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12 Uhr Mittags (1952)

Eine Kritik von arthouse (Bewertung des Films: 10/10)
eingetragen am 26.01.2006, seitdem 1102 Mal gelesen


"I'm not afraid of death but oh
What will I do if you leave me?“

Wir befinden uns in einer amerikanischen Kleinstadt zur Zeit des Wilden Westens, es ist etwa viertel vor elf Uhr vormittags. Für Will Kane (Gary Cooper) ist es ein besonderer Tag: gerade im Moment heratet er Amy (Grace Kelly), aber nicht kirchlich, weil sie Quäkerin ist. Ausserdem wird er heute sein Amt als angesehener Sheriff der Stadt ablegen, er ist alt geworden und morgen kommt der Neue. Dabei hat er doch diese Stadt zu dem gemacht was sie ist, von Raub und Mord gesäubert. Kane gibt seinen Stern wenig begeistert ab und macht sich mit Kutsche und Frau auf den Weg in die Flitterwochen. Er will mit ihr irgendwo einen kleinen Laden aufmachen, sich ausruhen.

Doch Kane verlässt die Stadt mit einem unguten Gefühl, kurz vor seinem hastigen Aufbruch hatte er erfahren, dass Frank Miller mit dem Mittagszug auf dem Weg in die Stadt ist. Kane hatte den gefährlichen Mörder eingebuchtet, aber die Justiz hat ihn wieder laufen lassen. Jeder weiß, dass Miller kommt, um ihn zu töten. Kane ist also auf dem Weg aus der Stadt, es ist kurz vor elf und um Punkt zwölf wird der Zug einfahren. Plötzlich stoppt Kane. Er kann nicht davonlaufen, er muss sich stellen. Kane fährt zurück in die Stadt und weiß, dass in etwa einer Stunde eine Entscheidung über Leben und Tod getroffen werden muss.

„I won't be leavin'
Until I see Frank Miller dead"

Die Spannung, die Fred Zinnemann in seinem Westernklassiker "High Noon" (1952) aufbaut, kann leider kaum in Worte gefasst werden. Vom ersten Moment an wird der Zuschauer von dem Film gefesselt und erlebt die knappen 80 Minuten ziemlich dicht an der Seite Kanes, durchleidet mit ihm sein Scheitern. Die erzählte Zeit ist nahezu gleich der Erzählzeit und mit jeder Minute fiebert der Betrachter der Mittagsstunde mehr entgegen.

In der knappen Stunde von elf bis zum Showdown zeigt Zinnemann ein gutes Stück der gesellschaftlichen Verwicklungen in der Stadt. Nach und nach verlässt jeder Kane, sogar seine Frau steht nicht an seiner Seite. Manche lassen sich verleugnen, andere reden sich irgendwie raus. Dabei erkennen sie seine großen Leistungen für ihre Stadt an, viele finden ihn sogar sympathisch. Schon Schillers Wallenstein wusste: "Leicht beieinander liegen die Gedanken, doch hart im Raume stoßen sich die Dinge". Diese Diskrepanz zwischen Handeln-Wollen und Handeln wird in einer Rede symbolisiert, die nicht zufällig in einer Kirche spielt. Kane geht dorthin, um Unterstützung zu erhalten, weil er hofft hier "Menschen" zu finden. Einer der Anwesenden macht sich für Kane stark, hat die Menge fast überzeugt. Während seiner Rede verkehrt sich die anfängliche Zustimmung jedoch fast unmerklich in Ablehnung. Der Schlußsatz ist, Kane solle die Stadt besser verlassen und keinen Ärger verursachen. Das wird er noch öfter zu hören bekommen. Der alte Sheriff, sein Vorbild und Freund, sagt es ihm auch - Kanes Verhalten bringe nichts. Die Orte, an denen der Film spielt sind oft Orte des gesellschaftlichen Zusammenkommens. In der Kirche trifft er auf Ablehnung, im Saloon wird er sogar ausgelacht und muss den Laden geschlagen verlassen. Er ist ein Ausgestoßener, genau wie die beiden Indianer, die während dieser Szene im Hintergrund stehen und sich nicht recht in den Saloon hinein zu trauen scheinen.

