Robert Wienes „Das Kabinett des Doktor Caligari“ aus dem Jahre 1920 ist ein Meilenstein des deutschen Stummfilms, der den Zuschauer in eine überaus verstörende Welt aus Mord und Wahnsinn entführt.
Der Film handelt von den fürchterlichen Ereignissen, die sich in der Stadt Holstenwall zur Zeit eines Jahrmarktes zugetragen haben.
Der vermeintliche Schausteller Doktor Caligari ist in der Stadt und hält eine ganz besondere Überraschung für die Besucher seines kleinen Jahrmarktskabinetts bereit- ein willenloses somnambules Medium namens Cesare, das scheinbar nur auf die Befehle des Doktors gehorcht. Diesem soll die staunende Menge Fragen bezüglich ihrer Zukunft stellen, um daraufhin von Cesare eine exakte Antwort zu erhalten. Alan und Francis, zwei Freunde, die ebenfalls zugegen sind, beobachten dieses Spektakel. Alan, herausfordernd, will von ihm wissen, wie lange er noch zu leben habe, woraufhin ihm eine Lebenserwartung bis zum Morgengrauen vorausgesagt wird. Es kommt wie es kommen muss, Alan wird am nächsten Morgen tot in seinem Bett vorgefunden. Nachdem die Polizei des Ortes sich wenig interessiert zeigt, beschließt Alans Freund Francis Untersuchungen auf eigene Faust anzustellen. Er überwacht Caligari und seinen Somnambulen, was diesen nicht daran hindert, eines Nachts die schöne Jane zu entführen. Dieser flieht mit seiner Beute über die Dächer der schlafenden Stadt, jedoch nicht ohne einen Verfolgertrupp hinter sich herzuschleifen. Es gelingt ihnen schließlich die junge Jane aus den Händen des Entführers zu befreien und auch Caligari und seinen Somnambulen des Mordes zu überführen.
Daraufhin flieht Caligari ohne sein Medium quer durch die Lande, um schlussendlich in einer Irrenanstalt Unterschlupf zu finden. Aber Francis ist ihm dicht auf den Fersen und versucht Hilfe bei den Ärzten der Anstalt zu bekommen. Diese können ihm zunächst wenig helfen und verweisen ihn erstmal an den gerade zurückgekehrten Direktor. Francis betritt sein Büro und wer sitzt ihm am Schreibtisch gegenüber – Doktor Caligari.
Dieser Film ist wahrlich ein kleines Meisterwerk der deutschen Stummfilmära, in dem diverse Aspekte, auf die im Folgenden näher eingegangen wird, perfekt ineinander greifen und den Film zu einem einzigartigen Trip machen.
Wenn von „Das Kabinett des Doktor Caligari“ die Rede ist, steht vor allem eines im Mittelpunkt: das expressionistische Dekor, welches den Herren Walter Reimann, Walter Röhrig und Hermann Warm zu verdanken ist. Sie haben es erreicht in dem Film eine perfekt gestaltete Welt des Wahnsinns und des Unnatürlichen, fernab jeglicher Normalität zu erschaffen, eine Welt in der schiefe Ebenen und künstliche, aufgemalte Schatten das Bild bestimmen. Dieses einzigartige und eigenwillige Dekor trägt maßgeblich zur Aura des Films bei, verleiht es ihm doch eine wahrlich beängstigende Atmosphäre mit schier erdrückender Intensität. Unbedingt Erwähnung sollte dabei noch finden, dass die komplett im Atelier entstandenen Aufnahmen und die damit einhergehende Künstlichkeit des Sets dem Film ausgezeichnet zu Gesicht stehen.
Doch das Dekor ist bei weitem nicht das Einzige, was dieser Film zu bieten hat, birgt die aus der schwarzen Romantik stammende Geschichte formal sowie inhaltlich auch Interessantes.
Beispielsweise wird der Film in einer einzigen Rückblende erzählt, was in der Inhaltsangabe noch keine Erwähnung gefunden hat.
