Ansicht eines Reviews

Ding aus einer anderen Welt, Das (1951)

Eine Kritik von vodkamartini (Bewertung des Films: 8/10)
eingetragen am 14.12.2011, seitdem 1008 Mal gelesen


Die 1950er Jahre stehen filmgeschichtlich nicht nur für die Renaissance von Abenteuer- und Monumentalkino, sondern gelten insbesondere auch als Blütezeit der Alien-Invasionsfilme. Interpretatorisch wurden und werden diese aufgrund ihrer fast ausschließlich US-amerikanischen Provenienz nahezu reflexartig gerne und häufig über den antikommunistischen Kamm geschoren. Schließlich war das gesellschaftliche und politische Klima seinerzeit geprägt von einer latenten Angst vor dem Sowjet-Kommunismus, die durch Senator McCarthys Hetzkampagnen teilweise regelrecht paranoide Auswüchse annahm.

Die Bedrohung durch das Unbekannte, bösartige Fremde ist auch das Grundtopos der oben erwähnten Spielart des Science Fiction-Films. Ob Kampf der Welten, Invasion vom Mars (beide 1953), Metaluna 4 antwortet nicht (1955), Die Dämonischen (1956) oder Dorf der Verdammten (1959), stets musste sich die freie westliche Welt außerirdischer Invasoren mit finsteren Absichten erwehren. Bei genauerem Hinsehen erweist sich die These vom rein politisch motivierten US-Propaganda-SF-Film allerdings zumindest in ihrer dogmatischen Ausschließlichkeit als diskutabel. Schon der Genre-Trendsetter Das Ding aus einer anderen Welt (1951) will nicht so recht ins bewährte Raster passen.

So verzichteten Produzent Howard Hawks und sein Regisseur Christian Nyby ausgerechnet auf die dem Zeitgeist angeblich so entsprechende Paranoia-Stimmung. Dieser Umstand wird noch interessanter durch die Tatsache, dass diese durch die literarische Vorlage - die preisgekrönte Kurzgeschichte „Who goes there?" des bekannten SF-Autors John Campbell jr. - eigentlich klar vorgegeben war. Und tatsächlich ist der Grundplot geradezu eine Steilvorlage für Verfolgungswahn bzw. -angst.

Ein Forscherteam entdeckt in der Nähe des Nordpols ein vermutlich abgestürztes Raumschiff. Die Wissenschaftler informieren daraufhin die für das Gebiet zuständige US-Luftwaffenbasis. Bei der Bergung entdecken die Männer ein in einem Eisblock gefangenes, außerirdisches Wesen. Als diesem nach dem Transport in die Forschungsstation die Flucht gelingt und es sich zudem als tödliche Bedrohung herausstellt  - bei der Entdeckung handelt es sich offenbar um eine humanoide Pflanze, die sich von menschlichem Blut ernährt -, entbrennt ein Streit über die weitere Vorgehensweise. Während der leitende Wissenschaftler Dr. Carrington (Robert Cornthwaite) für Kommunikation und weitere Tests eintritt, wollen die Militärs unter der Führung des umsichtigen Captain Hendry (Kenneth Tobey) kein unnötiges Risiko eingehen und das Monster vernichten ...

Anders als John Carpenter in seiner wesentlich vorlagentreueren Neuverfilmung von 1982 blenden Hawks/Nyby die klaustrophobischen und insbesondere die paranoiden Aspekte der Situation beinahe vollständig aus und schlagen einen zwar weitestgehend ernsten, aber keineswegs verzweifelten, oder gar fatalistischen Ton an. Immer wieder gibt es auch humoristische Einschübe - sei es durch die Frotzeleien der Soldaten untereinander, die Screwball-artige Inszenierung der Liebesgeschichte zwischen Hendry und Carringtons Sekretärin Nikki Nicholson (Margaret Sheridan), oder die Auftritte des die Expedition begleitenden Reporters Ned Scott (Douglas Spencer). Im Vergleich zum dialogisch zurückhaltenden Carpenter-Film wirkt „Das Ding" anno 1951 geradezu geschwätzig. Eine bedrückende, oder angsterfüllte Atmosphäre kommt zu keinem Zeitpunkt auf und war auch wohl von den Machern nicht beabsichtigt.
Zwar werden auch hier menschliches Verhalten in Drucksituationen sowie daraus resultierende, gruppendynamische Prozesse thematisiert, ohne dabei allerdings emotionale und psychische Extremerfahrungen wie Misstrauen, Isolationsangst und Panik auszuloten. Hier geht es um den Unterschied zwischen rational motivierter Entschlossenheit und eine von Forschungsdrang, Neugierde aber auch Ruhmsucht getriebene abwartende Haltung. Der Film bezieht hier eindeutig Stellung, indem er den zupackend und im Sinne des Gemeinwohls handelnden Militär Captain Hendry als eindeutigen Sympathieträger inszeniert und seinen Widerpart Dr. Carrington - wenn auch nicht ganz so klischeehaft wie zahlreiche Epigonen der 1950er Jahre - als eigensinnigen und latent verrückten Wissenschaftler darstellt.

