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Eraserhead (1977)
Eine Kritik von Stefan M (Bewertung des Films: 8/10) eingetragen am 27.12.2003, seitdem 656 Mal gelesen
Vorsicht, Spoiler!
Soweit überhaupt möglich, ein grober Handlungsumriß: Der Drucker Henry Spencer wird zu einem Abendessen bei seinen zukünftigen Schwiegereltern bestellt. Dort eröffnet man ihm, daß seine Geliebte Mary ein Kind zur Welt gebracht hat - ein Kind, das eher einem Kalbsfötus als einem menschlichen Wesen ähnlich sieht und fast unaufhörlich jämmerlich plärrt...
Es ist wirklich unvorstellbar schwer, den Inhalt dieses Films in Worten wiederzugeben, „Eraserhead“ ist vielmehr eine einzige Aneinanderreihung alptraumhafter und bizarrer, teilweise zusammenhanglos erscheinenden Szenen, die man unmöglich beschreiben kann, sondern selbst erleben muß, um sie zu glauben. Die Bilder sind augenscheinlich mit einer derart hohen Anzahl von Symbolen versehen, daß man die Geschichte einfach nicht logisch nachvollziehen kann - ich jedenfalls bin schon im Ansatz gescheitert, „Eraserhead“ zu verstehen, wie ich überhaupt im allgemeinen scheitere, David Lynchs Filme zu verstehen („Lost Highway“ habe ich ja bereits hier - zumindest bruchstückhaft - zu erklären versucht, an eine Kritik zu „Blue Velvet“ habe ich mich bis dato nicht herangewagt). Aber wenigstens habe ich bei den eben genannten Filmen Ansätze gefunden, die eine logische Interpretation möglich machen, doch hier kann ich beim besten Willen keinen roten Faden erkennen.
Nichtsdestotrotz haben seine Werke für mich immer eine ungeheure Faszination an sich, und der konnte ich mich auch bei „Eraserhead“ nicht entziehen. Dies ist wirklich einer der unglaublichsten und rätselhaftesten Filme, die ich je gesehen habe. Er kommt fast ganz ohne Dialoge aus und verläßt sich ganz auf seine erdrückende Bildsprache, die den Zuschauer mit einer Flut visueller Sensationen konfrontiert. Und diese Schwarz-Weiß-Bilder sind so unglaublich finster, daß man mitgerissen wird, sich unwohl fühlt und ein gerütteltes Maß an Verstörung mitbekommt, was noch verstärkt wird durch die irreal klingenden Hintergrundgeräusche der Maschinen und Fabriken in Henrys Nachbarschaft. Das ohrenbetäubende Jaulen des „Kindes“ geht unter die Haut, und gibt es tatsächlich Filmfans, die die Laute kaltlassen, die das bedauernswerte Geschöpf ausstößt, als Henry (John Nance) ihm am Ende die um den Körper gewickelten Bandagen mit der Schere aufschneidet?
Dabei ist der Erzählrhythmus wahrlich einschläfernd langsam, schlafwandlerisch gleitet die Kamera durch die verschiedenen Szenarien. Allein die beängstigende Exposition dauert bestimmt geschlagene zehn Minuten. Diese Erzählweise wirkt sich auf meinen subjektiven Gesamteindruck etwas negativ aus, es ist nämlich enorm anstrengend, sich den Film in einem Rutsch anzuschauen. Wer also einen tempogeladenen Horrorfilm erwartet, wird schnell enttäuscht sein. Jeder, der „Eraserhead“ schaut, muß sich auf den Film einlassen, fürs „Zwischendurch-Gucken“ unter Garantie nicht geeignet.
Auch Splatterfreunde sollten einen großen Bogen machen, denn obgleich Lynch seinem Publikum so manch degoutanten und widerwärtigen Schockmoment zumutet, gibt er einem nie das Gefühl, daß er jene Szenen zum Selbstzweck inszeniert hat.
Das Verrückteste an „Eraserhead“ ist in meinen Augen eindeutig die Traumsequenz, die freilich nicht sonderlich deutlich als Traum erkennbar ist, erscheint sie doch kaum surrealer als der Rest: Darin verliert Henry seinen Kopf, der von einem Jungen in eine alles andere als modern aussehende Bleistiftfabrik gebracht wird. Dort entnimmt man ihm mit einem Bohrer eine Probe und verarbeitet sie zu Radiergummiköpfen (daher der Titel). Das klingt nicht nur irre - es ist irre und zugleich innovativ. Wie gesagt, das muß man gesehen haben, um es zu glauben!
Ein paar weitere interessante Fakten zur Entstehung des Films: Fünf Jahre dauerten die Dreharbeiten, in denen der Regisseur phasenweise durch die Hölle gehen mußte, weil er unter extremem Geldmangel litt, der ihn sogar zu dem Gedanken zwang, die letzten Szenen als Trickfilm zu realisieren. Potentielle Geldgeber sprangen entsetzt ab, als sie den Anfang begutachteten; Lynch mußte sogar während des Drehs um Mitternacht für zwei Stunden das Filmteam verlassen, um ein paar Dollar für Zeitungsaustragen zu verdienen. Als er sich dann auch noch von seiner Frau scheiden ließ, hatte er nicht einmal mehr einen Wagen und keine Unterkunft zum Übernachten. Darum zog er illegal in das Schlafzimmer ein, das für die Hauptfigur Henry Spencer geschaffen wurde. Hier kam er auch auf die Idee, die Frau mit den faustdicken Auswüchsen im Gesicht in die bereits vorhandenen Szenen einzubauen. Näheres zu den Dreharbeiten findet man in der aufschlußreichen Lynch-Biografie „Die dunkle Seite der Seele“ von Robert Fischer.
Eine Galavorstellung liefert Hauptdarsteller Jack Nance ab. In einem arg wortkargen Film wie „Eraserhead“ ist die Mimik unglaublich wichtig, und der mit einer schrägen Frisur ausgestattete Nance (wer kennt nicht das berühmte Bild, das auf dem DVD-Cover zu sehen ist?) meistert sie grandios. Schade, daß er in so wenigen anderen Filmen mitgewirkt hat, er hat hier eindrucksvoll bewiesen, daß er ein ausdrucksstarker Schauspieler gewesen ist. (Er starb leider Ende 1996 mit nur 53 Jahren an den Folgen einer Schlägerei.) Den anderen Darstellern attestiere ich ebenfalls eine gute Leistung, auch wenn sie klar im Schatten der Hauptfigur stehen, was nicht schwer ist, da sie allesamt nur sehr kleine Rollen einnehmen und die Kamera fast hundertprozentig bei Henry bleibt.
Szenenuntermalende Musik gibt es fast keine, aber sie ist auch nicht nötig; die ungewöhnlichen Hintergrundgeräusche, an denen das Filmteam monatelang arbeitete, reichen vollkommen aus, um die trostlose, ausweglose und abgrundtief pessimistische Grundstimmung zu unterstreichen.
Fazit: Wahrscheinlich einer der beunruhigendsten, düstersten und schockierendsten Filme, die ein Regisseur bis dato zustandegebracht hat. Es dauerte in der Tat eine Weile, bis ich „Eraserhead“ verarbeitet habe, er wirkt einfach längere Zeit nach, weil es heutzutage kaum noch ungewöhnliche Regiearbeiten gibt. Dieser Film ist einer der seltenen (und lobenden) Beispiele, wie es möglich ist, den Zuschauer zu verunsichern. Sehr anstrengendes, aber auch ungemein interessantes und faszinierendes Kunstwerk!
GESAMT: 8/10
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