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Ansicht eines Reviews
Brotherhood (2004)
Eine Kritik von Der Ewige Lawrence (Bewertung des Films: 9/10) eingetragen am 07.09.2006, seitdem 496 Mal gelesen
Diesen Film zu bewerten ohne zu spoilern, ist sehr schwierig bis unmöglich, daher schon mal die Vorwarnung: Wer den Film noch nicht gesehen hat, ihn noch sehen will, aber nichts von der Handlung verraten bekommen möchte, der sollte sich die anderen Reviews vorknöpfen.
Leute, die nicht wissen, ob sie ihn gucken wollen, sei noch gesagt: Dieser Film ist ein absoluter Muß und zählt mit zum Bestem, was es im Bereich Anti-Kriegsfilm gibt. Also, wenn euch das jetzt überzeugt hat, und ihr den Film auch schauen wollt, ohne zuviel gespoilert zu kriegen: Tschüss.
Für den Rest gilt:
SPOILER
Anfangs fängt der Film sehr stark erinnernd an übliche Hollywoodfilme der letzten Jahre an: Variierend zwischen dem Anfang von Titanic und Soldat James Ryan befinden wir uns in der Gegenwart, wo (besser: wann) Ausgrabungen an einem ehemaligen Schlachtfeld durchgeführt werden. Ein alter Mann bekommt einen Anruf wegen einem dort gefundenen Leichnam, woraufhin sich alles in einem riesigen Flashback entfaltet.
Genauso ähnlich fangen ja auch die beiden oben genannten Filme an.
Auch als der Film seinen Anfang in der Vergangenheit, Anfang 1950, beleuchtet, ist noch alles schön, rosig, bisweilen zu schön, zu rosig, fast schon zu kitschig. Die Harmonie stößt nahezu bei jedem Zuschauer sauer auf, so dass man zwangsläufig der vorurteilsbehafteten Meinung verfällt, der Rest des Films würde nun ein kitschiger Bilderbogen werden.
Soviel erst mal zu den ersten 15-20 Minuten des Films.
Dann bricht nämlich der Korea-Krieg aus und es geht gleich von Null auf Hundert: Die beiden Protagonisten des Films, zwei Brüder, werden zwangseingezogen, obwohl sie sich nicht im Geringsten für Politik interessieren.
Der ungebildete ältere Bruder, der sein ganzes Leben nur danach ausgerichtet hatte, nach dem Tod des Vaters, die Erziehung seines jüngeren Bruders zu übernehmen, diesem die Schule zu finanzieren, indem er von morgens bis abends Schuhe putzt, versucht mit allen Mitteln, seinen jüngeren Bruder aus dem Militär entlassen zu bekommen. Als ihm ein Vorgesetzter den Wurm ins Ohr setzt, dass das nur möglich wäre, wenn der ältere Bruder die Tapferkeitsmedaille erringen würde und dadurch einen Wunsch frei hätte, sind die Weichen gestellt.
Fortan meldet sich der ältere Bruder für ein Selbstmordkommando nach dem anderen, hat immer Erfolg, wird stetig befördert, dient der Propandamaschinerie des Südens als Aushängeschild, dabei wird er immer unmenschlicher und brutaler. Jeder andere Mensch als sein jüngerer Bruder ist ihm schnuppe, ohne mit der Wimper zu zucken, opfert er Kameraden und ehemalige Freunde, die ihrerseits von der nördlichen Armee zwangsrekrutiert wurden.
Ob er tatsächlich auch so denkt und fühlt, wie er gegenüber seinen Vorgesetzten tut oder all das mitspielt, nur um sein Ziel - die Medaille - zu erreichen, wird nie klar ersichtlich.
Ersichtlich wird nur, dass er roh wird und sehr unbarmherzig auftritt.
Sein jüngerer Bruder bekommt all das hautnah mit, erkennt seinen Bruder immer weniger, versucht ihn immer wieder zu überzeugen, doch von diesem Vorhaben abzukehren, sehe er denn nicht, in was für ein Monster er sich verwandelt hat.
Nach und nach steigert sich die Wut des jüngeren Bruders über die Taten des älteren in Verbitterung bis schließlich in offenen und unverhohlenen Hass: So als ein Kamerad wegen der Rücksichtslosigkeit des älteren Bruders eigentlich völlig sinnlos erschossen wird, oder als ein Kindheits- und Familienfreund von dem älteren erschossen wird, weil dieser nun ein Nordkoreaner ist; auch als der ältere Bruder zwei Kriegsgefangene einander bis auf den Tod bekämpfen läßt, nur um der Ration willen oder als die zukünftige Ehefrau des älteren Bruders stirbt, weil sie als Kommunistin abgestempelt wurde.
