Ansicht eines Reviews

Fog of War, The (2003)

Eine Kritik von Gevatter Hein (Bewertung des Films: 8/10)
eingetragen am 08.11.2004, seitdem 553 Mal gelesen


Fast unter Ausschluß der Öffentlichkeit kam in Deutschland Errol Morris' Doku-Interview gerade rechtzeitig zum US-Präsidentschaftswahlkampf 2004 in die Kinos, dessen trauriger Ausgang weder das Vertrauen in die Übernation des Westens gestärkt noch das in die menschliche Vernunft erhalten hat. Doch auch die Tatsache, daß ein doch ziemlich halbseidener Propagandist wie Michael Moore, dessen Ziele zwar lauter sein mögen, dessen Methoden es jedoch nicht sind, mit "Fahrenheit 9/11" alle Rekorde bricht, ohne nur ein Iota zum Verständnis des immer tiefer werdenden Grabens zwischen den USA und dem Rest der Welt beizutragen, während "The Fog of War" sich durch fast leere Programmkino-Studios schlagen muß, obwohl er in den USA einige Auszeichnungen (darunter einen Oskar) abgeräumt hat, ist äußerst ungerecht, um nicht zu sagen: ungerechtfertigt.
Dabei ist die Machart durchaus konventionell. Wie bei Hellers "Im toten Winkel" macht eine Interviewsituation mit dem einstmaligen US-Verteidigungsminister Robert McNamara den Hauptkörper der knapp 100 Minuten aus. Er wirkt sehr entspannt und gesprächig und man ist geneigt, mit großem Wohlwollen und Vertrauensvorschuß seinen Äußerungen zuzuhören. Strukturiert werden diese durch 11 Sätze, die McNamara für die Grundlage einer effektiven militärischen Außenpolitik hält. Ich werde sie nicht im einzelnen zitieren, denn es ist ohnehin viel wichtiger, was sich aus dem Nichtgesagten, Zwischenzeiligen für eine Gedankenwelt entwickelt.
Beginnt McNamara noch mit sofort nachvollziehbaren Einsichten, wie der, daß man sich zunächst mit dem Gegner auseinandersetzen sollte, bevor man ihn angreift, so wird im weiteren Verlauf immer obskurer und, ja, "nebliger", was er zu den zahlreichen Kriegsverbrechen der USA (er gebraucht selbst genau dieses Wort!), die er zu einem nicht ungewissen Teil mit zu verantworten hatte, zu sagen hat. Seine Erzählungen beginnen in seiner Jugend in der Depression und seinen ersten Erfahrungen mit Konflikten im Zweiten Weltkrieg. Typisch amerikanisch gibt er dabei eine "Schuhputzer zum Millionär"-Story zum besten, wie sie offenbar heutzutage immer noch, ganz ohne peinliche Berührung, erzählt werden können. Natürlich kommt auch das Selbstlob nicht zu kurz.
Wirklich interessant wird es allerdings als er von der Strategie der US-Streitkräfte im Pazifik zum Ende des zweiten Weltkriegs spricht, von den "Christbäumen" (Brandbomben), die Tokio, das größtenteils aus Holzhäusern bestand, ähnlich Dresden, bis auf den Grund niederbrannten. Diese Bombardierungen galten nicht militärisch-strategischen Zielen, sondern dezidiert der Zivilbevölkerung, um den Kampfgeist zu "schwächen", wie der damalige Konsens in Armeekreisen war. In dieser Deutlichkeit hat man solche Statements noch nie aus dem Mund eines amerikanischen Politikers vernommen. Hier zeigen sich aber auch erste Dissonanzen, denn McNamara zeigt keine wirkliche Betroffenheit, fühlt sich offenbar keineswegs schuldig. Wieso auch, er stand unter Befehl und war zu diesem Zeitpunkt auch noch nicht mit allzu großen Verantwortungen belastet. Es dauert allerdings nicht lange und er beginnt nach den bekannten Ausreden und Ausflüchten zu suchen: was hätten wir denn tun sollen? Der Feind hätte dasselbe getan! Wir mußten weitermachen, sonst wären wir - als Verlierer - als Kriegsverbrecher verurteilt worden usw. usw.
Was dabei völlig unter den Tisch zu fallen beginnt, sind die Gründe, warum man überhaupt bewaffnete Kampagnen gegen Länder startet. Besonders deutlich wird dies natürlich beim Thema Vietnamkrieg, der von den Amerikanern als Fortsetzung des Kalten Krieges gegen das Gespenst des "Kommunismus" verstanden wurde, den die Vietnamesen allerdings als einen Kolonialkrieg einstuften und ihr Land entsprechend bis zum letzten Menschen (es waren auch Frauen in den bewaffnete Vietcong-Truppen) verteidigten. Tausende von Menschen auf beiden Seiten in einen komplett sinnentleerten Tod getrieben - auf beiden Seiten war nichts gewonnen und unendlich viel verloren worden - kein Wunder, daß die Veteranenorganisationen noch nicht mal den Gedanken an diese Nutzlosigkeit zulassen, denn ihre Opfer würden sie dann als Bauernopfer für eine aus dem Ruder gelaufene Politik erkennen.
Natürlich sehen und hören wir die Interpretationen McNamaras und der vertritt auch lange nach Bekleidung seiner Ämter offizielle Meinungen. Besonders deutlich wird dies im Epilog, in dem Morris einmal ganz persönlich nachfragt, wie er denn rückblickend den Vietnamkrieg sähe: wie weggewaschen sind McNamaras Jovialität und erzählerische Energie, er wird richtiggehend ungehalten und bricht das weitere Interview ab, obwohl er, ein alter Mann, der zu Lebzeiten ohnehin keine unkontroversielle Figur war, eigentlich nichts mehr zu verlieren hätte.
