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Oldboy (2003)

Eine Kritik von Arminowitsch (Bewertung des Films: 10/10)
eingetragen am 05.09.2004, seitdem 3689 Mal gelesen


Mögliche Gedanken zum Film "Old Boy" (SPOILER)

Die Ödipustragödie ist wahrscheinlich eine der fundamentalsten und ältesten Geschichten überhaupt. Die wendungsreiche Sage von Ödipus, der seinen eigenen Vater tötet und das verpönte Verbrechen des Inzests begeht, stellt als frühes Kulturzeugnis die sittliche Verantwortlichkeit des Menschen ernsthaft in Frage und ist deshalb als Beitrag in der Auseinandersetzung mit Schuld und Moral über die Epochen hinweg immer wieder von Künstlern und Philosophen aufgegriffen worden. Freud vermutete gar, dass "vielleicht die Menschheit als Ganzes ihr Schuldbewusstsein, die letzte Quelle von Religion und Sittlichkeit, zu Beginn ihrer Geschichte am Ödipuskomplex erworben hat".

Chanwook Park jedenfalls, als studierter Philosoph greift die Ödipuskonstellation in einer umgekehrten Form (Vater-Tochter statt Mutter-Sohn) mit vertauschten Rollen in seiner geradezu mythologischen Tragödie "Old Boy" auf, um sie im Zusammenhang mit dem Thema Rache zu reflektieren. Schon im brachialen "Sympathy for Mr Vengeance" konnte man Parks Liebe zu jenen schweren Urthemen der Menschheit bewundern. Es ist hier ein existentialistisch-deterministischer Ansatz.
Ein Familienvater wird scheinbar ohne Grund gefangen genommen und für 15 qualvolle Jahre in einer abgeschotteten Zelle eingesperrt. Dem Wahn verfallend erfährt dieser dann nach Monaten vom Mord an seiner Frau - er selbst wird beschuldigt. Wut staut sich über die Jahre danach auf, aber auch ein Sinn, eine Triebkraft für seine weitere Existenz. Nach zahlreichen Selbstmordversuchen beginnt er zu trainieren und ein Loch in die Ziegelwand zu kratzen. Die undefinierte, wahnhafte Rache ist seine Triebfeder und so wird sein Ausbruchversuch bereits eine Metapher für den ganzen Film: Er kratzt und buddelt voller Hoffnung, ohne zu wissen, was dahinter ist: Vielleicht kann er fliehen, aber vielleicht ist er auch im 50. Stock eines Hauses und stürzt sich dann beim Ausbruch in den Tod? Überhaupt arbeitet Park in seinem Werk mit vielen teilweise recht ausgefallenen Metaphern und Symbolen (z.B. die Ameisen oder der Tintenfisch), welche dem Film eine ganz eigene Ästhetik und Faszination verleihen.

Schließlich wird der Gefangene mutwillig herausgelassen und seiner Rache ausgesetzt. Er verliebt sich in eine junge Frau und bekommt spärliche Hinweise von seinem Gegenspieler, um den Rachefeldzug gegen seine Peiniger ausführen zu können. Nur langsam decken sich die Hintergründe und Motive für die Konstellation auf, doch blind vor Rache zieht er seinen Feldzug brutal durch, ohne seine Manipulation zu erkennen. Nach 15 Jahren des Aufstauens und Vereinsamens bleibt für den Mann als Sinn seiner Existenz nur noch die Rache übrig. Das inszeniert Park zuerst auch mit einer geradezu überdeutlichen Geradlinigkeit und einem bitter-trockenen Sarkasmus. Wie ein Stehaufmännchen kämpft der Held tapfer gegen Horden und Horden von Peinigern und Gegnern, um seinem Ziel näher zu kommen - Herrlich gefilmt in einem symbolträchtigen langen Gang, wo die Bewegung nur entlang der Gangachse stattfindet: Gegner kommen von einer Seite ins Bild - er schlägt auf der anderen Seite auf sie ein. Ein ewiges, fast komisches Hin und Her ohne Ende. Was der Sinn seiner Gefangenschaft war, erfährt er aber nicht.

Schließlich schwenkt der Film immer mehr um und es wird ersichtlich, dass der Mann in seiner Rache nur scheinbar frei handelte. Sein Gegenspieler, nach ähnlichen Motiven handelnd, hat ihn von Anfang an manipuliert, seinen Weg vorgegeben und sein Handeln determiniert. Er symbolisiert sozusagen die höhere Macht, die schon in der Ödipussage den ahnungslosen Protagonisten gegen sein Gewissen handeln ließ. Mehr noch - dieser Gegner kultiviert seine eigene persönliche Rache gegen den Protagonisten, die auf ein Trauma aus der Schulzeit zurückgeht, in einer als Kontrapunkt eiskalt kalkulierten und perfektionierten Form.

Nun schafft es der Protagonist zwar, die Motive seines Gegners ans Licht zu bringen, doch sein Rachetrieb läuft immer mehr ins Leere und das ewige "Zahn-um-Zahn" verkommt zu einem leidigen Spiel. Und dabei begeht er fast beiläufig unwissentlich das unverantwortliche Verbrechen: Den Inzest mit der eigenen Tochter, geplant und gelenkt von seinem Gegner, der ihn schlussendlich mit dieser Schuld konfrontiert um seine eigene Genugtuung zu erlangen. Dem Helden bleibt von seiner Rache also nur selbstzerstörerischer Wahn und die bitterliche Konfrontation mit seiner Schuld und seiner Ohnmacht. Rache ist somit nur die Illusion einer Freiheit, Ungerechtigkeit ausgleichen zu können; am Ende richtet sie sich doch gegen den Rächer. Und selbst, wenn sie funktioniert, wie das bei dem Gegenspieler der Fall ist, und die kurze Genugtuung erreicht ist, so muss sie danach mit dem Schuldbewusstsein als moralisch äußerst fragwürdiger Akt gerechtfertigt werden, war sie doch hier auch nur die Projektion der eigenen Versagung auf das Racheopfer, um die Verantwortung für eigene Fehler abzugeben. Nach dem Scheitern bleibt nur die Leere, und es hat keinen Sinn mehr, moralisch quantitativ abzuwägen: "Ob Sandkorn oder Stein - Beide gehen unter im Wasser". Für den Helden ist deshalb am Ende der einzige seelische Ausweg die Verdrängung der traumatischen Erlebnisse ins Unbewusste und das Weiterleben als gebrochener Mann.

Alles in Allem ein toller, intelligenter und philosophischer Rachethriller mit einfallsreicher Ästhetik, der mit dem hohlen, nichtsnutzigen "Kill Bill" trotz gleichen Grundthemas glücklicherweise nichts zu tun hat, insofern den Vergleich mit Tarantino auf dem Filmplakat eigentlich nicht verdient.10/10.


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