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Eraserhead (1977)

Eine Kritik von Thurgod (Bewertung des Films: 10/10)
eingetragen am 31.05.2005, seitdem 821 Mal gelesen


David Lynch drehte 1977 einen absoluten Ausnahmefilm, in dem ein Mann einen stockfinsteren Alptraum erlebt. Viele neuere Klassiker des Experimentalkinos („Pi – Der Film“ ist nur ein Beispiel, genauso wie „Tetsuo – The Iron Man“) verweisen auf diesen surrealen Bilderschocker, der durchaus auch als filmisches Vorbild für Lynchs späteres Werk über den Elefantenmenschen diente. Von der ersten Minute an taucht der Zuschauer in düstere, von rostiger Industrie beeinflusste Bilder ein, die nicht nur den Hauptdarsteller in einen fiebrigen Traum versetzen. Henry, ein schweigsam-schüchterner Mimose mit seltsamer Frisur besucht seine Freundin Mary und deren Eltern zum gemeinsamen Abendessen. Es stellt sich heraus, dass Mary schwanger von ihm ist, und die Eltern drängen auf baldig eintretendes Zusammenleben. Dies geschieht, und bald ist auch das „Kind“ auf der Welt: Henrys düsteres, enges und karges Zimmerchen wird von dauerhaft-penetrantem Geschrei heimgesucht, welches von einem bizarr entstellten Säugling ausgeht, welcher wie eine Mischung aus Mensch und Tier aussieht. Mary erträgt die Situation schnell schon nicht mehr, und auch Henry versucht, dem Leben, was eingewickelt auf einem Tisch liegt, zu entkommen, indem er dem singenden Mädchen mit dicken Backen in seiner Heizung lauscht oder eine Affäre mit seiner lasziven Nachbarin beginnt. Doch als das Kind auch noch krank wird, hält Henry das Geschrei nicht länger aus und setzt einen Schlussstrich darunter. So hört sich diese Zusammenfassung noch nach einer relativ transparenten Handlung an, doch das ist weit gefehlt. Um allein schon durch diesen Faden durchzublicken, muss man schon viel Verständnis für ungewöhnliche Dialogik, bizarre Symbolik und Metaphorik sowie ein empfängliches Auge für bizarre Bilder haben. Lynchs Frühwerk ist alles andere als normal und sicherlich nur für eine sehr schmale Bandbreite an Publikum geeignet – und auch diese werden am Ende nicht aus dem Film schlau, mich eingeschlossen. Der Exzess des Verlorengehens im Traum (oder der Realität) wird mit jeder verstrichenen Filmminute weiter vorangetrieben, und wenn Henrys Kopf schließlich abfällt, um als Material für Bleistiftradierer herzuhalten, blickt schließlich niemand mehr durch (auch nicht Darwin Joston, den die Kenner noch aus John Carpenters „Das Ende“ in Erinnerung haben) – eines ist indes jedoch völlig klar: Lynchs Meisterwerk ist phänomenal. Die Bilder sind düster und die Beleuchtung wirft mehr Schatten als Licht; die Geräuschkulisse kann sich hören lassen und verbreitet zunehmend panische Stimmung, wie man sie aus Videospielen wie der Silent Hill-Serie kennt. Worte sind spärlich gestreut in diesem Horrorschocker und dienen dem Zuschauer höchstens als Anhaltspunkt für minimale Nachvollziehbarkeit der gezeigten Geschehnisse. In keinem seiner folgenden Werke wurde Lynch so unverträglich und monströs wie hier, und dennoch werden Filme wie „Mulholland Drive“ oder „Lost Highway“ als bizarr-konfuse Glanzstücke des amerikanischen Ausnahmekinos bezeichnet – alle diese können im vergleich zu Eraserhead noch als normal bezeichnet werden. Lynch taucht unter mysteriösen Umständen in eine bizarre Welt ein, von der viele behaupten, sie entspreche dem, was sie träumen, wenn sie Fieber haben (kann ich durchaus unterstreichen), und verlässt sie auch auf stille Art wieder. Als Stilmittel Numero Uno diente ihm dabei der Schwarzweiß-Film, meiner Meinung nach hätte er nicht besser wählen können. Die Symbolik macht einen mitunter schwindelig, bis die Fantasie in Bereiche vordringt, die absolut nicht mehr nachvollziehbar sind.
Also, Leute – ihr kennt diesen Film noch nicht? Durchaus möglich, denn er kam bisher nur selten im Fernsehen, und wer schaut schon Arte? Sollte man vielleicht öfter mal tun... Legt euch irgendwie eine DVD oder ein VHS von diesem Meisterwerk zu, koste er, was er wolle. In der unendlichen Welt der Spielfilme ist dieses Ding hier ein absolutes und 100%iges Mustsee für ganz spezielle Gemüter wie für wandelnde Filmlexikas. Un_be_dingt ansehen!


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