Der Vorspann in seiner schicken Negativ - Optik, untermalt von einem zeitgenössischen Pop - Song, gibt gleich die Richtung für Umberto Lenzis "Paranoia" vor - "Styling over substance". Hier zählt nur die Fassade, die in modernsten Spät - 60er - Jahren -Farben schillert, alles setzt auf äußerliche Wirkung, den Anschein von Schönheit und Reichtum, betont noch durch die scheinbar omnipräsente Canon - Kamera, die die attraktive Hülle in Bildern festhält.
Und Carroll Baker als Helen ist das Medium - blond, schön und eine geniale Mischung aus cool und verletzlich. Wenn sie zu Beginn den Helm über ihre blonde Mähne stülpt, in den Rennwagen steigt und über die Strecke rast, wirkt das wie die ideale Symbiose aus dauerhaftem Spaß und Erfolg, aber nur wenige Runden später erleidet sie einen schweren Unfall. Kaum aus dem Krankenhaus entlassen, „leiht“ sie sich tough den Fiat Spider eines Bekannten und fährt nach Spanien zu ihrem Ex-Mann Maurice Sauvage (Jean Sorel), der sie dorthin eingeladen hatte.
So glaubt sie zumindest, aber als dieser überrascht reagiert, als er seine Ex-Frau nach drei Jahren zum ersten Mal wieder sieht, erfährt sie schnell, wem sie diese Einladung tatsächlich zu verdanken hat. Constance Sauvage (Anna Proclemer), seine neue Frau, hatte nicht nur den Brief gefälscht, sondern zeigt sich auch sonst sehr gut informiert über Helens Vergangenheit. So weiß sie auch, dass Helen ihren Mann umbringen wollte, als dieser sie verließ, was sie für ihre eigenen Intentionen nutzen möchte. Denn Constance fühlt sich von ihrem Mann ausgenutzt und will ihn loswerden.
Jean Sorel spielt den Playboy Maurice in einer überzeugenden Mischung aus Charme und Egoismus, dabei aber nie so weit über die Strenge schlagend, dass er unsympathisch wirkt. Im Gegenteil fügt er sich mit seinem makellosen Körper und dem Dauerlächeln geradezu ideal in eine Luxusumgebung ein, die auch von allen anderen Beteiligten nicht weniger für ihre eigenen Zwecke genutzt wird. Die reiche Constance hatte den jüngeren Mann sicherlich auch wegen seiner äußerlichen Vorzüge geheiratet, so dass ihre Reaktion, ihn umbringen zu wollen, übertrieben und beleidigt wirkt.
Lenzis eigentlicher Bluff liegt in der Figur der Helen. Selbstbewusst und emanzipiert ist sie angelegt, als eine sexuell offene Frau, die weiß, was sie will. Carroll Baker verfügt entsprechend über die meiste Screen – Time, befindet sich scheinbar im Zentrum des Geschehens und sorgt auch für die wenigen, ästhetischen Nacktszenen. Doch tatsächlich ist sie das Opfer einer Intrige, in die sie schon zu Beginn hineintappt, als sie der Einladung nach Spanien folgt. Als dann der Mordversuch an ihrem Ex-Mann misslingt, weil sie nicht in der Lage ist, die Harpune abzuschießen, nutzt dieser die Gelegenheit, stattdessen seine Ehefrau zu beseitigen. Zu diesem Zeitpunkt ist Helen längst wieder Maurice hörig und deckt mit ihrer Aussage die Unfall – Version, bei der Constance angeblich verunglückte. Als dann deren Tochter Susan (Marina Coffa) auftaucht, die nicht an einen Unfall glaubt und schnell bemerkt, dass Maurice und Helen wieder eine Affäre haben, wird es für sie zunehmend schwer, das Lügengebäude aufrecht zu halten…
Die Story selbst ist trotz einiger überraschender Wendungen wenig originell und erinnert in der Schlussszene an die Highsmith – Umsetzung „Die Sonne bringt es an den Tag“. Ungewöhnlich daran ist, dass Lenzi hier ein Szenario entwickelt, das äußerlich geprägt wird durch fatale Liebe, Hass und Verrat, und dabei ohne Emotionen auskommt. Nur der persönliche Vorteil scheint die Protagonisten anzutreiben, was dem gesamten Geschehen den Eindruck einer ästhetischen Hülle ohne die geringste Tiefe verleiht. Nur Helen ist in der Lage, Gefühle auszudrücken, aber ihre dadurch zunehmend passiver werdende Position macht deutlich, dass darin keine Zukunft liegt.
Wenn „Paranoia“ die Menschen beim Tanzen, am Swimming - Pool oder auf einem Segelschiff zeigt, modisch angezogen und sexuell offensiv agierend, dann ist der Film in einer Gegenwart angekommen, die schon sehr früh einen hemmungslosen Hedonismus propagierte. Der Film versteht sich in seiner gefälligen Art sicher nicht als reine Gesellschaftskritik, aber das Umberto Lenzi hier für ein vertrautes Szenario aus Liebe, Mord und Eifersucht diese abstrakte Umsetzung wählte, kann man nur als Kommentar zu den Veränderungen in der Gesellschaft verstehen (7,5/10).