Will man den Einfluss des Zeitgeistes festmachen, so ist dies am ehesten an dieser Stelle möglich. So steht die hemdsärmelige Geradlinigkeit Hendrys für die zu dieser Zeit - nach den traumatischen Kriegsjahren - verständliche Sehnsucht nach Aufrichtigkeit, Klarheit und einfachen Lösungen. Nicht umsonst prägen initiatives, forsches Handeln im Sinne von Gerechtigkeit und Vernunft auch den typischen Swashbuckler-Helden des Abenteuerfilms, ein weiteres klassisches, wenn nicht das klassischste Genre der ersten Nachkriegsdekade.
Von einer Parabel auf eine unbekannte Bedrohung aus dem Osten und/oder eine drohende kommunistische Unterwanderung der Heimat ist dagegen kaum etwas zu spüren. Neben dem bereits erwähnten, bewussten Verzicht auf das Spielen der eigentlich auf dem narrativen Präsentierteller liegenden Paranoia-Karte, spricht diesbezüglich auch der Umgang mit der titelgebenden Kreatur eine beredte Sprache. So belegen sowohl die reichlich konventionelle und wenig einfallsreiche Visualisierung des Monsters als Frankenstein-Klon, wie auch seine einigermaßen seltenen Auftritte recht deutlich das Desinteresse der Macher am Erzeugen eines Angst- oder Horrorszenarios.
Ob die bereit Ende der 40er Jahre in den USA weit verbreitete UFO-Hysterie entscheidend bei der Auswahl des Stoffes mitgewirkt hat ist reine Spekulation, aber letztlich nicht auszuschließen. Hawks hatte bei der Entscheidungsfindung bezüglich seiner Projekte ein eingebautes Radar für Publikumswirksamkeit und der finanzielle Erfolg von „The Thing" sollte ihm auch diesmal wieder recht geben. Vor dem Hintergrund des UFO-Wahns kann auch der am Ende des Films von Reporter Ned Scott abgesonderte Funkspruch „Watch the skies! Everywhere! Keep looking, keep watching the skies!" gedeutet werden. Dass dieser es zeitweise zum Symbolslogan für antikommunistische Wachsamkeit brachte, ist allerdings kein Beweis für eine diesbezügliche Botschaft des Films (ohnehin halten wie bereits erwähnt weder inhaltliche Ausrichtung, noch Inszenierung einer solchen Theorie stand), zumal sich Scotts Warnung explizit an "the whole world" richtete. Hier liegt vielmehr der vor allem unter Historikern gängige Analysefehler der auf späterem Wissen aufbauenden, interpretativen Rückprojektion vor.

Es ist eine der vielen Ironien der Filmgeschichte dass Das Ding aus einer anderen Welt zwar als Blaupause und Startschuss für die Alien-Invasionsfilm-Welle der 1950er Jahre gilt, andererseits aber trotzig eine deutliche Zurschaustellung der dem Genre häufig zugesprochenen antikommunistischen Paranoia negiert. Auch der temporeiche, schwungvolle Erzählduktus, die vielen, sich teilweise textlich überlagernden Sprechrollen sowie der Focus auf gruppendynamische Prozesse haben keinerlei Vorbildcharakter für die zahllosen Genrenachfolger.
Beweiskräftig sind sie dagegen in ganz anderer Hinsicht. So gilt heute als einigermaßen gesichert, dass Produzent Howard Hawks seinem langjährige Cutter Christian Nyby mit dem Chefposten eigentlich eine freundschaftliche Karrierespritze verpassen wollte, letztlich aber doch wieder nicht anders konnte, als auf dem geliebten Regiestuhl Platz zu nehmen. So hat „Das Ding" dann doch noch seinen Beitrag für geneigte Verschwörungstheoretiker geleistet, Senator McCarthy dürfte dieser Fall aber eher weniger interessiert haben. Für die zeitlose Qualität des Films kein unerheblicher Umstand.


Surprise me!
"Surprise me!" BETA
Lassen Sie sich überraschen! Wir führen Sie zu einem zufälligen Treffer zu einem Thema Ihrer Wahl... Wollen Sie eine andere Kritik von "vodkamartini" lesen? Oder ein anderes Review zu "Ding aus einer anderen Welt, Das (1951)"?


Zur Übersichtsseite des Films
Liste aller lokalen Reviews von vodkamartini

Zurück





Copyright © 1999-2012 KI Media GbR
Alle Rechte vorbehalten.
Nutzungsbedingungen · Werben · Impressum
Hosted by Net-Build



Quicksearch






User-Center

Benutzername: 
Paßwort:
Login nur für diese Sitzung:

·

339 Besucher online





Abonnement


Abonnement - Bitte erst anmelden
Melden Sie sich bitte an, um Abonnements vornehmen zu können



Neue Reviews


Verdammte der Inseln, Der (1952)
Mein wunderbarer Waschsalon (1985)
Hereafter - Das Leben danach (2010)
Get the Gringo (2011)
Blade 2 (2002)



News


Unser News-Bereich wurde überarbeitet und wird in Kürze weiter ausgebaut werden, damit Sie stets aktuell über alle Neuigkeiten rund um die Welt des Films informiert sind.

» Zum neuen News-Bereich