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Tale of Two Sisters, A (2003)
Eine Kritik von Maichklang (Bewertung des Films: 7/10) eingetragen am 23.10.2006, seitdem 742 Mal gelesen
Es gibt mal wieder ein paar Rätsel zu lösen. Diesmal schickt uns ein Koreaner auf einen Trip, der die Gehirnwindungen des Zuschauers stark durchströmen lässt. Ob am Ende aber auch ein sinnvolles Ergebnis mit allen beantworteten Fragen dabei herauskommt?
Zumindest dann, wenn man mit den Werken Lynchs ein wenig vertraut ist und sich hier eher auf ein Psychodrama, als auf das übliche „Asiatisches Düsterkind krabbelt die Treppe hoch“ – Effektkino einlässt.
Dem Titel zufolge ist es die Geschichte zweier Schwestern, die nach dem Tod ihrer Mutter ins Elternhaus zurückkehren, in dem sie die verhasste Stiefmutter empfängt. Schon nach kurzer Zeit erschüttern mysteriöse Begebenheiten den Zusammenhalt der Schwestern, der Vater agiert fast lethargisch, doch die intrigante Stiefmutter scheint etwas im Schilde zu führen.
Was für deutsche Ohren eher wie eine Variation des Schneewittchen-Märchens klingt, ist im Kern auch eins. Allerdings ein koreanisches, das in seinen Grundzügen ebenso ein Werk von Wilhelm Hauff sein könnte.
Märchenhaft ist allerdings nicht der Verlauf der Geschichte, der ist eher alptraumhaft und nahezu surreal.
Es deutet sich schon an, kein Film zum Nebenher konsumieren. Aber selbst beim aufmerksamen Zuschauer dürfte möglicherweise eine zweite Sichtung notwendig sein, um alle Verständnislücken zu stopfen. Die freudige Nachricht: Es ist möglich!
Die weniger freudige: Man muss tierisch viel Geduld haben und sollte mit Carl Jungs Theorien etwas anfangen können, um den Gesamteindruck nicht als puren Humbug abzustempeln.
Oh, habe ich schon zuviel verraten?
Werde ich im Folgenden auch nicht tun, was gar nicht so leicht erscheint, im Angesicht der ziemlich verwirrenden Handlung.
Der Zuschauer weiß zunächst nur, dass die Mutter der beiden Schwestern verstorben ist, nun eine neue Frau an Vaters Seite lebt.
Wähnt man sich zunächst noch im üblichen Asia-Klischee-Kino, weil tatsächlich ein Grudge-Kind unter der Spüle hockt, kommen alsbald weitaus weniger greifbare Szenen.
Eine schwarze, weibliche Gestalt, die schwebt und der Blut am Bein herunter läuft, Geräusche aus dem Kleiderschrank, der eine zentrale Rolle im Geschehen spielt, etwas Blutiges im Kühlschrank und die üblichen Schockmomente, sprich, greifende Hand, undefinierbare Geräusche und Anwesenheit, wo eigentlich keine sein kann.
Dazu ein „Blutsack“, merkwürdige Tabletten, Gäste, die plötzlich von Krämpfen geschüttelt am Boden liegen und ein toter Käfigvogel.
Geschickt und gut durchdacht inszeniert Regisseur und Autor Ji-woon Kim die verschachtelte Story. Hauptschauplatz ist das Elternhaus, erstrahlt es zunächst in warmen Farben, werden die Örtlichkeiten im Verlauf immer düsterer. Man arbeitet mit starken Farbkontrasten, etwa, wenn eine der Schwestern eine leuchtend rote Strickjacke trägt, die im grauen Dunst des tristen Kinderzimmers geradezu hervorsticht oder die friedvolle Atmosphäre am Bootssteg, wenn die beiden Schwestern zunächst in aller Ruhe ihre Beine im Wasser baumeln lassen und diese Szene gegen Ende eine besonders traurige Note erhält.
Überaus gelungen sind hier die CGI-Effekte, weil sie als solche gar nicht auffallen und ich auch nur aufgrund der Doppel-DVD erfahren habe, dass die Augenwinkel einer Protagonistin künstlich angehoben wurden. Hätte ich für herkömmliches Make-Up gehalten, bringt aber eine ganze Menge an optischer Raffinesse.
Ausgezeichnet arbeitet auch der Score, der ein wunderbar markantes Titelthema im ¾-Takt liefert, in den gruseligen Passagen wiederum mit verfremdeten Stimmen, tiefen Hüllkurven und einfachen White-Noise-Sounds punkten kann und die Schockwirkung in entsprechenden Momenten erstklassig untermauert.
Dazu arbeitet die Kamera einwandfrei, ein paar gelungene Drehungen und Zoom-Ins sind ebenso zu finden wie Close-Up und Totale, jeweils im passenden Moment eingesetzt.
Handwerklich ohne größere Mängel.
Nur mit der Story konnte ich lange Zeit nicht so recht warm werden.
Die Charakterzeichnung bleibt oberflächlich, geredet wird fast gar nicht und dennoch haben wir am Ende eine Laufzeit von fast zwei Stunden.
In der ersten halben Stunde eine Einführung, die sachlich Gegebenheiten schildert, ohne nähere Zusammenhänge, Gefühle oder gar Bedürfnisse zu erläutern.
Die Mädchen sind da, die Stiefmutter auch und irgendwo im banalen Hintergrund noch der Vater. Alles ohne Kontext und Nähe zu den Protagonisten.
Ähnlich bleibt es im Verlauf, auch wenn die Auflösung, die Verwirrung und gleichermaßen die vorherrschende Kälte und Wortkargheit gegenüber den Personen erklärt, man sollte zumindest einen vagen Zugang zu den Figuren bekommen und es ist schade, dass dieser sich erst nach dem Sichten ein wenig entfaltet.
Bis dato mutet die Erzählung der Geschichte nicht nur verworren, sondern auch ein wenig behäbig an, es entstehen kleine Längen, Szenen, die anscheinend keinen Sinn ergeben und damit verbunden, viele Fragen, die auf baldige (Er)Lösung warten.
Natürlich ist die Auflösung nicht neu in der Filmgeschichte und jetzt Beispiele zu nennen, hieße, das Geheimnis der Geschichte zu verraten, aber es packt tatsächlich.
Im Nachhinein lässt man die Handlung noch einmal grob vor sich durchscrollen und schon ist man um eine Erkenntnis reicher.
„A tale of two sisters“ ist ohne Frage anspruchsvolles Kino und auch durchaus plausibel, - nur leider erst im Nachhinein.
Da muss man schließlich abwägen, ob der Eindruck während des Sehens überwiegt oder die Wirkung danach.
Bei mir ist es eine Mischung aus beidem und beschert dem Film eine Bewertung über dem Durchschnitt, ich verlasse mich auf das Gefühl „danach“.
7,5 von 10
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