Doch Kane weiß, dass er sich stellen muss und so wartet er alleine auf Miller und drei seiner Kumpanen (einer davon ist Lee van Cleef). Seinen letzten Willen und sein Testament hat er vor drei Minuten verfasst und mit der Aufschrift "Im Falle meines Todes öffnen" auf seinen Schreibtisch gelegt; sein Sarg ist bereits gezimmert. Es ist jetzt genau zwölf Uhr mittags. Eine bedrohliche Stille liegt über der Stadt.

"The noon day train will bring Frank Miller
If I'm a man I must be brave
And I must face a man who hates me
Or lie a coward, a craven coward
Or lie a coward in my grave.“

Wenn ich die bedrohliche Stille vor dem Finale erwähne, kann ich direkt meinen einzigen Kritikpunkt an "High Noon" äussern: er hat zu viel Musik abbekommen. Damit meine ich nicht das geniale Titelthema oder den hier zitierten Titelsong "Do not forsake me", sondern die orchestrale Untermalung der Schlägerei in der Scheune und des gesamten Showdowns. Vor allem das Finale hätte ohne die überzogene Musik ein vielfaches mehr an Wirkung entfalten können. Aber in diesem Punkt muss man wohl ein Eingeständnis daran machen, dass "High Noon" bereits mehr als ein halbes Jahrhundert alt ist.

"High Noon" räumt gewissermaßen mit dem Westerngenre seiner Zeit auf, es gibt weder prächtige Landschaftsaufnahmen, noch glorifizierte (Revolver-)Helden. Kein gemütlicher Plausch am Lagerfeuer, sondern karge schwarz/weiss-Aufnahmen, welche die in der Stadt herrschende nervöse Anspannung verbildlichen. Kein John Wayne mit Halstuch auf rosa Hemd, sondern große Schweißflecken unter den Achseln der Cowboys. Zuletzt hat Kane ein blutendes Gesicht und trägt ein verdrecktes, zerrissenes Hemd. Die Bewohner der Stadt lassen Kane im Stich, sie haben haben sich geschlossen in ihren Häusern verschanzt. Am Ende werden sie alle auf die Straße laufen. Aber da liegt Kanes Sheriffstern schon am Boden im Staub. Sie werden dasselbe sagen wie vorher, dass Kane der beste Sheriff der Stadt war und sie zu dem gemacht hat, was sie jetzt ist. Und dass er sich der Gefahr mutig gestellt hat - wie ein Mann.

Da der Film zur Zeit des Kalten Krieges entstand, wurde er auch politisch gelesen. Zinnemann interessierte sich jedoch nach eigener Aussage in erster Linie für das Thema des allgegenwärtigen Kampfes Gut gegen Böse und nicht für die "politischen Untertöne". Ausserdem spielt die Beziehung zwischen Individuum und Gesellschaft eine wesentliche Rolle, die Geschichte könnte auch zu jeder anderen Zeit und in jedem anderen Milieu spielen. Es geht um Angst, Liebe, Verrat, Feigheit, Neid, Freundschaft, Mut, Verzweiflung, Scheitern - also um das Menschsein an sich und das Menschsein innerhalb einer homogenen Masse. Man kann sich einmal ernsthaft selbst fragen, ob man an der Seite von Will Kane dem Bösen entgegegen gegangen wäre oder das Ganze lieber nicht zu seiner eigenen Angelegenheit gemacht hätte.

"Or lie a coward, a craven coward
Or lie a coward in my grave.“

"High Noon" ist zu Recht einer der großen Westernklassiker, er wurde und wird bis heute immer wieder zitiert (etwa von Sergio Leone sehr ausgiebig in "Once upon a Time in the West") und hat das gesamte Genre nachhaltig beeinflusst. Die zunächst recht simple Geschichte wird aufgrund der komplexen Charakterzeichnungen, der innovativen Erzählweise (Erzählzeit=erzählte Zeit) und der nahezu perfekten Machart zu einem überaus unterhaltenden und künstlerisch wertvollen Film.

10/10 Punkten.


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