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Zu sinistrer Musik führt die nächtliche Fahrt eines Autos - aus Sicht des Fahrers - an einer Reihe von Prostituierten vorbei, die um seine Gunst buhlen. Die "Auserwählte" wird sich jedoch wünschen, nie eingestiegen zu sein. Es ist der Rasiermessermörder, der die Stadt Wien in Angst und Schrecken versetzt. In verfremdeten, undeutlichen Bildern zu einem befremdlichen Klang wie dem eines startenden Flugzeugs sehen wir, wie sich der Mord vollzieht. Die Gewalt tritt dem Zuschauer hier weitaus expliziter und bedrohlicher gegenüber, als sie noch vor einigen Jahren dargestellt worden wäre. Aber mindestens ebenso stilbildend ist die ästhetische Verfremdung, die sie wie einen bösen Traum erscheinen lässt. Mit einem Freud-Zitat stimmt der Film den Zuschauer auf das Kommende ein: Das Gebot "Du sollst nicht töten" sei gerade der Beweis dafür, dass unseren Ahnen die Liebe zum Töten im Blut gelegen habe.

Sergio Martinos "Lo strano vizio della Signora Wardh" gehört zu den stilbildenden Klassikern des Giallo. Sexualität und Gewalt sind hier in ihrer vielfachen wechselseitigen Abhängigkeit kaum voneinander zu trennen. Zur Ikone des gesamten (Sub-)genres sollte Edwige Fenech werden. Für sie war es der erste Schritt in die Welt des Giallo - weitere wie Martinos "Tutti i colori del buio" ("Die Farben der Nacht"), "Il tuo vizio è una stanza chiusa e solo io ne ho la chiave" oder Giuliano Carnimeos "Perchè quelle strane gocce di sangue sul corpo di Jennifer?" ("Das Geheimnis der blutigen Lilie") sollten folgen. Fenechs fast unwirklich schönes Gesicht und ihre ausgeprägten weiblichen Formen entfalteten in Verbindung mit der düsteren, perversionshaltigen Aufgeladenheit des Films eine unwiderstehliche, mysteriöse Anziehungskraft, die die Bildwelt des Giallo prägen sollten.

Die gesellschaftliche Schicht, innerhalb deren sich die Handlung vollzieht, ist reich, gelangweilt und daher dunklen Neigungen besonders ausgesetzt. Julie, Gattin des begüterten, aber langweiligen Neil Wardh (Alberto de Mendoza), wird von Erinnerungen an eine Vergangenheit verfolgt, an die sie gleichermaßen fasziniert wie angsterfüllt zurückdenkt. Dass sie, gerade in Wien angekommen, von dem Mörder hören, mag diese Erinnerungen vielleicht noch verstärkt haben.

Der gedankliche Einstieg in diese Vergangenheit könnte bildlich nicht radikaler vonstatten gehen: Aus der übermäßig zivilisierten Sphäre der Gegenwart sehen wir uns in eine - vor diesem Hintergrund nahezu unwirklich scheinende - natürliche Umgebung versetzt: Wald, schlammiger Boden, prasselnder Regen, dessen Geräusch alles andere unhörbar macht. Julie befindet sich in der stürmischen Umarmung ihres damaligen Geliebten Jean. In die Umarmung mischen sich Schläge, ein sadomasochistisches Spiel, Julie werden die Kleider vom Leib gerissen. Untermalt werden die Bilder vom musikalischen Hauptthema des Films, einer bittersüßen Melodie der Komponistin Nora Orlandi, von einer verfremdeten (scheinbaren) Kinderstimme gesungen. Zu der noblen Langeweile ihrer derzeitigen Existenz bildet dieses wilde Szenario einen extremen Gegenentwurf.

Im folgenden wird sich Jean immer öfter in Julies Leben einmischen, und sei es nur, indem er ihr kleine Zettel mit kryptischen Botschaften zukommen lässt. Eine davon verweist auf den Titel einer weiteren Coproduktion von Martino und Fenech: "Dein Laster ist ein verschlossener Raum, zu dem nur ich den Schlüssel habe". Eine weitere Verbildlichung des damit beschriebenen Verhältnisses ist die visuell vielleicht beeindruckendste Szene des Films: Jean zerschmettert eine Glasflasche, deren Scherben wie ein Regen auf Julie fallen. Das darauffolgende Liebesspiel gewinnt durch die Scherben auf nackter Haut eine schmerzhafte Qualität. Mit George (George Hilton) kommt eine weitere männliche Figur ins Spiel, die als Zwischenstufe zwischen dem völlig in der gesellschaftlichen Repräsentation aufgehenden Neil und dem gewissenlos-triebhaften Jean angelegt ist. Fenech und Hilton sollten sich damit als ein Traumpaar des Giallo etablieren.

Charakteristisch für den Film sind seine allegorischen Bilder. So ist beispielsweise eine Darbietung zweier Tänzerinnen zu beobachten, die nichts als dünne Kleidchen aus Silberpapier tragen, die sie sich in einer Katzbalgerei gegenseitig vom Leib reißen. Möglicherweise ein Hinweis auf die dünne Hülle der Zivilisiertheit, die die urtümlichen Triebe des Menschen in Zaum halten soll. Die teils unheimlich wirkenden Tiere in Jeans Wohnung betonen seine Wildheit und gewissermaßen Naturnähe. Ein Autorennen, das sich Julie ansieht, mag für den Kampf der Männer um die Vorherrschaft in ihrem Leben stehen. Es gibt jedoch auch Szenen, die allein durch ihren visuellen Zauber wirken, so etwa das Herumirren einer Freundin von Julie im menschenleeren Park Schönbrunn. Wie auch die erotischen Begegnungen zwischen Jean und Julie gehört diese Szene wohl zu den ästhetischen Höhepunkten des gesamten Genres.

"Lo strano vizio" zählt zweifellos zu den Filmen, die den Giallo entscheidend mitgeprägt haben und an denen man nicht vorbeikommt, wenn man diese faszinierende Spielart des Thrillers kennenlernen will. Sergio Martino, der wie so viele andere italienische Regisseure seiner Zeit in den verschiedensten Genres tätig war, hat hiermit vielleicht seinen besten Film gedreht.

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