Dieser schlußendlichen Entlarvung entspricht auch das einen durch den Film immer nachdrücklicher beschleichende Gefühl, daß dieser Mann etwas bei sich behält, er nie wirklich offen ist, was er kurioserweise selbst anspricht als ein Sentiment, daß ihm oft nachgesagt wurde (und das er natürlich vehement verneint). Seine Rede ist genauso präzise strukturiert, bis hin zu den korrekt angebrachten "Emotions"ausbrüchen, wie die fast jedes amerikanischen Politikers. Dennoch schafft er es nicht ganz, zumindest für den scharfen Beobachter, die Hypokrisie und Arroganz der Macht zu verbergen, denn bei der Schilderung vom Tod Kennedy's kann er fast nicht mehr weitersprechen vor Rührung, bei der Schilderung toter amerikanischer Soldaten vibriert seine Stimme zwar, aber ohne seinen Vortrag nennenswert zu kompromittieren. Jeder bekommt genau die abgezählte Menge Mitleid, die ihm zusteht.
Einen der Leitsätze von McNamaras Karriere möchte ich aber doch gerne zitieren, da er die Person "in a nutshell" charakterisiert, nämlich wie man mit unangenehmen Fragen umzugehen habe: "beantworte eine Frage nie so wie sie gestellt wurde, sondern so, wie du dir gewünscht hättest, daß sie gestellt worden wäre." Das erklärt Politik in einem Satz und zeigt, daß egal mit welchen Absichten ein Mensch einen machtbesetzten Posten antritt, ob menschenfreundliche oder -feindliche, er/sie wird korrumpiert, wird zu einer Marionette des Abstrakten. Trotzdem sind die Unterschiede bspw. europäischer und amerikanischer Politik offensichtlich, denn der messianische Missionseifer, mit dem die größten Massaker rationalisiert und legitimiert werden, um den Menschen Demokratie und Frieden zu bringen (sofern noch Restbestände der entsprechenden Bevölkerung nach den Flächenbombardements vorhanden sind, um diese zu "genießen"), der ist den Europäern zum Glück gründlich vergangen. Und darin liegt auch der vielleicht einzige Vorsprung den Europa in Sachen realpolitischer Vernunft vor den USA hat: es ersieht aus der eigenen Kolonialzeit, insbesondere aber nach den Gräueln des Dritten Reiches (die Großreiche der Antike gar nicht zu erwähnen), daß brutale Machtpolitik immer zum Fall führt und der ist um so größer, je mächtiger man geworden ist. Ob das die Menschen in den USA noch rechtzeitig erkennen werden, jetzt, da die Kriege immer willkürlicher erklärt werden und die zivilen Rechte, auf die sich Amerika zu Recht einiges einbilden durfte, mit erschreckender Geschwindigkeit weiter eingeschränkt werden?
Morris' Dokumentation gewinnt durch die entspannte Interviewsituation, die durch einige technische Kniffe auch eine direkte Ansprache sowohl der Interviewers als auch des Zusehers in einer Perspektive ermöglicht. Als Auflockerung sieht man die passenden Bilder aus alten Nachrichtensendungen und Militärarchiven, was zwar recht interessant ist, aber eher unaufregend in Szene gesetzt wird. Einmal wird das Beispiel eines Dominoeffektes aufgebracht anläßlich der sich verkettenden Mißverständnisse in Vietnam, und was sieht man? Eine Reihe kollabierender Dominosteine über einer entsprechenden Landkarte. Das ist ein bißchen zu plakativ, um nicht zu sagen platt. Auch das epilepsieweckende Leichenbildschnittinferno aus diesem Konflikt hat man zur Genüge gesehen und hämmert nur einen Punkt fest, den McNamara ohnehin schon überdeutlich gemacht hat. Dennoch soll das keine Beschwerde sein, der Film weiß auch zu unterhalten und durch die weitgehend uneingeschränkte Selbstdarstellung hat man eben auch die einmalige Chance all die Zwischentöne der Figur des Robert Strange (sein tatsächlicher Zwischenname!) McNamara zu erkennen. Es stellt sich wie bei André Hellers Interview mit Hitlers Sekretärin natürlich die Frage, ob man den Film unbedingt im Kino sehen muß, weil er eigentlich ein ideales Fernsehformat hätte, aber die Empfehlung an alle, die sich tiefer mit den transatlantischen Mißverständnissen und Divergenzen auseinandersetzen wollen, ist davon nicht betroffen.


Surprise me!
"Surprise me!" BETA
Lassen Sie sich überraschen! Wir führen Sie zu einem zufälligen Treffer zu einem Thema Ihrer Wahl... Wollen Sie eine andere Kritik von "Gevatter Hein" lesen? Oder ein anderes Review zu "Fog of War, The (2003)"?


Zur Übersichtsseite des Films
Liste aller lokalen Reviews von Gevatter Hein

Zurück





Copyright © 1999-2012 KI Media GbR
Alle Rechte vorbehalten.
Nutzungsbedingungen · Werben · Impressum
Hosted by Net-Build



Quicksearch






User-Center

Benutzername: 
Paßwort:
Login nur für diese Sitzung:

·

981 Besucher online





Abonnement


Abonnement - Bitte erst anmelden
Melden Sie sich bitte an, um Abonnements vornehmen zu können



Neue Reviews


Men Suddenly in Love (2011)
Gefährten (2011)
Fight of the Dragon (1999)
Schrei, wenn Du kannst (2001)
New Rose Hotel (1998)



News


Unser News-Bereich wurde überarbeitet und wird in Kürze weiter ausgebaut werden, damit Sie stets aktuell über alle Neuigkeiten rund um die Welt des Films informiert sind.

» Zum neuen News-Bereich