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Blutgericht in Texas (1974)

Eine Kritik von Tool (Bewertung des Films: 10/10)
eingetragen am 29.11.2002, seitdem 931 Mal gelesen


Hier ist er. Der wohl am Verkehrtesten eingeschätzte und vor allem der Film, der die falschesten Erwartungen jedem Filmfan oder allgemein jedem Mensch vermittelt, der „The Texas Chainsaw Massacre“ noch nicht gesehen hat. Und auch bei Laien in Sachen Splatterfilmen stellt dieses Meisterwerk wohl den tiefsten Traum dar. Einmal diese Gewaltorgie zu sehen, schwebt wohl in vielen Köpfen neuer Horrorfilmfans. Nur leider ist das Ganze nicht so wie es immer zu sein schien oder immer noch zu sein scheint. Denn Tobe Hoopers Genreklassiker wartet nicht nur mit keinem einzigen Splattereffekt auf, sondern verzichtet sogar fast gänzlich auf Blut. Eigentlich nicht auszudenken bei diesem reißerischen Titel, der natürlich hauptverantwortlich dafür ist, dass viele Leute eine falsche und daher schlechte Einschätzung eines Filmes haben, der neue Maßstäbe in Sachen Psychoterror gesetzt hat und auch noch heute zu den Vorbildern eines jeden Horrorfilme-Machers zählt. Dass Leatherface, die zentrale Figur in diesem Film, der mittlerweile in einem Atemzug mit Jason Voorhees, Michael Myers oder auch Freddy Krüger genannt wird, minutenlang mit seiner Kettensäge irgendwelche hilflosen, kreischenden Opfer auseinandernimmt, indem auch noch mächtig Kunstblut durch die Gegend spritzt und jede Menge abgetrennte Gliedmaßen zu sehen sind, ist völliger Schwachsinn. Im Gegensatz zu Filmen wie „Premutos“, „Braindead“ oder auch „Violent Shit“, die wirklich aufgrund ihres Humors und ihrer übertriebenen und ultrablutigen Gewaltdarstellungen Weltruhm erlangten, setzt Tobe Hooper in „The Texas Chainsaw Massacre“ auf die psychologische Ebene und zieht somit klugen Horror dem kommerzorientierten Splatterspektakel vor, was sich wenig später als genialer Schachzug erweisen sollte. Für Leute, die sich also wirklich einen Film wie „Braindead“ erwarten, vielleicht mit weniger Witz, ist dieses Werk hier wahrlich ungeeignet, da sie nicht nur sehr enttäuscht sein, sondern auch wenig Gefallen an dem Ganzen finden werden, was im Endeffekt fast schon eine Sünde darstellt.
Das soll jetzt sicher nicht heißen, dass ich anderen Leuten meine Meinung aufzwängen möchte, sondern es zeugt von kaum menschlicher Genialität, solch ein fesselndes, beängstigendes und furchterregendes Erlebnis zu verfilmen. Auch den Härtesten unter uns lässt „The Texas Chainsaw Massacre“ nicht kalt, unmöglich. Leute, die der Meinung sind, mit der „Scream“ – Trilogie und sämtlichen misslungenen Aufgüssen schockierende und spannende Filme gesehen zu haben, lebt nicht in der Realität und hat Tobe Hoopers unübertroffenen Klassiker des Horrorfilms noch nicht in die Hände bekommen, der wirklich jedes andere Werk nahezu in den Schatten stellt und in Sachen Atmosphäre, Machart und Spannung hochhaus übertrifft. Teilweise ist „The Texas Chainsaw Massacre“ schon kein normaler Spielfilm mehr, er ist schon eher Kunst. Das ist ganz sicher keine bescheuerte oder weltfremde Behauptung, sondern Tatsache, da der Film seit mehreren Jahren im Haus des modernen Horrors steht, was sicherlich nicht viele anderen geschafft haben. Für ein Budget von nicht einmal 140.000 $ wurde 1974 ein Meilenstein geschaffen, der jede millionenschwere Hollywood-Produktion wie eine lachhafte Komödie aussehen lässt. Schon allein die ersten Minuten des Films haben ein unheimliches Gefühl in der Magengegend zur Folge, da ein paar Zeilen, mit einer wirklich unheimlichen Stimme unterlegt, auf dem Bildschirm erscheinen, die das besagen, was einen die nächsten gut 80 Minuten erwartet. Schon allein die Stimme und die Tonlage, in der der kurze Text gelesen wird, wird eine wirklich bedrohliche Atmosphäre erzeugt. Ich will hier keinesfalls übertreiben, jeder Fan oder auch sonst jeder Mensch, der von „The Texas Chainsaw Massacre“ begeistert ist, wird mir da zustimmen.
Nach diesem kurzen Einleitungstext herrscht erst einmal der schwarze Bildschirm vor, ehe sich allmählich blitzartige Bilder in das Gehirn des Zuschauers einschweißen, da diese Bilder von verwesten Leichen so plötzlich und intensiv erscheinen, dass schon für die ersten Schockmomente gesorgt worden ist. Nach diesem Szenario werden zwei Skelette in Großaufnahme gezeigt, von denen die Kamera immer weiter wegzoomt. Im Hintergrund bekommen wir zu hören, dass in der vergangenen Nacht auf einem Friedhof ein paar Leichen ausgegraben und diese geschändet worden sind. Nun wird dem Zuschauer vielleicht die genialste Titelsequenz der Filmgeschichte offenbart. Auf dem größtenteils schwarzen Bildhintergrund tauchen