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Mann unter Feuer (2004)
Eine Kritik von Blade Runner (Bewertung des Films: 9/10) eingetragen am 31.07.2004, seitdem 3893 Mal gelesen
Nach Jahren der Abstinenz ist die Selbstjustiz wieder groß in Mode gekommen. Erst hackte sich Uma Thurman mit einem Samuraischwert durch die Gegnermassen, dann rächte der Punisher seine Familie, The Rock räumte in seiner Stadt auf und nun will auch Denzel Washington sich rächen. Das hat er in Amerika schon Ende April getan, aber die findigen deutschen Verleiher tun sich mit Veröffentlichungsterminen solch „heißer“ Eisen gewöhnlich schwer. Auch „Walking Tall“ und „The Punisher“ liefen erst Monate später bei uns an. Der eine wurde schon in Übersee für ein PG-13 beschnitten, beim anderen durfte der Verleiher, als die FSK sich stur stellte, selber Schere anlegen. Ob „Man on Fire“, der zumindest in den Previews noch ungekürzt lief, das gleiche Schicksal erleidet, wird sich noch zeigen. Die markanten Oneliner wie „Rache ist ein Gericht, das man am besten kalt serviert“ (selbe Klingonenzitat wie in „Kill Bill“) oder „Vergebung ist eine Sache zwischen denen und Gott. Mein Job ist es, das Treffen zu arrangieren“ (General Norman Schwartzkopf) werden die Prüfer jedenfalls mit Sicherheit aufhorchen lassen.
„Man on Fire“ ist, wie sollte es auch anders sein, ein weiteres Remake der Hollywoodmaschinerie. Regisseur Tony Scott („Days of Thunder“, „The Last Boyscout“) sollte schon das Original vor 17 Jahren inszenieren, wurde dann aber abgelehnt, weil er noch keinen Erfolg vorzuweisen hatte. Der kam dann direkt im Anschluss mit der Airforce-Mär „Top Gun“. Als Michael Bay und Antoine Fuqua abwinkten, wurde Scott ein Angebot unterbreitet, er nahm an. Nach dem durchwachsenen „Spy Game“ also nach drei Jahren endlich wieder ein Tony-Scott-Film. Sein Bruder Ridley ist da etwas schneller, hat aber auch die beeindruckende Filmografie und produziert Blockbuster am laufenden Band. Aus dem Schatten seines Bruder zu treten gelang Tony, trotz einiger Hits in den Achtzigern und dem U-Boot-Reißer „Crimson Tide“ Mitte der Neunziger, nie. Ausgerechnet in diesem Genrehit spielte seinerzeit Denzel Washington mit. Den hatte Scott seit damals nicht mehr gesehen. Während der Pre-Produktion des Films liefen die beiden sich zufällig über den Weg. Scott bot ihm die Rolle an und Denzel erklärte sich einverstanden, obwohl unter anderem Persönlichkeiten wie Robert de Niro, Bruce Willis und Will Smith vorher abgelehnt hatten. Somit ist „Man on Fire“ ein Film, der auf zwei Notlösungen beruht. Ein vorprogrammierter Flop? Mit Sicherheit nicht, obwohl die Einspielergebnisse in den USA gerade mal 15 Millionen über das Budget von 60 Millionen hinaus gingen.
Dass Tony Scott sich in den Credits bei Mexico City bedankt und es einen „besonderen“ Platz nennt, dürfte purer Zynismus sein. Denn wie die Metropole hier dargestellt wird, dürfte den wenigsten der dortigen Verantwortlichen für Tourismus und Öffentlichkeitsarbeit gefallen. Die Stadt wird von Korruption und Verbrechen beherrscht. Entführungen sind längst ein alltägliches, perfekt organisiertes Geschäft, in das die korrupte Polizei und Regierungsbeamte verwickelt sind. Jede halbwegs betuchte Familie hat sich inzwischen einen Bodyguard „gemietet“. Als der ausgebrannte, Alkohol abhängige Ex-CIA-Agent Creasy (Denzel Washington, „Training Day“, “Crimson Tide) bei seinem früheren Kollegen Rayburn (Christopher Walken, „The Rundown“, „“The Prophecy“) in Mexiko vorbeischaut, verhilft der ihm zu einem Job als Bodyguard. Zunächst ist er wenig begeistert, doch er willigt ein.