Hört sich die Geschichte selbst bis hierhin noch relativ altbacken und konventionell an, so ist die Inszenierung doch schon mehr als nur handwerklich perfekt: Die Schlachten sind überwältigend und stellen teilweise sogar die aus James Ryan oder sogar Black Hawk Dawn in Punkto Schonungslosigkeit in den Schatten, dabei jedoch wie selbstverständlich auch auf dem Boden der Tatsachen bleibend, niemals sind die drastischen Gewaltszenen nur Mittel zum Zweck, eher dient das alles der Abschreckung: Wenn zum Beispiel nach einer Notoperation am offenen Bauch dieser Bauch nach einer Weile mit Maden übervölkert ist, ist klar ersichtlich, dass das den Wahnsinn des Krieges anklagen soll.
Immer und immer wieder werden kritische Argumente angeführt, dass ein (Bürger-)Krieg eigentlich das Letzte sein sollte, was das Land braucht, da man ja schließlich ein Volk ist, gleichzeitig werden aber immer wieder Momente herangebracht, dass je länger der Krieg dauert, desto entmenschlichter und voneinander entfernter beide Seiten werden, dass der Graben immer unüberwindbarer wird
So werden irgendwann von beiden Seiten Massakern an unbewaffneten Zivilisten verübt, nur um den Blutdurst der entrückten Soldaten zu stillen.
Der einzige, der diesem Blutdurst gegenüber immun zu sein scheint, ist unserer jüngerer Bruder. Dazu kommen wir aber weiter unten noch detaillierter.
Es wird ja in diversen Reviews darauf verwiesen, dass dies trotz allem ein sichtlich südkoreanischer Film ist, da dennoch stärker die nördliche Seite kritisiert wird: So werden die Nordkoreaner eher als Tier mit einem unstillbaren Blutdurst dargestellt, und die Chinesen werden einfach nur als eine gesichtslose Horde gezeigt.
Bei genauerem Hinsehen kann man diese Argumente aber nicht gelten lassen: Zum einen sieht man die Nordkoreaner nur in der Schlacht und da ist jeder, der gezeigt wird -egal welcher Seite angehörig- als schreiender Killer gezeigt. Zum anderen wird die Geschichte aus der Sicht der Brüder erzählt, also werden diese anderen Nationen nicht wirklich zu sehen sein, da die Brüder nur untere Soldaten sind. Und letztlich werden auch die Amerikaner niemals mit dem Gesicht gezeigt, nur in Form von Flugzeugbombern oder wenn sie die Soldaten an der Front nur mit Schokolade, Kaugummi und Zigaretten bei Laune halten.
Es ist ganz klar, dass hier jeglicher Einmischer eigentlich nicht sehr gerne gesehen wird, denn ohne die Amerikaner oder die Chinesen wäre der Krieg vielleicht früher zu Ende gegangen?
Nun noch mal zur Beziehung der beiden Brüder, dem Hauptaugenmerk des Films: Dient als Metapher für die Beziehung zwischen Nord- und Südkorea, je länger der Krieg dauert, desto mehr entfremden sich die beiden.
Beide lieben sich, doch sie können nicht aus ihrer Haut und irgendwann scheint das Tischtuch zerschnitten.
Sehr schön festgehalten ist die Metapher in einer der vielen Schlußszenen: "60 Jahre habe ich auf dich gewartet..."
Während der ältere Bruder sowohl Vater als Bruder zu ersetzen sucht und seinen jüngeren Bruder zu schützen sucht, es gerne sehen würde, wenn der jüngere Bruder zu einem gelehrten und belesenen Menschen würde, also alles für den jüngeren tun würde, ist die Liebe des jüngeren Bruders nicht weniger intensiv, nur halt naiver.
Der ältere Bruder hat keinerlei Perspektiven, kann weder rechnen noch schreiben, weil er sich für die Familie aufgeopfert hat. Er ist kein bißchen patriotisch, nur ein Familienmensch. Daher ist es für ihn kein großer Schritt, sich auch im Krieg für den jüngeren Bruder zu opfern. Er wird auch gerne zum Mörder, weil das alles Mittel zum Zweck ist: Die Rettung des jüngeren Bruders. So ist auch sehr viel Stolz in der Haltung des älteren Bruders ersichtlich, wenn sich sein jüngerer Bruder immer öfter gegen den älteren Bruder stellt, weil der ältere auf der moralisch verwerflichen Schiene fährt. Niemals ist der ältere Bruder sauer auf den jüngeren, wohl auch weil er weiß, dass er eigentlich nichts gutes tut. Im Ganzen gesehen, für seinen jüngeren Bruder tut er nur Gutes. Und nur dieses einzige Ziel ist für ihn Rechtfertigung genug. So ist es dann auch kaum verwunderlich, dass der ältere Bruder schließlich die Fronten wechselt, als er glaubt, die südkoreanische Seite hätte den jüngeren Bruder bei lebendigem Leibe verbrannt (auch hier nochmals zur Verdeutlichung, dass beide Kriegsseiten ihr Fett weg bekommen).
Der jüngere Bruder wird dagegen immer vom älteren behütet und umsorgt, liebt und verhert den älteren Bruder dafür abgöttisch. Umso mehr ist verständlich, dass er sich schließlich immer stärker gegen seinen Bruder wendet, als er sieht, was für Greueltaten der ältere Bruder verübt. Das ist dann auch die Erklärung dafür, warum der jüngere Bruder trotz allem in diesem Krieg menschlich bleibt und zu bleiben überhaupt in der Lage ist: Um nicht zu so einem Monster zu werden, wie es der ältere Bruder wurde, der ja eigentlich der gütigste Mensch auf der Welt war - zumindest in den Augen des jüngeren Bruders.
