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Lost in Translation (2003)

Eine Kritik von Fastmachine (Bewertung des Films: 8/10)
eingetragen am 16.12.2007, seitdem 499 Mal gelesen


Wenn die Sprache der eigenen Seele von niemandem mehr verstanden wird, wenn umgekehrt die ganze restliche Welt in einer Sprache zu uns spricht, die wir nicht verstehen können oder genauer, nicht mehr verstehen wollen, dann sind wir auf dem Weg in die Einsamkeit und haben zu sterben begonnen.

Bob Harris (Bill Murray) hat als älterer Schauspieler den Gipfel des Ruhmes erreicht, aber nichts mehr zu erwarten. Zwischen ihm und seiner Frau herrscht Sprachlosigkeit, keiner interessiert sich noch für die Welt des anderen. Die Gewohnheit, die Ehe und die Kinder halten seine Welt noch äußerlich zusammen. Nichts scheint sich mehr zu ändern, alles ist versteinert, das Alter und der Tod sind das Einzige, was die Zukunft noch für ihn bereithält. Mürrisch muss er Werbespots in Tokio drehen, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen.

Charlotte (Scarlett Johansson) hingegen ist jung, sie scheint noch das Leben vor sich zu haben, die Welt steht ihr offen, doch die erfüllte Existenz: sie lässt auf sich warten. Die Ehe mit einem Photographen, der für seine Jobs um die Welt jettet, verhieß Abwechslung und partnerschaftliches Miteinander. Im Alltag blieb ihr die Rolle eines Anhängsels, das der Welt der Models und Promis völlig fremd gegenüber steht.

Am anonymsten Ort der Welt, einem Luxushotel in Tokio, treffen die beiden unwahrscheinlichsten Partner zusammen, die man sich vorstellen kann.

Tokio ist nur das Gleichnis für etwas, was die zwei einsamen Seelen schon längst von ihrer Umgebung abgekoppelt hatte. Die Unfähigkeit, die Sprache der Liebe zu sprechen und die völlige Abwesenheit von irgendjemand, der die Sprache ihres Herzen sprechen wollte.
Schon in Amerika haben diese beiden verlorenen Seelen nur noch japanisch verstanden. Es bedurfte nur des überwältigend melancholischen Anblicks der so hektischen, aber gänzlich unverständlichen Metropole Tokio, um den beiden die Illusionen zu rauben, die sie im vertrauten Umfeld Amerikas noch aufrechterhalten konnten.

Die nächtlichen Ausflüge durch die Lichterstadt Tokio, die Coppola angenehm unangestrengt inszeniert, zeigen nicht einen Blick auf fremde Wirklichkeit, sondern in Wahrheit nur ein Spiegelbild der verstummten Seelen. Die unverständliche Zeichen- und Geräuschflut Tokios erstickt alle Störgeräusche in den Seelen von Bob und Charlotte, bis eine Stille entsteht, die sie in die Lage versetzt, wieder die leise Stimme des eigenen Herzens zu hören und, viel wichtiger, auch die ihres Gegenübers.
Am unpersönlichsten Ort der Welt können sie wieder die allerpersönlichste Sprache hören und sprechen: die der Liebe. Und die bedarf keiner großen Worte und keiner endlosen Reden. Mit wenigen zarten Gesten erkennen sich die beiden Verlorenen als Seelenverwandte.

So, meint man, könnte man Sofia Coppolas Film „Lost in Translation“ knapp umreißen, aber hätte doch etwas Wesentliches übersehen. Es geht nicht im Kern um ein Liebespaar im Tokio des 21. Jahrhunderts, sondern um einen unglücklichen Teenager in den achtziger Jahren. Und der heißt Sofia Coppola. Soweit man dies an ihren bisher noch wenigen Filmen festmachen kann, sind es anrührende autobiografische Bekenntnisse, die sich kunstreich einer fremden Geschichte bedienen. Das hier nicht von der Welt des Jahres 2003, sondern eher der Welt von 1983 berichtet wird, ist unmittelbar einsichtig, da Sofia Coppola direkt aus jener Epoche zu uns spricht. Sie tut die in der unmittelbarsten, universellsten Sprache, in der man Gefühle ausdrücken kann: Der Musik.

Wie später noch augenfälliger in ihrem Historiengleichnis „Marie Antoinette“, hat die Musik bei ihr überhaupt nicht die Aufgabe, den Film zu untermalen oder passend zu begleiten. Sie dient eher als Schlüssel oder, um ein anderes Bild zu gebrauchen, als Wörterbuch, um die Lebenskunst, welche durch die Handlung entfaltet wird, in die Generationserfahrung Sofia Coppolas zu übersetzten.
So wirken die von Coppola ausgewählten Stücke einerseits merkwürdig „unpassend“, aber andererseits ebenso persönlich berührend. Wenn „The Jesus and Mary Chain“ ihre Hymne „Just like Honey“ düster melancholisch intoniert, dann ist Bill Murray viel zu alt dafür und Scarlett Johansson viel zu jung, aber Sofia Coppola könnte man sich damit in einer Karaoke-Bar in Tokio vorstellen.

„Lost in Translation“ zeigt uns die Welt trauriger Einzelgänger, die im Grunde Luxusexistenzen führen, aber daran zu ersticken drohen. Der Weg zur Figur „Marie Antoinette“, die uns ein noch exotischeres Gleichnis für dieses Lebensproblem bot, war damit schon vorgezeichnet. Damit deutet sich auch schon die Gefährdung an, der Sofia Coppolas Talent ausgesetzt ist. Schöne und sehr persönliche Filme zu machen, die aber fern allgemeingültiger Lebenswirklichkeiten sind. Wer es genießen kann, hat sich die Zeit genommen, Sofia Coppolas Sprache zu lernen oder aber sprach sie selbst schon immer. Alle anderen könnten etwas oder gar völlig „Lost in Translation“ sein.


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