Ansicht eines Reviews

Name der Rose, Der (1986)

Eine Kritik von Fastmachine (Bewertung des Films: 7/10)
eingetragen am 07.01.2007, seitdem 923 Mal gelesen


Kopf und Bauch im Wettstreit um den Zuspruch des Publikums, so könnte man das Verhältnis von Umberto Ecos Roman „Der Name der Rose“ zu Jean-Jacques Annauds gleichnamigem Film charakterisieren.
Wider alle Erwartungen gelang Umberto Eco 1980 mit seinem Roman, einem ebenso gelehrten wie unterhaltsamen Werk, ein Weltbestseller. Alles an diesem Buch, sein Inhalt, seine Form, seine unterschwelligen Anspielungen, sind das Werk eines hoch gebildeten, ganz und gar aufgeklärten Denkers. Seinen Erfolg verdankt es einer List Ecos, der seiner Kopfgeburt das Karnevalskostüm eines mittelalterlichen Kriminalromans überstülpte.

Eco erzielte mit seinem Roman einen solch gewaltigen Erfolg, dass die Verfilmung nur eine Frage der Zeit war. Um dem enormen Erwartungsdruck standzuhalten und seine künstlerische Eigenständigkeit zu wahren, pochte Regisseur Jean-Jacques Annaud von Anfang an darauf, keine wörtliche Abfilmung des Romans liefern zu können und zu wollen. Er, Annaud, arbeite „ganz aus dem Bauch heraus“, bekannte der Regisseur, im Gegensatz zum Geistesmenschen Eco. Letzterer hielt im Gegenzug von Anfang an freundliche, aber fühlbare Distanz zum Filmprojekt.

Annauds „Bauchfilm“ nähert sich der Romanwelt ganz über das sinnliche Detail. Für Annaud und seinen Produzenten Eichinger sollte „Das Mittelalter“ der Star des Films sein. Mit einer lobenswerten Besessenheit erschuf der Film ein Bild vom Leben im Mittelalter, das sich bis in die kleinsten dinglichen Einzelheiten um Genauigkeit bemühte. Man drehte im Kloster Eberbach, um die Atmosphäre mittelalterlicher Innenräume glaubhaft einzufangen. Die Filmarchitekten bauten eine fantastische Klosterkulisse in den Bergen vor Rom, die in keinem Augenblick nach billigem Sperrholz aussieht. Liebevoll empfand man Tische, Krüge, Werkzeuge und Kleidung den mittelalterlichen Originalen nach.
Mit solch bewunderungswürdigem Elan arbeitete Annauds Bauch, dass er sogar Schauspieler mit fast karikierend ausgeprägten, teilweise faszinierend hässlichen Gesichtszügen engagierte. Mitnichten eine „lächerliche Übertreibung“, wie manch einer moserte, sondern ebenfalls an den Menschendarstellungen auf spätmittelalterlichen Gemälden orientiert, die sich solcher Gesichtskarikaturen als Stilmittel bedienten.
Annauds Mittelalter wirkt niemals künstlich oder bereinigt. Seine Welt stinkt, dampft und lebt, ist schief und krumm, dunkel und miefig, aber auch beeindruckend monumental.

Annauds Bauch formte die Hirnwelten Ecos nach und schuf eine sinnliche Mittelalterkulisse, die in ihrer Feier des Details und des Dinglichen zum Besten gehört, was in diesem Bereich je erreicht wurde. Auch in der Wahl der Schauspieler bewies man Qualitätsbewusstsein und hatte nebenbei noch eine glückliche Hand. Allein Sean Connerys charismatisch-ironische Glanzleistung als William von Baskerville sei genannt, seine Mitspieler stehen nicht nach.

Bis hierhin sei Annauds Bauch gedankt, dass er uns diesen Film gegeben hat. Mein Kritikerbauch fühlt sich folglich satt, rund und zufrieden an, wenn ich diesen Film sehe. Aber mein Kritikerhirn hat leider vorher das Buch von Eco gelesen und gibt sich seither mit diesem Bauchgefühl nicht mehr zufrieden. Mein Hirn möchte Annauds feistem Wanst einen wohl gezielten Schlag in die künstlerische Fettmasse versetzen. Und das geht so:

Immer wieder ist zu hören, Annaud habe sich bei seiner Verfilmung auf die „Kriminalhandlung“ des Romans konzentriert und die „politischen und theologischen“ Hintergründe gekürzt oder weggelassen. So etwas sei ja statthaft und Annaud habe ehrlicherweise seine persönliche Sicht der Dinge „aus dem Bauch heraus“ auch gleich bekannt. Diese Behauptung wird trotz endloser Wiederholung nicht wahrer.
Sicher, es geht um William von Baskerville, einen Franziskanermönch, der sich mit seinem Schüler Adson von Melk in einer italienischen Abtei als Detektiv betätigen muss. Er versucht mit rein geistigen Mitteln, durch präzise Beobachtungen und logischen Schlussfolgerungen, den Mörder zu ermitteln. Am Ende werden die Hintergründe der Verbrechen offenbar. Soweit stimmen Roman und Film durchaus überein. Und sowohl die Leser des Romans, als auch die Zuschauer des Films, dürften die Anspielung von „Baskerville/Adson“ auf das klassische Paar „Sherlock Holmes/ Dr. Watson“ verstanden haben.

