„Verstelltes Zielfernrohr - Karl May´s Old Surehand"
„Old Surehand" genießt keinen guten Ruf. Nicht der Westmann, sondern der nach ihm benannte Film. Dafür gibt es eine ganze Reihe von Gründen, die fast alle beim unmittelbaren Vorgänger ihren Ursprung nehmen. In „Winnetou III" stirbt der edle Apachenhäuptling und Publikumsliebling den tränenreichen Heldentod, zweifellos „der" emotionale Höhepunkt der Karl-May-Filmserie und damit auch der perfekte Schlusspunkt. Dass es dennoch mit vier Filmen weiter ging, ist wie so häufig im Filmbusiness rein wirtschaftlichen Beweggründen zuzuschreiben. Produzent Horst Wendlandt sah nach wie vor die realistische Chance weiterhin satte Gewinne einzufahren, zumal das Finale der Winnetou-Trilogie den erkennbaren Abwärtstrend nochmals stoppen konnte und ein Kassenschlager wurde. Fairerweise muss man darüber hinaus zugeben, dass es massive Fanproteste hinsichtlich Winnetous Filmtod gab sowie die lautstarke Forderung „Winnetou darf nicht sterben". Getäuscht hatten sich am Ende beide Parteien. Dass mit dem Dahinscheiden des kultisch verehrten Indianers aber auch das Ende der Filmreihe besiegelt sein würde, erkannte man erst in der Rückschau. Die emotionale Luft war einfach raus, was die Nachfolgefilme dann auch deutlich zu spüren bekommen sollten.
Tatsache ist, dass Wendlandt nie geplant hatte, nach Winnetous Tod die Reihe einzustellen, zumal ja auch Karl May nach „Winnetou III" noch weitere Abenteuer seines Helden verfasste (heute würde man das ohnehin ganz unaufgeregt „Prequels" nennen). Also begannen nur 10 Tage nach Drehschluss von „Winnetou - 3. Teil" die Aufnahmen für „Old Surehand - 1. Teil". Der Zusatz zeigt, dass man seitens der Rialto sehr optimistisch in die May-Zukunft blickte und sogleich die nächste Trilogie anvisierte. Für die Regie verpflichtete Wendlandt erneut seinen Freund Alfred Vohrer, der bereits den ersten Surehand-Western „Unter Geiern" zu einem Hit gemacht hatte und darüber hinaus relativ gut mit dem als schwierig geltenden Star Stewart Granger konnte. Ansonsten war beinahe dasselbe Team am Werk wie im soeben abgedrehten „Winnetou III". Kontinuität, Erfahrung und Routiniertheit waren demnach allesamt gegeben, so dass eigentlich nichts schief gehen konnte bzw. sollte.
Und tatsächlich ist das Ergebnis recht ansehnlich geworden. Das Surehand-erfahrene Autorengespann Fred Denger („Der Ölprinz"), Eberhard Keindorff und Johanna Sibelius („Unter Geiern") ersann ein kurzweiliges Abenteuer nach bewährtem Strickmuster. Soll heißen, profitgierige Desperados versuchen einen Krieg zwischen Rot und Weiß anzuzetteln, um billig an Indianerland und das dort vermutete Gold zu kommen. Wieder einmal wird zu diesem Zweck ein Häuptlingssohn aus dem Hinterhalt ermordet und ein perfides Komplott geschmiedet, das der Titelheld im letzten Augenblick zu verhindern weiß. Von Karl May´s Romanvorlage bleiben erneut lediglich ein paar Namen und Handlungsfetzen übrig (u.a. Surehands Suche nach dem Mörder seines Bruders). Nötig wäre das nicht gewesen, denn der Autor hatte hier eine spannende Geschichte und interessante Figuren erschaffen. Allzu störend ist es aber auch nicht, da der Filmplot seinen Zweck ebenfalls erfüllt.
Wie schon bei bei seinem ersten May-Abenteuer setzt Vohrer auf Tempo und Action und weniger auf Pathos und Romantik. So steigt er sofort mit einem schwungvoll inszenierten Eisenbahnüberfall ein, der die Erwartungshaltungen für den weiteren Verlauf ordentlich in die Höhe schraubt. Leider hat Vohrer damit aber die spektakulärste Sequenz des Films gleich zu Beginn verheizt, was die Action-Dramaturgie etwas unrund erscheinen lässt. Die spätestens mit „Der Ölprinz" einsetzende, schmälere Budgetierung der May-Western ist hier sicherlich hauptverantwortlich, dennoch hätte eine andere Anordnung der Actionhöhepunkte dieses Manko besser kaschieren können.