Die schauspielerische Klasse, die Washington und vor allem die von ihm beschützte Pita (Dakota Fanning /10 Jahre !!!) hier an den Tag legen, erwartet man angesichts dieses doch recht simplen Plots gar nicht. Scott nimmt sich enorm viel Zeit, um die Beziehung zwischen den beiden sich entwickeln zu lassen – daher auch die Überlänge des Films (140 Minuten). Creasy will Distanz wahren und niemanden an sich heran lassen, während die aufgeweckte Pita nur einen Freund haben möchte. Die ersten Tage zwischen den beiden sind schwierig, doch langsam beginnt der Eisblock Creasy aufzutauen. Wenn er die Kleine beim Schwimmtraining anfeuert und andere Leute in ihm schon die Vaterfigur sehen, dann ist das keineswegs kitschig sondern enorm wichtig, um Creasy später verstehen zu können.
Leider kommen Vater Samuel (Marc Anthony, das Drogenwrack aus „Bringing out the Dead“) und Mutter Lisa (Radha Mitchell, „Phone Booth“, „Pitch Black“) dabei viel zu kurz. Sie sind beschäftigt, rastlos und stets auf Reisen. Vielleicht wollte Drehbuchautor Brian Helgeland genau damit die fehlende Bindung zwischen Eltern und Kind deutlich machen, doch um das spätere Verhalten des Ehepaars nachvollziehen zu können, hätte es mehr Zeit für sie bedurft.
Denzel Washington ist in seiner gebrochenen Figur brillant – in meinen Augen ist ihm die nächste Oscar-Nominierung damit schon sicher. Wenn er in seinem Zimmer sitzt, die Bibel vor sich liegen hat, Glas um Glas kippt und die Pistole in der Hand hält, dann geht das tief unter die Zuschauerhaut. Er ist ein Mann ohne Familie, der nach seinem Ausstieg kein Ziel im Leben mehr hat und eine Aufgabe sucht. Die hat er hier gefunden und Erlösung sogar noch dazu. Auch wenn er es noch nicht weiß.
Wer den Trailer kennt, weiß wie es kommt. Doch auch der unvorbereitete Zuschauer kann es sich denken. Trotz Creasys Erfahrung wird die kleine Pita entführt. Er wird auf der Straße angeschossen und schwer verletzt ins Krankenhaus eingeliefert, wo er schon angeklagt werden soll, weil er zwei Cops, die jene Entführer unterstützten, erschossen hat. Die waren jedoch korrupt, wie Cop Manzano (Giancarlo Giannini, Inspektor Pazzi aus „Hannibal“) unterstellt und wohl auch beweisen könnte. Hier werden zwei neue Figuren eingeführt, die ebenfalls leider nur mager (wie übrigens auch Mickey Rourkes Rolle) ausgebaut und genutzt werden. Neben dem die schwarzen Schafe der Polizei bekämpfenden Manzano, gehört die Reporterin Mariana (Rachel Ticotin, bekannt als Sally Bishop aus „Con Air“) zu den wenigen rechtschaffenen Personen dieses Films, die gegen dieses Kidnappinggeschäft, in das selbst höchste Kreise verwickelt sind, ankämpft. Ob die körperlich Hingabe nun wirklich nur ihren Gerechtigkeitssinn unterstreicht und die Sensationsstory da nicht auch eine Rolle im Hinterkopf spielt, soll jeder Zuschauer für sich entscheiden. Sie ist es, die Creasy, der nach seiner Genesung eigentlich nur verschwinden will, ins Gewissen redet und ihn mit Informationen versorgt.
