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Eraserhead (1977)

Eine Kritik von Apollon (Bewertung des Films: 8/10)
eingetragen am 16.05.2005, seitdem 1483 Mal gelesen


Verstörend ist die Welt, in die wir hier eindringen, unbehaglich und befremdlich. In "Eraserhead" scheint alles möglich, wie in einem Traum. Falls in diesem fremdartigen Universum irgendwelche Gesetze gelten, dann die allmächtigen des Albtraumes, denn was David Lynchs Spielfilmdebüt, das eine mehrjährige, kuriose Entstehungsgeschichte aufzuweisen hat, beherrscht, ist beklemmend und furchtbar, eine schauderhafte Stimmung, wie sie in dieser Intensität selten zu fühlen war, und nicht zuletzt eine ungeheuere inhaltliche Mehrdeutigkeit, die "Eraserhead" nicht nur zu einem der verworrensten Lynch-Werke macht, sondern zu einem der faszinierend abstrusesten Filme überhaupt.

Alles beginnt bereits mit einem unidentifizierbaren Hintergrundrauschen und sonderbaren Bildfragmenten: Horizontal schwebt der Kopf von Henry Spencer, einem von John Nance brillant dargestellten Mann mit in der Filmgeschichte unverwechselbarer Haarpracht und einzigartiger Gesichtsmimik, im Vordergrund des Bildes, während sich im Hintergrund der Blick auf einen Planeten eröffnet, einen kargen, einen hässlichen Planeten. Dort scheint eine entstellte männliche Gestalt zu hausen. Als aus dem Munde Henrys, der mittels Montage immer noch waagerecht im Vakuum des Universums schwebt, ein wurmartiges Wesen, ein eigentlich überdimensioniertes Spermium, erscheint, legt der Verunstaltete drei Hebel um und die reife Keimzelle fällt in eine Flüssigkeit, die sich in einer Vertiefung auf der Planetenoberfläche angesammelt hat - wir sahen die eigentümliche Allegorie eines Zeugungsaktes.

Und gezeugt wurde ein Monstrum, etwas abartig Lebendiges, das aussieht, als habe es sich aus der Keimzellengestalt kaum weiterentwickelt. Es ist der Nachkömmling Henrys, dessen hautloser, auf einer Kommode liegender Körper in eine schützende Mullbinde gehüllt ist und übergroßer Kopf von einem Kissen gestützt wird. Die kleine zerbrechlich wirkende, außerirdisch aussehende Kreatur wird seiner Mutter Mary den letzten Nerv rauben, denn wahrlich nicht auszuhalten ist das ständige zermürbende Geschrei des kleinen Geschöpfes. Mary flüchtet schließlich, weniger aus Abscheu - denn es ist nicht so, als hätte sie ihrem Baby gar keine Anflüge von Zuneigung geschenkt - als vielmehr vor der nicht zu ertragenden mütterlichen Last, die es ihr aufbürdet. Und Henry bleibt allein mit dem entarteten Kind zurück. Auch ihn belastet die Vaterrolle; er ist überfordert mit der Verantwortung, erst recht als, von einer bloßes Entsetzen verkörpernden Tonspur begleitet, sein Nachkomme von einem auf den anderen Moment erkrankt, schrecklich röchelt und noch mehr jammert als zuvor.

Wir hatten uns fast schon an das unmenschliche Aussehen des Wesens gewöhnt, aber nach der Erkrankung nahm es doch noch an schockierender Scheußlichkeit zu und gleichzeitig wird das Staunen unsererseits immer größer ob der verblüffenden technischen Realisierung dieses kleinen Ungetüms. Es soll allerdings lange nicht der einzige Moment des Schreckens bleiben, der uns hier durchfahren wird. Schon das künstliche Hühnchen, das Henry, zum Abendessen bei Marys Eltern eingeladen, nicht wirklich zu tranchieren wagt, als es zu bluten und mit den Schenkeln zu wackeln beginnt, ist schaurig anmutend wie überhaupt der ganze Film. Absurd ist so vieles und doch hier real - unter anderem die völlig lichtundurchlässige Steinmauer vor Henrys Fenster oder seine auf dem Nachtschrank ohne Topfbehausung in einem losen Erdhaufen stehende Zimmerpflanze, wenn das kleine kahle Bäumchen eine solche Bezeichnung überhaupt verdient.

Dabei hat alles eine symbolische Bedeutung, die sich manchmal leichter, manchmal schwerer und in nicht seltenen Fällen gar unmöglich erschließen lässt. Henrys zugemauertes Fenster zumindest ist ein klares Sinnbild für dessen schüchternen, introvertierten und oft apathisch auftretenden Charakter, der sich von den für ihn neuen, auch aufgezwungenen väterlichen Verpflichtungen sichtlich eingeengt fühlt. Freude bereitet ihm eigentlich nur noch der Blick hinter den Heizkörper in seinem Zimmer. Dort in wärmender Helle befindet sich eine kleine Bühne und eine Frau mit blondem Haar und unnatürlich aufgeplusterten Wangen. "In heaven everything is fine“, wird sie singen und es scheint wie die speziell an Henry gerichtete Verlockung der Erlösung von dieser schmutzigen Welt, dieser industrialisierten Einöde, in der der Lärm der belebten Großstadt den maschinellen Fabrikgeräuschen gewichen ist.

Die schwarzweißen Bilder vermögen optimal, diese trostlose Industrieidylle mit ihren eintönigen Häuserfassaden und die hier längst versandeten menschlichen Seelen zu vergegenwärtigen. David Lynch zeichnet ein einmaliges Bildnis einer gesellschaftlichen Tristesse, beinahe ohne die Individuen überhaupt interagieren zu lassen. Denn die wenigen Dialoge sind nicht von tiefsinnigen Belangen; überdeutlich steht die Bildsprache im Mittelpunkt, im Zusammenspiel mit einer überwiegend beunruhigenden Akustik stehend, wobei Lynchs Gespür für die subtile Ausleuchtung immer wieder erstaunlich ist. Er präsentiert Anstrengendes, Finsteres und oft hypnotisch Wirkendes und alles ist letzten Endes dem Surrealismus untergeben. Es scheint wie ein schauderhafter Trip in das Unterbewusstsein eines Menschen, in die Psyche Henry Spencers, die sich nach außen kehrt.

Und es sind die Lebensängste, die Ängste vor familiären Verpflichtungen oder dem Verlust des einzelnen wertvollen Individuums in einer materiell orientierten Industriegesellschaft, die David Lynch zu Tage fördert und in "Eraserhead" zu einem gewissen Teil auch autobiographisch verarbeitet. Sein Film ist eine traumatische Schreckensvision, die wie nahezu jedes seiner Werke mit jedem Male weiter an Faszination zulegt und in ihrer Symbolik durchaus einen Wegweiser für die Doppelbödigkeit der später gefolgten verworrenen Lynch-Filme "Lost Highway" oder "Mulholland Drive" bildet; ein cineastisches Erlebnis, das sich gewiss nicht mehr aus dem Gedächtnis vertreiben lassen wird.


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