Niemand kann es Annaud verübeln, dass er die ausschweifenden historischen und theologischen Hintergründe, die Eco breit entfaltet, auf das notwendige Maß reduziert, um den Film nicht mit Text zu überladen. Die Hintergründe bleiben im Film zureichend angedeutet. Auch seine Änderungen an der Handlungsgewichtung, durch die er etwa dem Inquisitor Bernardo Gui oder dem Mädchen, in welches sich Adson verliebt, mehr Raum gibt, kann man reinen Gewissen gutheißen, denn filmisch wirken diese Elemente weitaus stärker, als literarisch.

Hier gibt es recht wenig zu kritisieren, im Gegenteil, Annaud hat in der Gewichtung der Handlungselemente, dem Spannungsaufbau und der Handlungsführung gute Arbeit geleistet. Über seine zwei Stunden Laufzeit hat der Film keine Hänger und auch keine überstürzten Passagen, er ist wohlausgewogen durchkomponiert. Aus dieser rein innerfilmischen Perspektive mag man allein das arg unmotivierte Ende kritisieren, als Annaud einen Aufstand der Dorfbewohner sichtbar als Verlegenheitslösung wählt, um noch zu einem konventionellen Schluss zu kommen, wo der Bösewicht bestraft wird und die Liebenden sich anschmachten dürfen. Ein Makel, gewiss, aber kein unverzeihlicher.

Die Kritik an Annauds Film lautet vielmehr: Hier hat ein Regisseur in tausend Details und Äußerlichkeiten „richtig“ gehandelt, aber künstlerisch nahezu bedingungslos vor Ecos Roman kapituliert. Unempfindlichkeit gegenüber dem Wesentlichen, so lautet das harte, aber leider zutreffende Urteil, wenn man Annauds künstlerisches Konzept bewerten möchte.

Annaud will uns „Das Mittelalter“ schaurig schön vorführen. Sein ganzer Film schreit uns aus allen Ecken an: Fakten, Fakten, Fakten. Sein William von Baskerville ist ein mittelalterlicher Sherlock Holmes, der sich mit seinem Adson/Watson erfolgreich dranmacht, wie ein Detektiv die Verbrechen aufzuklären. Dabei wird dann noch eine finstere Kirchenverschwörung enthüllt.
Der Film verkehrt die Grundanliegen Ecos zum einen ins Gegenteil, zum anderen ignoriert er sie schlichtweg. Nicht die Kriminalgeschichte, nicht die politischen Diskussionen des Mittelalters und auch nicht die verdeckten politischen Anspielungen haben Eco vorrangig umgetrieben, sondern seine Theorien zur Orientierung in einer Welt ohne Ordnung. William von Baskerville ist eben nicht Sherlock Holmes, ein Detektiv des 19.Jahrhunderts, sondern ein Philosoph des 20.Jahrhunderts in mittelalterlichem Kostüm. Als klassischer Detektiv scheitert William im Roman vollkommen, seine logischen Anmaßungen, sein geistiger Hochmut verführen ihn nicht zu falschen Schlüssen, sondern, und dass ist Ecos Witz, sie verführen ihn zu falschen Methoden. Williams Einsicht, als alles zu spät ist und die Bibliothek brennt, ist keine kriminalistische oder politische, sondern eine philosophische.

Man könnte den Abgrund, der den unkonventionellen Roman vom konventionellen Film trennt, ganz kurz so formulieren: Eco spielt, Annaud macht ernst.
Annauds Bauch dekoriert uns vorzüglich eine ganz ernsthaft gemeinte mittelalterliche Welt, in der gewisse Regeln gelten, in der eine gewisse Ordnung herrscht. Die Ungerechtigkeiten und die Verbrechen können prinzipiell von William logisch aufgedeckt werden, wenn er nur klug und schnell genug die Muster erkennt. So funktioniert die Welt bei Annaud. Kurz: Dies ist ein gutgemachter Genrefilm, in dem die Regeln des Genres nicht angetastet werden.