Ab der Bildung dieser Zweckgemeinschaft, die Creasy zum Umdenken bewegt, wandelt sich „Man on Fire“ von einem Drama in einen Actionthriller mit reichlich Selbstjustiz. Leider verliebt sich Tony Scott ab diesem Punkt auch mehr und mehr in seine optischen Spielereien, die er sich, zumindest zum Teil, von seinem großen Bruder abgeschaut hat. Der zweite Teil gleicht zu großen Teilen einem wild durchgestylten MTV-Clip. Schnelle Zooms, kürzere Kameraverschlusszeit, Slow- und Fastmotion, Freezeframes, Farbfilter – alles fährt Scott hier auf. Mal funktioniert es und mal nicht. Mitunter machen Zooms auf bestimmte Objekte auch Sinn, mitunter auch nicht. Wenn kernige Sätze per Untertitel in das Bild geknallt werden, dann unterstreicht das Creasys Entschlossenheit, wenn bei seinen Foltermethoden aber die Latinomusik aufgedreht wird, dann ist das nur noch makaber. Dieser Overkill für die Sinne, die Verfremdung der Bilder, führt dazu, dass der Zuschauer sich vom Geschehen distanziert fühlt und keineswegs mehr mit Creasy unterwegs ist, sondern ihn lediglich beobachtet. Weniger wäre hier eindeutig mehr gewesen.
Creasy hat nun wieder ein Ziel. Die zu töten, die hinter der Entführung stecken. Denn die Lösegeldübergabe schlägt fehl, Pita kommt nicht zurück und er ist verbitterter denn je. Halbbesessen bittet er Rayburn um Hilfe, versorgt sich mit Waffen und zieht los. Die Hintermänner dieser Entführung überraschen, der eigentliche Drahtzieher weniger. Scott handelt Creasys Entdeckungen zu schnell ab, auch der zweite Besuch bei Pitas Eltern hätte länger ausfallen können. Zelebriert wird dafür seine Vorgehensweise, denn so kalt, emotionslos und brutal ging dieses Jahr noch niemand seinem blutigen Handwerk nach. Ob die Personen ihn nun mit Informationen versorgen oder nicht, begnadigen wird er keinen. Er quält und foltert sie, schneidet Finger ab und zuckt dabei mit keiner Augenbraue. Spaß sieht man ihm dabei nicht an, höchstens eine Portion Genugtuung. Die Bombe im Arsch hat aber schon etwas Kultiges an sich. Washington ist hier mitunter phasenweise eher der biblische Rächer, als der von Wut und Trauer zerfressene Ex-Bodyguard. Walken hat recht, wenn er zwischendurch sagt „Jeder Mann ist ein Künstler. Creasys Kunst ist der Tod. Er vollbringt jetzt sein Meisterstück“. Zu lachen hat hier niemand mehr etwas, am wenigsten die Zuschauer. Bis nach ganz oben arbeitet er sich vor. Ein für allemal wird hier reinen Tisch gemacht.
Das melancholische Ende ist wohl das traurigste des Jahres. Wem hier nicht anders wird, an dem ist auch der gesamte Film vorbeigegangen. Wenn Creasy symbolisch auf die Brücke geht und sie beschreitet, weiß auch der letzte Zuschauer wohin sie ihn führt. Mit einem letzten, friedlichen Blick auf die Berge schließt der Film dann ab und lässt den Zuschauer überlegend zurück. Hat sich durch Creasy etwas verändert?
Fazit:
Tony Scotts „Man on Fire“ ist ein erstklassiger Mix aus Drama und Selbstjustizthriller, der viel Wert auf die Charakterisierung seiner Hauptfigur legt. Denzel Washington und vor allem die junge Dakota Fanning (Imo DIE Entdeckung des Films) spielen auf allerhöchstem Niveau. Schade, dass der Regisseur sich bisweilen zu verspielt den unterschiedlichen Optikstilmitteln bedient und Helgelands Skript sich beim Ausbau der Nebencharaktere nur auf das Nötigste beschränkt. Trotz dieser Abzüge ist „Man on Fire“ ein optisches Erlebnis, das auch seine brutalen Momente hat, aber eigentlich von seinen Figuren lebt. Denn die gingen dem Publikum in zwei Fällen schon lange nicht mehr so zu Herzen.
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