Review

  „Erfolgreiche Konturlosigkeit"

Die Bedrohung steht am Anfang. Wie seine beiden Vorgängerfilme beginnt auch Der Unerbittliche mit Harrys späteren Gegnern. Wieder soll ihre eiskalte Brutalität den Zuschauer zunächst schocken, um im Verlauf des Films die nicht minder rüden Methoden und das kompromisslose Vorgehen des schießfreudigen Hardliner-Cops zu rechtfertigen. Eine clevere Idee, die in Dirty Harry und Callahan wunderbar funktioniert hat. Sowohl der kühl ausgeführte Mord an einer unschuldig Badenden durch einen psychopathischen Killer-Scharfschützen, wie auch die kaltblütige Hinrichtung gerade freigesprochener Mafiosi durch einen Streifenpolizisten versetzte dem Betrachter einen Schlag in die Magengrube.  Mit solch perfider Brutalität musste radikal aufgeräumt werden. Inspector Harry Callahan schien genau der richtige Mann für diese dirty Jobs.

Im dritten Teil will diese simple aber effektive Rechnung erstmals nicht so recht aufgehen. Das liegt zum einen sicher am Abnutzungseffekt eines erneuten Aufgusses des bekannten  Motivs, im Besonderen allerdings an der Comichaften Überzeichnung des Hauptschurken. Bobby Maxwell (De Verne Bookwalter), Anführer der Terrorgruppe „Die Revolutionären Streitkräfte des Volkes", wirkt wie ein wenig geglückter weil völlig überdrehter Mix seiner beiden Vorgänger. Die blauen Augen und die blonden Haare erinnern klar an Davis, den Anführer der mordenden Streifenpolizisten in Callahan. Aber während Davis durch seine ruhige, freundliche und selbstsichere Art besonders bedrohlich wirkte, erscheint der ständig rumzappelnde und bewusst auf durchgeknallt gebürstete Maxwell unfreiwillig komisch. Auch sein ausgeprägter Hang zum Sadismus, hier eindeutig an Scorpio aus Dirty Harry orientiert,  wirkt karikaturhaft überzeichnet. Der meist irr grinsende Bookwalter reißt permanent seine blauen Augen auf und schüttelt dazu seine blonde Lockenpracht. Der Schritt zur Lächerlichkeit ist hier nicht mehr allzu groß. Andy Robinson dagegen erzeugte durch eine ungleich subtilere Darstellung seiner abgründig-perversen Figur ein enormes Maß an Gefährlichkeit und Unbehagen.

Darüber hinaus sind Maxwells Mitstreiter eine Ansammlung eindimensionaler, platter Bösewichte von der Stange. Auch die Terrorgruppe als solches ist seltsam banal und indifferent angelegt. Dabei waren die Vorraussetzungen durchaus günstig. Wie im Originalfilm -  der Scorpio-Killer nahm klar auf den berüchtigten Zodiac-Fall Bezug - gelang es auch in The Enforcer ein politisch brisantes Thema aufzugreifen. In den 1970er Jahren wurde Südkalifornien von einer Serie terroristischer Aktivitäten (Entführungen, Attentate, Erpressungen) der linksradikalen „Symbionetischen Befreiungsarmee" heimgesucht. Obgleich es auch dieser Gruppe am Ende nur noch um ihre finanzielle Bereicherung ging, hatte sie sich anfangs durchaus radikale gesellschaftspolitische Veränderungen auf ihre Fahnen geschrieben. Bei ihrem offensichtlichen filmischen Äquivalent - „Die Revolutionären Streitkräfte des Volkes" - bleiben die politischen Motive von Beginn an seltsam diffus und nebulös. Hier scheint es ausschließlich um die Erpressung hoher Lösegelder zu gehen. Eine leichtfertig vertane Chance, dem Film durch sorgfältiger ausgearbeitete aktuelle Bezüge mehr Brisanz und Tiefe zu verleihen. Das schlampige Bild wird noch verstärkt durch die seltsame Gewichtung der Terrorgruppe innerhalb des Films. Zu Beginn und im Finale eindeutig als Harrys Widerpart installiert, wird die Terrorgruppe in der Mitte des Films sträflich vernachlässigt und tritt nur sporadisch in Erscheinung.

