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Oldboy (2003)

Eine Kritik von Der Mann mit dem Plan (Bewertung des Films: 5/10)
eingetragen am 15.11.2004, seitdem 3425 Mal gelesen


"Oldboy" ist da - und wird gefeiert. In Cannes bekommt er nicht nur den Großen Preis der Jury, sondern auch ein gesondertes Lob durch Regisseur und Kultfigur Quentin Tarantino seine Heiligsprechung. Doch ähnlich wie die Filme des Lobenden immer wieder polarisieren, so gibt es zu "Oldboy" genug kritische Stimmen, die den unbescholtenen Kinogängern weiß machen wollen, Tarantino würde hier nur einen Hype forcieren, und "Oldboy" wäre die ganze Aufregung nicht wert. Wo liegt die Wahrheit? Auf jeden Fall nicht im Umfeld der Person von Quentin Tarantino, das wir schleunigst verlassen, und uns auf den Film an sich konzentrieren.

"Oldboy" ist definitiv ein Produkt des neologistischen Kinos eines David Fincher, David Lynch oder Darren Aronofsky. Er nutzt all die optischen und technischen Spielereien, die uns Filme wie "Fight Club" oder "Lost Highway" dem "breiteren" Publikum vorstellten, und fügt dies in eine ähnlich irreale, vollkommen nihilistische Story ein, die der düsternen Weltanschauung eines David Fincher etwa sehr nahe kommen würde. Schauen wir auf die "Oldboy"-Soundtrack-CD, so fällt uns auf, das jeder einzelne Track des wunderschön getragenen Scores von Jo Yeong-wook mit einem anderen Filmtitel benannt ist. So reiht sich hier "Look who's talking" neben "Cries and whispers", "Dressed to Kill" neben "Jailhouse Rock". Ja, wir befinden uns in der Postmoderne, in der es erlaubt, ja geradezu gewollt ist, sich an Stilelementen und Impulsen unserer künstlerischen Vergangenheit zu bedienen.

In Park Chan-wooks vorherigem Film, dem hervorragenden "Sympathy for Mr. Vengeance" ging es um Rache und dem damit einhergehenden Teufelskreis. Auch in "Oldboy" geht es um einen Mann, der Rache an einem Mann nehmen will, der Rache an dem ersteren nahm. Was einfach klingt, ist durchaus kompliziert: Oh Dae-su (Choi Min-sik) hat eine Frau, eine Tochter, einen Bruder, einen scheinbar ordentlichen Job, aber auch ein Alkoholproblem. Und es geschieht an dem Geburtstag seiner Tochter, dass ihn sein Bruder aus dem Polizeirevier fischt und ihn zurück zu seiner Familie bringen möchte. Doch das gelingt nicht – auf offener Straße wird Oh Dae-su von einem Mann mit violettem Regenschirm gekidnappt, verschleppt und eingesperrt. Für fünfzehn Jahre sitzt Oh Dae-su in seinem Gefängnis, einem ordinären Raum, in dem er essen, schlafen und fernsehen darf. Im Laufe der quälenden fünfzehn Jahre wird er immer wieder hypnotisiert und unter Drogeneinfluss gesetzt. Als er nach fünfzehn Jahren unvermittelt freigelassen wird, sinnt er nur auf erbarmungslose Rache. Psychisch zwar ein Wrack, physisch aber durch das jahrelange Training in seinen kargen vier Wänden gestärkt, macht er sich auf die Suche nach dem Mann, der all sein Leid – während Oh Dae-sus Gefangenschaft ermordete er auch seine Ehefrau und schob dies dem Eingekerkerten in die Schuhe -, verursachte. Als er endlich vor dem überlegen grinsenden Lee Woo-jin (Yu Ji-tae) steht, beginnt jedoch erst das perfide Spiel: Oh Dae-su muss eine Reihe von Fährten und Hinweisen entschlüsseln, um hinter das "Warum" seiner Wegsperrung zu kommen – erst dann kann er seinen Todfeind niederstrecken, der ansonsten das Geheimnis mit ins Grab nehmen würde.

