Während der italienische Blick auf Venedig als Stätte des Grauens, vertreten durch recht gegensätzliche Filme wie Aldo Lados "Chi l'ha vista morire", Ugo Liberatores "Nero Veneziano", Antonio Bidos "Solamente Nero" oder Ruggero Deodatos "Un delitto poco comune" - um ein paar beliebige Beispiele zu nennen - hierzulande wenig wahrgenommen wird, ist der 1973 gedrehte "Don't look now" des eigensinnigen Engländers Nicolas Roeg in der Wahrnehmung zumindest der SZ-Redaktion zum Meisterwerk des Grusels avanciert. Trotz viel guten Willens und eines grundsätzlichen Respekts für Roegs singuläres, verschrobenes Umgehen mit Kameraperspektive und Schnitt kann ich dem Film deutlich weniger abgewinnen als seinen zuvor genannten italienischen Kollegen. Das Gruseldrama, das ein Ehepaar auf Besuch in Venedig die Konfrontation mit dem zurückliegenden Tod seiner Tochter erleben lässt, holpert wie ein überladener Karren die Wege seiner vielversprechenden Handlung entlang und irritiert unter anderem mit teils banalen Blicken auf den Ehealltag seiner Protagonisten.
Zugegebenermaßen ist die Eröffnungssequenz sehr ansprechend umgesetzt. Ein spielendes Kind im leuchtend roten Mantel, ein weißes Pony, eine märchenhafte Idylle, die dann aber in beängstigenden Bildern und mit kraftvoller musikalischer Untermalung (Pino Donaggio) zerrissen wird. Ebensoviel Intensität kann noch zwei anderen Abschnitten des Films zugesprochen werden: der Bearbeitung eines Mosaiks durch den von Donald Sutherland gespielten Restaurateur John Baxter, während der sein Podest ins Schwanken gerät - ein Vorgang, der in seiner ganzen bedrohlichen Dynamik von der Kamera eingefangen wird - sowie der abschließenden Verfolgungsjagd durch die dunklen Gassen Venedigs. Diese Sequenzen sind nicht zuletzt deshalb so stark, weil sie ohne die in diesem Film oft banalen Dialoge ausgekommen.
Dem gegenüber steht jedoch eine Vielzahl an Szenen, die für mein Empfinden überflüssig bis ärgerlich geraten sind. So frage ich mich, warum man es in aller Ausführlichkeit zeigen muss, wie einer der zwei Omas, deren mysteriöse Präsenz innerhalb des Films auch am Ende nicht vollends geklärt ist, ein Staubkorn aus dem Auge gepult wird. Zumal dies sowieso nur ein Vorwand zu sein scheint, um Laura Baxter (Julie Christie) in ein Gespräch zu verwickeln. Dennoch kann die Kamera vom Herumgefummel in dem Auge nicht genug bekommen. Das mag nebensächlich erscheinen, ist aber symptomatisch für Roegs unappetitlich detailfreudigen Blick auf seine Figuren. So dürfen wir im Hotelbadezimmer des Ehepaars Baxter erst einmal miterleben, wie sie seinen Hüftspeck untersucht. Später im Bett ein Dialog des Inhalts, er habe Zahnpasta am Mund; er fordert sie auf, sie abzulecken; sie meint, dazu sitze die Zahnpasta zu fest. In anderen Szenen knibbelt Laura an ihren Finger(nägel)n herum, John spuckt irgendwas in ein Taschentuch. Mit diesem leicht widerlichen Hypernaturalismus setzt sich Roeg vom Horrorgenre mit seinen stilisierten und auf funktionale Elemente reduzierten Figuren ab, jedoch ohne irgendwo anders anzukommen. Fragwürdig scheint mir auch der Ruhm der recht freizügigen Liebesszene, die im Schnittwechsel mit dem morgendlichen Anziehen und Zurechtmachen des Ehepaars kombiniert ist. Außer, dass Roeg keine standardisierte Erotikszene drehen wollte, sagt mir das wenig. Hier gleitet die ansonsten teils wirklich hochklassige Filmmusik Donaggios auch leider zu einem eher belanglosen Softerotik-Gedudel herab.
Ebenfalls horror-untypisch erscheint das recht hohe Tempo der Schnitte und Szenenwechsel, das den Film kennzeichnet. Das atmosphärische Potential der Stadt Venedig kann sich bei diesem hastigen Vorwärtsgang kaum entfalten. Mehr als die faulige Schönheit der Lagunenstadt interessiert Roeg das Gegluckse der Baxters über die Frage, ob man jetzt dem Bischof die Hand küssen solle oder nicht. Letzterer sowie der Hotelportier und der Polizeibeamte, der den Verbleib von Laura Baxter erforschen soll, bleiben übrigens als Figuren auffällig bedeutungslos, abgesehen von einer beabsichtigt zweideutig-hintergründigen Wirkung.
Das oft gelobte Schauspiel der beiden Hauptdarsteller halte ich ebenfalls für überschätzt, besonders im Fall von Julie Christie. Ihre unbeherrschte Mimik fällt vor allem dann auf, als sie schwarzgekleidet von einer trauerumflorten Gondel steigt und dabei offenbar Mühe hat, ein Grinsen zu unterdrücken. Donald Sutherlands Mimik wirkt, teils sicher aufgrund seiner ungewöhnlichen Gesichtszüge, in emotional intensiven Momenten auch beinahe eher komisch als tragisch. Beim Tod der Tochter zu Beginn des Films wird diese Wirkung noch durch die für diesen Film auffällig pathetische Kameraperspektive gesteigert. Schlecht dargestellt ist besonders die Reaktion von Laura alias Julie Christie in diesem Moment. Sie geht unaufmerksam-gelassen am Fenster vorbei, sieht, was draußen passiert und bricht in Sekundenbruchteilen in irres Gekreische aus, was völlig unglaubwürdig ist, da ein Mensch mit durchschnittlichem Auffassungsvermögen erst einmal eine Weile brauchen würde, um den sich draußen abspielenden Vorgang zu erfassen.
Im ganzen sehe ich die Unzulänglichkeiten (auch wenn es originelle Unzulänglichkeiten sind) bei diesem Film deutlich im Übergewicht. Dass ihm gegenüber die oben genannten italienischen Werke im Schatten des Jugendschutzes (obwohl sie sicher nicht jugendgefährdender sind als Roegs Film) und im Nebel der Unbekanntheit verweilen sollen, kann ich daher nicht einsehen.