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Tale of Two Sisters, A (2003)

Eine Kritik von Grüne Spritze (Bewertung des Films: 9/10)
eingetragen am 03.05.2004, seitdem 5481 Mal gelesen


Ein idyllisches Haus an einem See, ein Auto fährt heran. Ein Vater bringt seine beiden jugendlichen Töchter Su-mi und Su-yeon nach Hause. Die beiden Mädchen waren aufgrund einer Krankheit lange nicht daheim. Im Haus begegnen sie ihrer Stiefmutter, und sofort wird die Stimmung frostig. Su-mi spricht ihrer Schwester gegenüber nur von „dieser Frau“. Spätestens von da an weiß der Zuschauer, dass irgendetwas mit der Familie nicht stimmt. Die Stiefmutter behandelt die beiden Mädchen, vor allem Su-yeon, schlecht. Das reicht von Psychoterror bis zu offener Gewaltanwendung, und der Vater schaut hilflos dabei zu. Daneben häufen sich übersinnliche Phänomene im Haus: Türen knarren, Schritte sind aus dem oberen Stockwerk zu hören; Geister schleichen durch die Zimmer oder verstecken sich unter der Spüle. Und was ist eigentlich mit der Mutter von Su-mi und Su-yeon? Was hat es mit dem Wandschrank in Su-yeons Zimmer auf sich?

A Tale of Two Sisters ist ein ausgeklügeltes und subtiles Kammerspiel, das sich fast komplett im Haus zwischen den vier Hauptpersonen abspielt und sich dabei diverser Horror-Versatzstücke bedient. Das äußert sich vor allem in den heftigen Schockszenen, die voll ins Schwarze treffen. Das raffinierte Drehbuch führt den Zuschauer immer wieder an der Nase herum, wodurch der Film mehrmals komplett umgekrempelt wird. Erst gegen Ende wird aufgelöst, wodurch die Familie zerbrochen und Su-mi krank geworden ist. Wenn man den Film komplett verstehen will, sollte man ihn sich sehr konzentriert oder am besten gleich zweimal ansehen, da sich beim wiederholten Sehen weitere Details offenbaren. Regisseur Kim Ji-Woon kennt die Funktionsweise des Horrorfilms, immerhin hat er mit „Memories“ schon den koreanischen Beitrag zu dem multinationalen Episoden-Horrorfilm „Three“ beigesteuert. Demzufolge begeht er auch nicht den Fehler, hier den x-ten Abklatsch von Filmen wie Ringu oder Dark Water abzuliefern. In der ersten Hälfte funktioniert A Tale of Two Sisters noch wie ein normaler Geisterfilm dieser Art, doch hat der koreanische Film wesentlich mehr als das zu bieten. Im weiteren Verlauf nimmt die Handlung überraschende Wendungen und nähert sich sogar David-Lynch-Terrain an (v.a. "Mulholland Drive" und "Lost Highway" ), bleibt aber nachvollziehbarer und nicht so rätselhaft wie die beiden genannten Filme. Auch sind einige Parallelen zu Takashi Miikes "Audition" und Stanley Kubricks "Shining" auszumachen.

Neben dem erstklassigen Drehbuch ist A Tale of Two Sisters auch in allen anderen Belangen in die absolute Spitzenklasse einzuordnen. Das fängt mit den tollen Darstellern, allen voran Yum Jung-ah, die die böse Stiefmutter in absolut beängstigender Perfektion verkörpert, an. Demgegenüber stehen aber auch die Darstellerinnen der beiden Mädchen mit ihrem intensiven Spiel in nichts zurück. Was die technischen Belange angeht, so ist besonders die Beleuchtung hervorzuheben. Das Zusammenspiel von Licht und Schatten sowie vor allem roten und bläulichen Farbtönen passt perfekt zusammen und machen den Film auch zu einem optischen Highlight, obwohl A Tale of Two Sisters wie erwähnt fast ausschließlich im gleichen Haus spielt. Die Kameraarbeit ist exzellent und immer genau an das Geschehen angepasst. Dabei kommen auch einige wirklich originelle Einstellungen zum Zuge, und es gelingt dem Kameramann sogar, das Muster auf den Tapeten unheimlich aussehen zu lassen. Gleiches gilt für den Soundtrack. Das schöne Titelthema, das häufig in ruhigeren Momenten auftaucht, besteht aus Klavier und Streichern. Im Gegensatz dazu dominieren und verstärken eher dissonante Klänge die meisten Schockszenen.

Fazit: A Tale of Two Sisters ist der Beweis dafür, dass sich Arthouse-Kino und Horrorfilm nicht gegenseitig ausschließen müssen. In der Schnittmenge aus Geisterfilm, Psychothriller und Familiendrama liefert der Film intelligentes und anspruchsvolles Kino kombiniert mit einigen der gruseligsten Szenen der letzten Jahre. Natürlich ist das unvermeidliche Hollywood-Remake schon in Planung und für 2005 angekündigt. Meiner Meinung nach ist A Tale of Two Sisters neben Kairo (der ähnlich anspruchsvoll und gleichzeitig nervenaufreibend ist) einer der besten Horrorfilme aus Asien überhaupt. Schon jetzt ein Klassiker. 9,5/10


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