teilweise nur kleine, aber teilweise auch ziemlich große rote Flecken auf, die dann auch den ganzen Bildschirm bedecken. Das Ganze ist furchtbar schwer zu beschreiben, eigentlich ist es unmöglich, jeder, der die Möglichkeit hat, sollte sich schleunigst den Film ansehen. Ein nächster Aspekt, der die Grenzen zwischen Film, Horror und Kunst ineinander verschwemmen lässt, ist die geniale Musikuntermalung des Films. Das ist nicht die typische Spannungsmusik, wie man sie aus fast jedem Hollywood-Horrorfilm kennt. Auch ein Titelthema wie „Halloween“ oder auch „The Fog“ hat der Film nicht, denn die Musik klingt teilweise so, als wäre sie nur aus ein paar Becken und Töpfen entstanden. Den ganzen Film hindurch sind Klänge zu hören, die daran erinnern, wie es klingt, wenn man Töpfe oder Becken aneinanderschlägt oder teilweise auch –reibt. Das klingt nicht irgendwie lächerlich, sondern höchsteffektiv und angsteinflößend und ist in der Weise nie wiederholt worden.
Nach diesen kunstreichen Aufführungen von Bild- und Tontechnik wird dem Zuschauer die eigentlich primitiv simple Story nahebracht. 5 Freunde, darunter Sally und ihr invalider Bruder Franklin, der im Rollstuhl sitzt, sind auf dem Weg zum gemeinsamen Heimatort von Sally und Franklin, da sie jenen besichtigen wollen. Auf halber Strecke nehmen sie auf einer verlassenen Straße einen Anhalter mit, der sich bald als unterbemittelter Geisteskranker entpuppt, den sie auch kurzerhand wieder auf die Straße setzen. In diesem Moment ahnen die 5 allerdings noch nicht, dass dieser Mann noch sehr wichtig für den weiteren Verlauf des Films sein wird. Als sich dann das Benzin dem Ende neigt und eine örtliche Tankstelle keinen Nachschub aufbringen kann, halten die 5 Freunde an einem Haus und wollen sich anderweitig nach Treibstoff umsehen. 2 machen sich derweil zum Schwimmen auf, da Franklin sich ja bekanntlich in der Gegend bestens auskennt, und werden bald von einem maskierten Mann getötet. Für den Rest der Clique beginnt ein schier endlos scheinender Kampf ums Überleben, der schlimmer und nervenaufreibender nicht sein könnte.
Aus einem Budget, das eigentlich keines war, aus einer simplen Story von Gut gegen Böse, aus technisch kaum vorhandenen Mitteln erschuf Tobe Hooper das beste Beispiel dafür, dass Geld sicher nicht nötig ist, um einen guten Film zu drehen. Ganz im Gegenteil. Aufgrund des fast völligen Verzichts auf jegliche Art von Technik entwickelt sich ein realistischer und fesselnder Psychoschocker, dessen Story eines jeden von uns genauso passieren könnte. Es handelt sich also nicht um irgendeinen völlig utopischen Film, in dem irgendwelche Geister oder Sonstiges erscheinen, sondern ein Mensch, besser gesagt eine Familie verkörpert in „The Texas Chainsaw Massacre“ das unbeschreiblich Böse, das niemand vorher für existent erklärt hätte. Die Schauspieler vollbringen Höchstleistungen, obwohl es reichlich dialoglastigere Filme gibt. Es gehen bestätige Gerüchte herum, dass den Schauspielern z.B. bei dem Spaziergang durch den Wald, während dessen Sally und Franklin den verschollenen Jerry suchen, nicht gesagt wurde, wann, wo und vor allem wie Leatherface mit der Kettensäge auftreten würde und daher wurde die Schockwirkung und der vermittelte Realismus noch intensiver, da ja die Schauspieler selbst wirklich erschrocken sind.
Auch in Sachen Kamera wurde allerhöchste Qualität an den Tag gelegt. Es sind ein paar sehr schöne Naturaufnahmen zu sehen, die aber gleichzeitig das Unheimliche und Fremde unterstreichen, das der Film die ganze Lauflänge über vermittelt. Zusätzlich gibt es auch ausgefallene Kameraperspektiven und –einstellungen, die wohl so nie mehr in einem Film zu sehen waren. Es sieht alles manchmal wie improvisiert und experimentiert aus, was keinesfalls negativ klingen soll, sondern ganz im Gegenteil, gewollt können diese Einstellungen fast nicht sein, so ausgefallen und innovativ sind sie.
Wer meint, er hätte den verstörendsten, spannendsten, schockierendsten, angsteinflößendsten und beängstigendsten Film schon gesehen, soll sich „The Texas Chainsaw Massacre“ anschauen. Es ist kein Horrorfilm, der auf Blut und explizite Gewaltdarstellungen Wert legt (auch wenn ich diese auch sehr gern sehe), sondern dem Zuschauer auf der psychischen Ebene begegnet, ihn packt und erst wieder loslässt, wenn die 83 Minuten vorbei sein. Unbedingt die völlig ungekürzte Version zulegen, als Alternative rate ich noch zur etwa 5 Minuten gekürzten DVD von Laser Paradise. Genial, krank und unübertreffbar. Tobe Hooper gelang ein Horrorfilm, der auch noch in 20 Jahren der beste des Genres und einer der Besten überhaupt sein wird. Kunst!!


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