Direkt zu Anfang erleben wir, wie Francis und ein Bekannter an einem idyllischen Fleckchen sitzen und diskutieren, bis Francis auf die Idee kommt, ihm seine schrecklichen Erlebnisse aus Holstenwall zu schildern. Der Zuschauer wird dabei vorsätzlich in die Irre geführt, denkt man schließlich, dass es sich um wahre Begebenheiten handelt, die der Protagonist dort erzählt und hegt nicht die geringsten Zweifel an folgenden Geschehnissen, die in der Rückblende Preis gegeben werden. Erst die am Ende wieder einsetzende Rahmenhandlung lässt den Zuschauer an allem zweifeln, was er in der letzten Stunde miterlebt hat, wird nämlich dort Francis als einer jener Irrenanstaltinsassen gezeigt, der dies alles nur fantasiert zu haben scheint.
Diese unerwartete Wendung ist wie ein Schuss vor den Bug für den vollkommen verstörten Zuschauer und verleiht dem Film zusätzliche Komplexität.
Der Film selbst überzeugt durch seine ungewöhnliche und innovative Geschichte, die mit einem guten Gespür fürs Tempo erzählt wird. Ruhiger beginnend, nimmt der Film mit jeder Minute mehr Fahrt auf und zieht den Zuschauer über die gesamte –kurze- Laufzeit immer stärker in seinen Bann.
Einen weiteren Aspekt, von nicht minderer Bedeutung, stellt die musikalische Untermalung des Films dar. Bereits während der Anfangscredits vernimmt der Zuschauer bedrohlich düster wirkende Klänge, die ihn wunderbar auf die noch kommenden Ereignisse einstimmen. Insgesamt unterstreicht die Musik die von Robert Wiene in Szene gesetzten Bilder perfekt und arbeitet deren Stimmung deutlich heraus. So sind Szenen des Jahrmarkts mit heller und fröhlicher Musik unterlegt, wohingegen Szenen wie die, in der Caligari den Stadtsekretär um Erlaubnis bittet, seinen Somnambulen ausstellen zu dürfen, mit Gefahr verheißenden Klängen untermalt werden.
Einen weiteren Beitrag zum Erfolg leisten natürlich die unvergesslichen Darsteller des Films. Dabei sind vor allem die den Film dominierenden Charaktere Doktor Caligari (Werner Krauss) und sein somnambuler Weggefährte Cesare (Conrad Veidt) besonders hervorzuheben. Doktor Caligari wird von dem fantastisch agierenden Werner Krauss dargestellt, der es perfekt versteht, dem teuflischen Doktor Leben einzuhauchen. So facettenreich böse, finster und durchtrieben, dass er dem Zuschauer durch sein unglaublich intensives Spiel noch lange in Erinnerung bleiben wird. Auch sein Komplize Cesare, der von einem hervorragenden Conrad Veidt gespielt wird, fesselt den Betrachter durch seine Darstellung des somnambulen Mörders. Veidt verbreitet durch seine Präsenz eine Aura des Geheimnisvollen und Mysteriösen und überzeugt trotz -oder besser gesagt: gerade wegen- seinem durch die Rolle bedingten minimalen Einsatz von Mimik und Gestik.
Die anderen Schauspieler wie Friedrich Feher (Fancis), Lil Dagover (Jane) und Hans Heinrich von Twardowski (Alan) machen ihren Job ebenfalls sehr gut, jedoch reicht deren Rollenpotential für keine Vorstellung, die beim Zuschauer genauso haften bleibt wie es bei Werner Krauss und Conrad Veidt der Fall ist.
Insgesamt mutet „Das Kabinett des Doktor Caligari“ eher wie ein Theaterstück als wie ein richtiger Film an, denn dafür agiert die Kamera viel zu passiv und statisch. Spielereien wie Zooms und Schwenks fehlen komplett. Dies aber stört nicht im Geringsten, unterstützt es doch die Grundstimmung des Films zusätzlich noch.
Fazit: Ein wunderbarer Klassiker des deutschen Stummfilms, den jeder Anhänger des Genres gesehen haben sollte.