Die Geschichte ist wahrlich komplex und sehr konstruiert. Besonders im Finale, wenn Park Chan-wook alle seine Falltüren öffnet, und uns ein menschliches Schicksal von so unfassbarer Härte vorführt, mag dem spitzfindigen Zuschauer das eine oder andere logische Loch im Skript auffallen. Doch am Ende von "Oldboy", in dem die Helden des Films gebrochen, physisch am Ende ihrer Kraft und psychisch weitaus verwirrter, als ihnen zu dem Augenblick bewusst ist, im Schnee stehen, sich umarmend – dann bewegt das mehr als es alle Hollywood-Blockbuster des letzten Jahrzehnts getan haben. Wie oben erwähnt leben wir in einer postmodernen Kinowelt, in der jeder noch so ausgeklügelte Trick, jede clevere Storywendung in irgendeiner Form schon einmal dagewesen war. Der langjährige Kinofan, der anspruchsvolle, in gewisser Weise den Erzählmechanismen gegenüber angestumpfte Filmfreund wird es Park Chan-wook danken, dass er es durch seine Radikalität und übersteigerte Realitätsverzerrung es schafft uns zu überraschen, uns den Atem stocken lässt (wenn Oh Dae-su beispielsweise den letzten Hinweis innerhalb des violetten Präsents öffnet und sich unsere böse Vorahnung bestätigt) und uns verzweifeln lässt ob dieser Tragödie, die wir miterleben durften. Selten ist man derart von einem Drama Schrägstrich Thriller derart berührt und mitgenommen, wie von diesem emotionsgeladenen, wütenden Meisterwerk.

Wie verhält es sich nun aber mit Parks Originalität? Kommen wir exemplarisch zu dem Mann zurück, zu dem wir uns Anfangs eigentlich abwenden wollten. Wenn Quentin Tarantino die Underground-Klassiker der Siebziger, der Gegenkultur, des Hongkong-Kinos und des italienischen Gewaltfilms plündert, und einen simplen Fun-'N'-Violence-Unterhaltungsfilm, wie es "Kill Bill" einer ist, daraus bastelt, wird er von all seinen Bewunderern in den siebten Himmel gepriesen. Warum? Weil diese Bewunderer vermutlich nicht die Weitsicht besitzen, dass auch Tarantino sich nur bereits dagewesenen Ideen und Stilen bemächtigt, ohne sich selber welche auszudenken. Wenn jetzt aber Park Chan-wook vorhandene Themen und optische Effekte aufgreift und weiterverarbeitet und diese in einem der aufwühlendsten, intelligentesten Filme des Jahres 2003 einfließen lässt, ohne dass das homogene Grundkonzept Schaden nimmt oder schlimmsten Falls ins Lächerliche gezogen wird, dann ist er ein Dieb? Diese Logik geht nicht auf. Die Kritiker an Parks Originalität sind höchstens beleidigt, dass Park sein Publikum für derart clever hält, dass es sich nicht geschmeichelt fühlt, wenn er sich aus unbekannteren Filmen bedient, anstatt, wie hier der Fall, Impulse und Ideen der jüngeren Zeit weiterzuführen.

"Fight Club" mag insgesamt der bessere Film sein, ist er jedoch allgemein als Initiator dieses aggressiven, alptraumhaften, aber durchaus unsere perverse Realität abbildenden Filmstils anzusehen, und somit ist "Oldboy" kein Abklatsch, sondern ein Kind dieser Generation junger Filmemacher. Und dieses Kind, dieser "alte Junge", der ist der Beweis, dass wirklich gutes, faszinierendes Kino momentan aus Korea entstammt. "Oldboy" ist aufregend, entfesselt, gewalttätig, aber so unendlich schön, tragisch und herzzerreißend, dass man Park Chan-wook vor Dank um den Hals fallen möchte, da er vermutlich einer ganzen Kinogängergeneration den Glauben an bewegendes, zutiefst emotionales Kino zurück geschenkt hat. Vorbei sind die Zeiten Hollywoods! Es lebe Korea!


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