Ecos Roman ist kein Genreprodukt. Er ist kein Historienroman, kein historischer Kriminalroman und auch kein Schlüsselroman, der uns die Gegenwart im Spiegel des Mittelalters zeigen will. Eco spielt nur mit diesen Elementen, und er spielt brillant. Eco ist weniger ein Romanautor, als ein Romantheoretiker, der einen Roman schreibt. Wie ein Jongleur spielt er mit vielen Bällen, aber es sind nicht die Bälle, die interessieren, sondern die Technik des Jonglierens.

Eco weiß, dass die Regeln des Genres heute nicht mehr so naiv betrieben werden können, wie im 19. Jahrhundert. Sein William von Baskerville entdeckt am Ende, dass er eine Verschwörung, dass heißt, eine verborgene Ordnung hinter den Verbrechen gesehen hatte, die so nie existiert hat. Weil die Welt eben keine Ordnung hat, die sich Genrekonventionen fügt. Trotz dieses völligen Fehlschlages konnte er aber beträchtliche Erfolge erzielen, weil er pragmatisch immer wieder Orientierungsmuster neu entwarf. Williams Einsicht ist eine ganz und gar zeitgenössische philosophische Einsicht: Nämlich die von der begrenzten Gültigkeit des eigenen Weltbildes.
Hier spricht der aufgeklärte politische Denker Eco: Das eigentliche Verbrechen, um das es im Roman geht, ist der geistige Totalitarismus. Annauds Film zeigt uns dagegen nur den kriminellen Schurken, der sich auf ein politisch korruptes System stützt.

Ja und? Was soll das alles? Es geht hier um den Film. So werden viele sagen. Hat Annaud nun einen guten Film abgeliefert? Einen guten Kostümfilm ja, aber eine erbärmliche Verfilmung. Es dürfte schwerlich eine größere künstlerische Vernageltheit seitens des Produzenten denkbar sein, als einen intuitiven, sinnlichen und ganz und gar unironischen Regisseur wie Annaud, mit der Verfilmung eines Werkes zu betrauen, dessen Qualitäten eben in der konzeptorientierten, ironischen und aufgeklärten Geistigkeit liegen.

Wenn ich einen Wunsch frei hätte, dann den, eine Neuverfilmung des Romans durch einen mehr kopfgesteuerten Regisseur zu sehen. Einen, der ein gleichermaßen ironischer und aufgeklärter Denker ist, wie Eco. Nur: Wer soll das sein? Eine letzte Wahnsinnsidee. Wären die Coen-Brüder nicht so tief in der amerikanischen Mythologie und Filmgeschichte verankert, sondern interessierten sich auch für europäische Stoffe, dann fiele mir die Auswahl von Drehbuchautor und Regisseur sehr leicht. So aber belasse ich es lieber bei einer vagen Wunschvorstellung.

Fazit: Die „Abtei des Verbrechens“ und der „Name der Rose“. Annaud hat einen guten, streckenweise sehr guten Kostümfilm mit dem Titel „Die Abtei des Verbrechens“ abgeliefert. Weil er sich einiger Motive, sowie vor allem des weltweiten Ruhmes von Ecos Roman bediente, nannte man das Werk verständlicherweise auch „Der Name der Rose“.
Mein Bauch ist zufrieden, mein Hirn nicht. Jean-Jacques Annaud füllte meinen Bauch mit einem schmackhaften Film über schaurige Verbrechen in einer Abtei. Mein Hirn hätte aber lieber einen Film über den Namen der Rose gesehen. „Der Name der Rose“ heißt dieser Roman von Eco eben nicht nur deshalb, weil der Name des Mädchens unbekannt bleibt, sondern – aber da sollte jeder dann das Buch lesen, das gehört nicht mehr zum Review des Films.


Surprise me!
"Surprise me!" BETA
Lassen Sie sich überraschen! Wir führen Sie zu einem zufälligen Treffer zu einem Thema Ihrer Wahl... Wollen Sie eine andere Kritik von "Fastmachine" lesen? Oder ein anderes Review zu "Name der Rose, Der (1986)"?


Zur Übersichtsseite des Films
Liste aller lokalen Reviews von Fastmachine

Zurück





Copyright © 1999-2012 KI Media GbR
Alle Rechte vorbehalten.
Nutzungsbedingungen · Werben · Impressum
Hosted by Net-Build



Quicksearch






User-Center

Benutzername: 
Paßwort:
Login nur für diese Sitzung:

·

777 Besucher online





Abonnement


Abonnement - Bitte erst anmelden
Melden Sie sich bitte an, um Abonnements vornehmen zu können



Neue Reviews


Men Suddenly in Love (2011)
Gefährten (2011)
Fight of the Dragon (1999)
Schrei, wenn Du kannst (2001)
New Rose Hotel (1998)



News


Unser News-Bereich wurde überarbeitet und wird in Kürze weiter ausgebaut werden, damit Sie stets aktuell über alle Neuigkeiten rund um die Welt des Films informiert sind.

» Zum neuen News-Bereich