Und so kommt es wie es schließlich kommen muß:
Beide Brüder stehen sich im finalen Showdown auf gegnerischen Seiten gegenüber.
Um auch hier einiges vorweg zu nehmen (wir erinnern uns: dies ist ein Spoiler-Review), es verläuft dann doch anders als man es nun unbedingt erwarten würde.
Ähnlich wie bei Titanic und James Ryan wird danach der Haken zur Gegenwart geschlagen, aber anders als bei jenen Filmen ist dieses Ende, obgleich der Konventionalität doch sehr tränenrührig, aber das ist diesmal sogar als sehr positiv hervorzuheben.
Ein nahezu perfektes Ende ist vor allem dann vorhanden, als in einem letzten zeitlich nicht wirklich zuordenbaren Flashback die Schuh-Geschichte aufgeklärt wird.
Das einzige was man aussetzen könnte ist, das beide Brüder durch den ganzen Film mit kaum Verletzungen durch Schlachtfelder marschieren, teilweise sogar ohne Helm, während um sie herum dauernd Menschen sterben und weggesprengt werden. Vor allem in der letzten Schlacht ist das schon arg dem westlichen Action-Kino angelehnt als an ein Anti-Kriegsdrama.
ENDE SPOILER
Es dürfte relativ schwer sein, dem westlichen Publikum, die besondere Beziehung der beiden Brüder wirklich nahe zu bringen, aber sie ist kein bißchen kitschig. Es passiert öfters, dass sich der ältere Bruder für die familie sozusagen "Opfert", ohne es als Opfer zu sehen, es ist im Gegenteil sogar Belohnung, wenn die jüngeren Geschwister die Erwartungshaltung der Familie dann erfüllen können. Wobei die Erwartungshaltung auch nicht das Schaffen an sich ist, sondern das augenmerkliche Versuchen. So ist es auch sichtbar, dass der ältere Bruder im Film eigentlich die ganze Zeit über mehr als nur Stolz auf den jüngeren ist. Auch ist eindeutig ersichtlich, dass die Kameraden an der Front alle um das Vorhaben des älteren Bruders wissen und ihn tatkräftig unterstützen. So wird auch der jüngere Bruder auch von allen anderen Kameraden teilweise als zu schützender kleiner Bruder angesehen.
Von daher kann man auch diesen monierten Kritikpunkt nicht gelten lassen.
Gelten lassen kann man höchstens meines Erachtens, dass die beiden Brüder mit Ausnahme vom bitteren Ende unversehrt durch den Film marschieren. Oder dass es am Anfang ein extrem kitschiges Bild von der heilen Vorkriegswelt gibt.
Im Gegensatz zu den ganz oben erwähnten Filmen ist der Film aber dennoch sehr rund und sehr gut gelungen.
Und das obwohl immer wieder andere Klassiker des (Anti-)Kriegsfilms zitiert, kopiert oder ihren Pfaden gefolgt wird: So gibt es immer wieder Szenen, die einen an James Ryan, Black Hawk Down, Das Eiserne Kreuz, Pearl Harbour, Verdammt in alle Ewigkeit, Im Westen Nichts Neues ja sogar Mars Attacks von Tim Burton usw. erinnern.
Alles in allem jedoch muß man auch festhalten, dass dies ein extrem westlich wirkender Film ist, fast als hätte Bruckheimer gelernt, richtig tiefsinnige Filme zu drehen, dabei aber seine Hochglanzoptik beibehalten könnend. (Das ist denn auch kein Wunder, denn der gleiche Regisseur hat ja auch Shiri gedreht, und das ist der mit Abstand beste Nicht-Bruckheimer-doch-Bruckheimer-Film, den es gibt. Wer dieses Wort nicht versteht, sollte sich den Film mal anschauen, dann versteht er es sofort, hehehehe)
Auch das ist nicht negativ gemeint, im Gegenteil, denn dadurch ist der Zugang zu dem Film fast jedem uneingeschränkt möglich.
Die Westlichkeit geht sogar so weit, dass man fast das Gefühl hat, Hans Zimmer hätte die Filmmusik geschrieben, und das ist mal ein negativer Punkt, der aber auch angesichts des Sujets vernachlässigbar ist.
Letztlich muß festgehalten werden, dass wenn es jemals einen Film gab, der dafür prädestiniert schien, auf der großen Leinwand gesehen zu werden, dann war es dieser. Schade dass er in den deutschen Kinos kaum Beachtung fand, verdient hätte er es allemal.
Ganz großer Film, fast perfekt, lediglich angesichts der wenigen wahren Kritikpunkte verpaßt er die volle Punktzahl. Viel besser als jeder andere Kriegsfilm mindestens der letzten zehn Jahre.
Also einfach nur: WOW!!!!
9 Punkte
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