Die wenig geglückte Anlage der Gegenspieler ist aber nur ein Problem bei Dirty Harrys drittem Einsatz. Der ganz Film wirkt grob und ideenlos aus etablierten Versatzstücken zusammengezimmert. Wieder vereitelt Harry einen Raubüberfall auf seine übliche Art, indem er die Gangster mit seiner 44er Magnum unsanft ins Jenseits befördert. Und wieder wird er von einem bornierten Vorgesetzten aufgrund dieser Wild-West-Aktion vom Dienst suspendiert und in eine Büroabteilung zwangsversetzt. Wenig überraschend wird er reumütig in die Mordkommission zurückbeordert, als die Bedrohung überhand zu nehmen scheint und letztlich ja nur Callahan für solch „dreckige" Aufträge in Frage kommt. Erneut bekommt er einen Partner mit mangelnder Erfahrung zugewiesen, über den er sich zuvor wenig freundlich geäußert hatte. Natürlich entstammt auch er einer „Randgruppe". Nach einem Mexikaner in Dirty Harry und  einem Farbigen in Callahan ist es diesmal der weibliche Police Officer  Kate Moore (Tyne Daly). Dazu gibt es noch ein paar bissige Kommentare über die leidige Bürokratie sowie die Verbrecher begünstigende, zu lasche Gesetzgebung.

Gerade das Spannungsfeld moralischer und gesellschaftspolitischer Grauzonen wird  allerdings in Der Unerbittliche erheblich grobschlächtiger und ungleich indifferenter präsentiert. Der Film eiert konturlos um brisante Inhalte herum und scheint kaum an einer kontroversen Aufarbeitung der erwähnten Themen interessiert. Die Figur des Harry Callahan wird in ihrer politisch moralischen Grundausrichtung ebenfalls kaum weiterentwickelt und bietet größtenteils lediglich bekannte Phrasen, Aktionen und Einstellungen aus den ersten beiden Teilen.
Eine der wenigen, aber durchaus bemerkenswerten Ausnahmen bildet die Schlusssequenz. Nachdem sich Moore für den mediengeilen und korrupten Bürgermeister San Franciscos geopfert hat, lässt Harry den wartenden Stadtvater verächtlich links liegen und trauert um seine tote Partnerin. In einer beindruckenden Gegenlichtaufnahme auf der Gefängnisinsel Alcatraz steht Eastwood monolithengleich über der niedergeschossenen Polizistin. Das gängige Motiv von Harrys unpersönlichem Verhältnis zu den Opfern wird hier erstmals durchbrochen. Eine Entwicklung die sich im vierten und erstmals von Eastwood selbst inszenierten Teil (Sudden Impact) deutlich fortsetzen sollte.
Auch die bereits in Callahan angestoßene Vermenschlichung der Titelfigur wird weiter ausgebaut. Die Beziehung zwischen Callahan und Moore entwickelt sich hin zu gegenseitigem Respekt und Anerkennung. Harrys anfangs chauvinistisch geprägtes Bild wird im Verlauf des Films gerade gerückt und Moore werden sogar ein paar Seitenhiebe auf Harrys Machogebaren und die tieferen Hintergründe seiner übergroßen Waffe zugestanden.

Insgesamt krankt Der Unerbittliche aber deutlich an seinem schwachen Drehbuch und der einfallslosen Regie. Das Fehlen John Milius und Michael Ciminos macht sich schmerzlich bemerkbar. Die Fernsehautoren Dean Riesner und Stirling Silliphant gingen auf Nummer sicher und kopierten lediglich das etablierte Grundgerüst. Der unerfahrene James Fargo (er war bis dato lediglich als Regieassistent tätig gewesen) versäumte es, dem Film seinen Stempel aufzudrücken und bewies wenig Gespür für Timing und Tempo. Der Film besitzt einen kaum spannungsfördernden episodenhafter Charakter und lässt keine klare Linie erkennen.

Dem finanziellen Erfolg taten diese Mankos wieder einmal keinen Abbruch. Erneut konnte das Einspielergebnis des Vorgängerfilms sogar noch übertroffen werden. Der Charakter des zupackenden und politisch unkorrekten Cops war längst zur Kultfigur avanciert. Eastwoods routiniertes Spiel - er war nun fest mit der Rolle verwachsen - trug sicherlich wesentlich zum Publikumserfolg bei. Das Spannungsfeld zwischen Individualismus, Institutionen und Rache war als immer wieder gern gesehene Blaupause des Actiongenres etabliert. Trotz ähnlicher Anlage war vom gesellschaftspolitischen Zündstoff und der provokant kontroversen Ausrichtung der ersten beiden Teile allerdings nicht mehr viel geblieben. Mit dem dritten Film war die Wandlung vom polarisierenden Antihelden zum populären Actionheroen endgültig vollzogen. Unerbittlich.

(5,5/10 Punkten)                                            
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