an den richtigen stellen perfekt treffend eingesetzt wird.  

Getragen werden die gezeigten Ermittlungen von den beiden Hauptdarstellern Song Kang-Ho, der mit seiner Darstellung des übereifrigen sowie unterforderten Polizisten absolut überzeugend ist, und Kim Sang-kyung, der als Großstadtpolizist ebenfalls ein Opfer der eigenen Möglichkeiten wird.
 

Und was bleibt am Ende? Wie bereits geschrieben, gibt es kein Happy End. Kein cleverer Trick, keine genialen Ermittlungsmethoden. Der Mörder kommt davon und hinterlässt nichts als getroffene und deutlich gezeichnete Menschen. Da der Zuschauer den ganzen Film über den Ermittlungen der Polizei gefolgt ist, steht er am Ende selbst vor dem nichts. Er weiß genauso viel wie die Hauptakteure – was zunächst unbefriedigend klingen mag – doch da der Film auf wahren Begebenheiten basiert und die Darstellung der Figuren absolut realistisch – wenn auch leicht überzogen – ist, fehlt zwar der bitterböse Aha-Effekt eines „Sieben“ doch dafür bleibt man umso deprimierter zurück, was am Ende dieser von Traurigkeit erfüllte Blick von Park Doo-Man – der nach Jahren wieder durch Zufall durch dieses Dorf fährt – nur noch unterstreicht.  

„Memories of Murder“ ist ohne Frage ein Meisterwerk auf dem Gebiet des Serienkillergenres. Deprimierend, realistisch und mit einem psychologischen Blick in die Tiefe des Menschen und dessen Unvollkommenheit. Man sollte keinen zweiten „Sieben“ erwarten, stattdessen soll man sich auf einen Thriller, voll von epischer Schönheit freuen, der einen sicher mit einem unguten Gefühl zurücklässt, dafür aber eine filmische Erfahrung darstellt, die man gesehen haben muss.


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