Besser gelingt dies hinsichtlich Locations und deren Nutzung. So übernahm man für die Westernstadt „Mason City" zwar die noch stehende Kulisse von „Clinton" aus „Winnetou III", filmte aber aus ganz anderen Blickwinkeln, so dass die Doublette gar nicht auffiel. Dazu gab es ein Indianerlager in der Nähe eines Flusses (was eine Befreiungsaktion per Kanu ermöglichte), eine labyrinthische Höhle als Unterschlupf des Oberschurken (was eine Rettungsaktion vor einem herabstürzenden, präparierten Stalaktiten ermöglichte) sowie eine einsame Blockhütte (was einen intriganten Mordanschlag auf Surehand und seine Begleiter ermöglichte).
Darüber hinaus gab es hübsche landschaftliche Kontrastierungen zwischen Prärie/Steppe, felsiger Gebirgsgegend sowie der für die May-Filme inzwischen ikonischen Karstlandschaft. Für letzteres Motiv musste der Tross wieder einmal den logistisch anspruchsvollen Anstieg zum Mali Alan bewältigen, der schon für die Finals von drei Vorgängerfilmen als Kulisse diente („Winnetou I", „Winnetou III", „Unter Geiern"). Auch hier bewirkt ein simpler Perspektivenwechsel, dass die „Nugget Tsil"-Location - immerhin der Ort, an dem sowohl Intschu tschuna, wie auch Ntscho-tschi und Winnetou ermordet wurden - nur bei ganz genauem Hinsehen wieder erkannt werden dürfte. In dieser Hinsicht misslungen ist lediglich das Zusammentreffen von Old Surehand und Winnetou oberhalb der Zrmanja-Schlucht. Hier sticht das Fehlen des dort üblicherweise aufgebauten Apachenpueblos sofort ins Auge und hinterlässt einen irritierenden Eindruck.
So bunt die verschiedenen Schauplätze, so farblos bleibt allerdings der Auftritt Winnetous. Es dauert beinahe bis zur Hälfte des Films, bis der Apachenhäuptling erstmals ins Bild kommt. Aber auch danach bleibt seine Präsenz überschaubar, da ihm das Skript nur wenige und zudem recht kurze Szenen gönnt. Er erfüllt hier noch weit mehr wie in „Der Ölprinz" lediglich die Funktion des Deus ex machina, der stets unvermittelt auftaucht, um ein anstehendes Problem zu lösen und dann ebenso schnell wieder verschwindet. In einem hemdsärmeliger und bodenständiger angelegten Stil Vohrers funktioniert dieses plötzliche Auftauchen einer mythischen Gestalt allerdings erheblich schlechter, wie beispielsweise in der romantischen Pathos-Welt eines Harald Reinl (obgleich dieser Winnetou lediglich im Auftaktfilm „Der Schatz im Silbersee" auf ähnliche Weise inszeniert hatte). Dementsprechend deplatziert wirken Winnetous Auftritte, der hier mehr exotischer Fremdkörper, denn handlungsrelevanter Charakter ist. Verstärkt wird dieser Effekt noch durch das gegensätzliche Spiel der beiden Stars Stewart Granger und Pierre Brice, locker-lässig der eine, erhaben-entrückt der andere.
Im Nachhinein betrachtet wäre es sinniger gewesen, Winnetou als Figur entweder ganz zu eliminieren, oder ihn aber deutlich häufiger und mehr in die Handlung integriert auftreten zu lassen. Da Wendlandt ein „härterer" Western im Stil der immer erfolgreicheren europäischen Konkurrenz (insbesondere aus Italien) vorschwebte, war letzteres sicher keine Option. Ein völliger Verzicht schien aber ebenso wenig opportun, schließlich galt es das darbende und verunsicherte Publikum dahingehend zu beruhigen, dass der Filmtod des Apachen keinesfalls auch das Ende der Serie bedeutete. Diese sich widersprechenden Zielsetzungen gingen letztlich zu Lasten „Old Surehands" und waren ein wesentlicher Grund für den finanziellen Misserfolg. Für den Italo-Western-Fan war der Film zu harmlos, dazu gab es reihenweise ruppigere Originale. Der May-Film-Freund wiederum vermisste den romantisch-märchenhaften Grundton und musste zudem auf seine Lieblingsfigur so gut wie verzichten.
