Eine Kritik von Lonelybear (Bewertung des Films: 10/10) eingetragen am 26.11.2004, seitdem 1477 Mal gelesen
The Mashinist – Schuld und Sühne
In Brad Andersons Paranoia-Drama um den schlaflosen Trevor Reznik (Christian Bale) ist nicht nur dessen ausgemergelte Gestalt ein Grund zum Schaudern. Die eiskalten ausgewaschenen Bilder, der dramatische, basslastige ominöse Orchesterscore und die kargen Setpieces tun ihr übriges um den Zuschauer in einem konstanten Ungemütlichkeitszustand zu versetzen, der sich am Ende in einer unglaublichen Spannungsgeladenheit ausdrückt. Je näher das Ende rückt, so unsicherer ist man ob man die „Auflösung“ wirklich sehen will. Nicht nur die Phantasie Trevors, dessen körperlicher und geistiger Zustand im Verlauf des Filmes so schmerzhaft jämmerlich wird, wie man es selten im Kino sehen konnte, sondern auch die Phantasie des Zuschauers malt sich die schrecklichsten Dinge aus. Da wir die Welt so erleben wie sie auch Trevor erlebt, wissen auch wir bald nicht mehr was real ist und was nicht, welche Ereignisse tatsächlich geschehen oder Halluzinationen sind. Und vor allem, sind es überhaupt Halluzinationen?
Dem Drehbuch merkt man an das daran jahrelang gefeilt wurde, der Film schafft es den Zuschauer nie mehr sehen zu lassen als die Hauptfigur. Seine Hinweise sind unsere Hinweise, alles was wir entschlüsseln können kann auch er. Auf ständige Deja-Vu’s, Wiederholungen von Detailaufnahmen, wie Uhren, Zigarettenanzünder etc. reagiert Reznik, denn es sind die Bilder die auch er sieht.
Was man von einem gelungener Film mit „Surprise Ending“ verlangen kann ist, dass er nicht zu leicht zu durchschauen ist, keine Ungereimtheiten beim 2ten Betrachen des Films auffallen, und der Film seine Faszination nicht nur aus dem Ende bezieht. In all diesen Punkten kann „The Machinist“ voll und ganz überzeugen.
Schauspielerisch gesehen ist der Film ebenfalls ein Highlight. In den Nebenrollen exzellent besetzt, ist vor allem Christian Bale, der sich für diese Rolle fast zu Tode hungerte, der starke emotionale Anker des Films. Er trägt den gesamten Film auf seinen ausgemärgelten Schultern und das gelingt ihm auch hervorragend. Natürlich unterstützt von dem optischen Erscheinungsbild, geht Bale komplett in der Figur auf, wie es auch Charlize Theron in Ihrer oskarprämierten Darstellung im Film „Monster“ gelang. Allerdings ist seine Rolle bis auf die extreme Gewichtsabnahme nicht ganz so beeindruckend, was vor allem daran liegt, dass die Rolle weniger gefühlsbetont und der Film nicht so realitätsverbunden ist wie „Monster“. Ausserdem konnte man ja von Christin Bale eine sehr überzeugende Leistung erwarten, bisher hatte er ja immer geglänzt, ob nun in Unterhaltungsfilmen wie „Reign of Fire“, „Shaft“ oder „Equilibrium“ oder der grandiosen Satire „American Psycho“.
Fazit: „The Mashinist“ ist kein Film für Ungeduldige, oder Leute mit schwachen Nerven. Formal sieht man grosse Verwandschaft mit Polanski’s „Der Mieter“, ästethisch viel Film Noir und ein bisschen Hitchcock, und über allem liegt der Hauch einer alten schwarz-weiss Folge aus der „Twilight Zone“, natürlich erweitert um präzise psychologische Beobachtung und moderner vielschichtiger Charakterzeichnung. Verstörend, kalt, düster und schmutzig ist dieser Film, in dem man zusammen mit der Hauptfigur durch einen Alptraum stolpert, dessen inhaltliche Motive von Schuld und Sühne direkt der Gedankenwelt Dostoijewskis entprungen sein könnten.