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Die klassische Monstermär mit Inspiration von Im Blutrausch des Satans in die zeitgenössische Welle von durch die Endzeitstimmung des kalten Krieges und Mondofilmen angeregten Zombie- und Kannibalenfilmen übertragend, gliederte sich Antropophagus in eine ganze Reihe von Skandalfilmen, die im Jahre 1980 das Licht der Welt, oder besser die Dunkelheit der Kinosäle, erblickten. Nackt und zerfleischt, Freitag der 13., Maniac, Muttertag und Ein Zombie hing am Glockenseil gehören zu den Titeln, die sich neben dieses Dramas um den Menschenfresser schnell auf der schwarzen Liste der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften, die sich zudem mit dem noch unkontrollierten Heimvideomarkt konfrontiert sahen und so drastische Restriktionen als Maßnahme für den fraglos notwendigen Jugendschutz in Kraft setzten.
Kaum verwunderlich, daß es ausgerechnet auch diesen Joe D'Amato Film treffen mußte, ist der Regisseur doch für sein Schaffen im Schmuddelsektor bekannt. Ob aus Geldgier oder Passion sei hier mal dahingestellt. Vielmehr setzt er jedoch neben eher zweckmäßigen Perspektiven doch auch einige spekulative Szenen ein, beruft sich allerdings auch auf Diskussion um den Uruguayan Air Force Flight 571.

Ferner ist Antropophagus jedoch einer der wenigen Filme D'Amatos neben Sado - Stoß das Tor zur Hölle auf, die sich tatsächlich einen Subtext andichten lassen können. Ähnlich dem im selben Jahre veröffentlichten Permanent Vacation zeigt der Film eine reisefreudige, vielleicht schon rastlose Gesellschaft. In der betont langen Einführung der Figuren wird nicht nur über Tarotkarten der Bogen zum drohenden Unheil geschlagen, sondern auch die um Selbstverwirklichung bemühte Ansicht in den Mittelpunkt gerückt. Relativ lockere Karrierefixiertheit in Bezug auf Aussagen zum Beispiel über das Studium treffen hier auf die Unvorsicht einer werdenden Mutter, die sich laut Ansicht der Mitreisenden nicht an dieser Stelle befinden sollte.
Sie sollen Recht behalten, trifft die Gruppe doch später auf einer überdurchschnittlich verlassenen Insel auf das umherschleichende Grauen in Person, George Eastman in einer seiner großen Rollen als der Millionär Nikos. Langsam bauscht sich die Handlung zu einem absonderlichen Gruselkabinett auf und zu kaum als Musik bezeichenbaren Klängen zwischen Dilettantismus und geistesumnachteter Genialität, durch hektische Willkür verstörende Atmosphäre aufbauend, hingegen vor allem in den sakralen Passagen imposant, beginnt sich die Lage zuzuspitzen. Die Rezeptur dabei auf einzelne graphische Schockbilder zu setzen ist sicherlich nicht neu gewesen und für den heute dazu gestoßenen Zuschauer wird dies nicht mehr unbedingt funktionieren.

Dieser Umstand spricht sicherlich dafür, wie sich Sehgewohnheiten ändern. Konnte man 1980 noch die Schreie des Publikums beschwören, aus dem sich insbesondere natürlich die jüngeren Zuschauer auch im Zuge des Verbotes als Kultfilmbewunderer erschloß, so wäre der Film einem heutigen Publikum, so es denn einschlägig vorbelastet ist, schlicht zu langsam. Zwei bis drei Szenen, die man auch heute noch als fragwürdig ansehen könnte, wären dem Zuschauer zu wenig, ist er doch ein Blitzgewitter um einen Spagat zwischen politischer Korrektheit und dadurch verhaltener Exploitation gewohnt.
Würde aber nicht insbesondere schon das reißerische Plakat viel vorweg nehmen, wüßte man trotz des einleitenden Strandmordes kaum, was einen in Antropophagus später noch erwarten würde. Der Zuschauer wird weitestgehend auf dem Kenntnisstand der Gruppe gehalten, erfährt also auch erst durch ein gefundenes Tagebuch von dem Schicksal des reichen und damit vermeintlich an die Gier gewöhnten Menschenfressers.

Auf See in einem Boot umhertreibend hatte er seine Familie aus Hunger verspeist. Danach wurde er wahnsinnig. Der Kreis schließt sich nun in zwei damit verknüpften Szenen. Zunächst reißt der Menschenfresser der Schwangeren das Kind aus dem Leib, um herzhaft hinein zu beißen. Als Schlußpointe hingegen, wie wir dem angesprochenen Plakat entnehmen können, ißt er bei aufgeschlitztem Bauch seine eigenen Gedärme, ein Bild, welches den selbstzerstörerischen Charakter seiner Taten porträtiert. Dies macht Antropohagus zur Tragödie, vielleicht weit mehr zu einem Drama als einen Horrorfilm. Mit expliziten Szenen im Kontext zu Anforderungen an ein Verständnis der Handlung hat dies in Kinderhänden freilich nichts zu suchen.
Doch obwohl Joe D'Amato trotz des Auftritts der später als Busensternchen agierenden Serena Grandi - hier als Vanessa Steiger - überhaupt nicht auf seine sonst üblichen sexuellen Perversionen zurückgreift, fällt es tatsächlich schwer, den künstlerischen Wert dieses Werkes anzuerkennen. Zu wenig scheint cineastisches Vermögen und handwerkliches Talent hindurch. Zu wenig kann, so er dies überhaupt wollte, der Regisseur dem eher aus Geldgründen zu einer streckenden Handlung gezwungenen Schmuddelambiente entfliehen. Dies ist besonders fatal, weil sich die zwei oben beschriebenen unappetitlichen Szenen ja durchaus unter angeführten Gesichtspunkten als handlungsrelevant erweisen. So läßt sich Antropophagus zwar als eins der memorablen Produkte dieser Ära bezeichnen, die Schwelle zu einem respektablen Film übertritt D'Amato jedoch kaum, wobei er hier das knappe Budget für die erste Veröffentlichung seiner Firma Filmirage selber zu verschulden hat. Es bleibt ein obskures Nebenprodukt der Filmindustrie, welches man in dieser Form nicht wiederholen könnte. Grund genug für vollkommen divergente Meinungen.

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