Das ist vor allem schade für Stewart Granger, der vielleicht nicht als Kollege am Set, aber ganz sicher als Schauspieler eine Bereicherung für die Filmreihe darstellte und dem man gerne noch mehr „Surehand"-Abenteuer gegönnt hätte. Der Hollywood-Haudegen spielt wie schon bei seinen ersten beiden May-Filmen mit Elan, Schwung und Präsenz und trägt den Film mühelos im Alleingang.
Granger beherrscht jede seiner Szenen, harmoniert aber auch sehr gut mit seinem komischen Sidekick Milan Srdoc´, der auch schon zum dritten Mal den trotteligen Old Wabble gibt. Zu Stammbesetzung gehört inzwischen definitiv Mario Girotti alias Terence Hill, zum vierten Mal verkörpert er (leider aber auch gewohnt hölzern) den naiven Jungspund und wieder einmal darf er die weibliche Hauptfigur erobern. Die „Fanny Hill"-Darstellerin Letitia Roman sollte wohl vor allem die Phantasie der männlichen Zuschauer beflügeln, ist aber im braven May-Ambiente in dieser Hinsicht arg eingeschränkt. Einen bleibenderen Eindruck hinterlässt der ohnehin dramaturgisch wichtigere Schurke „General" Jack O´Neille. Der amerikanische TV-Darsteller Larry Penell erinnert in seinem schmierig-gepflegten sowie eloquenten Auftreten an Harald Leipnitz´ Ölprinz-Interpretation, ohne allerdings zur Gänze dessen Format zu erreichen.
Auf dem Regiestuhl verhält es sich dagegen umgekehrt. Im Unterschied zu Harald Philipp war Alfred Vohrer ein erfahrener und erfolgsgewohnter Filmemacher. Seine Fähigkeit tempo- und actionreich zu inszenieren wurde bereits erwähnt, er verfügte aber auch über einen ganz eigenen visuellen Stil, der ihn deutlich von den anderen May-Regisseuren unterschied. Seiner Vorliebe für Licht- und Schattenspiele - insbesondere in künstlich beleuchteten Räumen zu nächtlicher Stunde - ist er auch in Old Surehand nachgegangen. Zwar konnte er dieses Faible in seinen zahlreichen Edgar Wallace- Adaptionen und Krimiminalfilmen deutlich stärker ausleben, griff aber an passender Stelle auch bei Karl May zu besagtem Stilmittel. Exemplarisch dafür ist die Szene, in der eine Banditenbraut Surehand mitsamt Schutzbefohlenen per vergiftetem Wein ins Jenseits zu befördern versucht. Die dabei herrschende, gekonnt aufgebaute Krimi-Atmosphäre ist ein Markenzeichen Vohrers und hat auch ein ähnlich gelungenes Pendant in „Unter Geiern".
Am Ende ist „Old Surehand" aber trotz Alfred Vohrers kompetenter Regie, seines durchaus vorhandenen Unterhaltungswerts und des lässig-souveränen Hauptdarstellers eine unglückliche Mischung aus verpassten Chancen, Fehleinschätzungen und widersprüchlichen Zielsetzungen. Die May-Serie hatte mit „Winnetou III" ihr emotionales Finale erlebt. Schon nach dem zweiten Film („Winnetou I") ging ja das Zuschauerinteresse - wenn auch zunächst auf hohem Niveau - stetig zurück, spätestens mit der von „Old Surerhand" erstmals verpassten goldenen Leinwand wurde dieser Abwärtstrend aber für jedermann offensichtlich. Die von Horst Wendlandt als Gegenmaßnahme geplante Anbiederung an das aufblühende Italo-Western-Genre zeigte nicht den erhofften Effekt, war auch nicht konsequent genug und widersprach ohnehin dem Geist der literarischen Vorlage. Richten sollte dies die erneute Zusammenführung des Erfolgs-Traumpaares Lex Barker und Pierre Brice. Dass sich der Charme der großen Reinl-Erfolge aber nicht so einfach reaktivieren lies, bewies „Winnetou und das Halblut Apanatschi". Stewart Granger war da aber längst keine Option mehr, obwohl er drei stimmige May-Filme nicht nur abgeliefert, sondern auch entscheidend geprägt hatte.
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Literatur:
Chatain, Michael, „Vom Silbersee zum Tal der Toten". Das große Karl May Filmbuch, 2012.
Kastner, Jörg, Das grosse Karl May Buch. Sein Leben - Seine Filme - Die Filme, Bergisch Gladbach 1992, S. 230-237.
Petzel, Michael, Karl-May-Filmbuch. Stories und Bilder aus der deutschen Traumfabrik, Bamberg 1999, S. 308-319.