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Shrek 2 - Der tollkühne Held kehrt zurück (2004)
Eine Kritik von Vince (Bewertung des Films: 4/10) eingetragen am 19.01.2007, seitdem 427 Mal gelesen
Die “Shrek”-Franchise, sie ist mein persönliches Hassobjekt über die gesunde Grenze hinaus. Ich will bestimmt nicht ganz entsetzt in die Runde schauen und fragen, wieso zum Teufel sie zur ersten wirklich ernstzunehmenden Pixar-Konkurrenz aufgestiegen ist. Die Gründe sind bekannt und erschließen sich mir durchaus auf rationaler Ebene. Doch mein Herz, mein fühlend Herz, es pumpt im S.O.S.-Takt das Blut in meine grauen Zellen und schreibt diesen vor, wie sie die populäre Computeranimationsreihe, die demnächst zur Trilogie ausgebaut wird, wahrzunehmen haben. Und oh, ich habe ein tiefdunkelschwarzes Herz.
Es wird mal wieder Zeit, sich Feinde zu machen.
Das Rezept ist in der Theorie eigentlich ganz einfach. Dreamworks’ Erfolgsreihe bedient sich der Prototypentheorie und wendet sie auf die literarische Gattung des Märchens an, das für Prototypen besonders kompatibel ist.
In der Prototypentheorie geht man von gewissen Kategorien aus - hier dem Märchen - die durch eine flexible Anzahl von Merkmalen charakterisiert sind, die sich mit unscharfer Abgrenzung in bestimmten Kulturen manifestiert haben. Ein Märchen, so nimmt man an, beginnt meist mit “Es war einmal”, es endet mit “...und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute”. Die Zahlen 3 und 7 haben eine besondere Bedeutung, es gibt Könige und Prinzessinnen und so weiter. All das sind die prototypischen Eigenschaften dessen, was man sich in unserer Kultur unter einem Märchen vorstellt.
“Shrek” setzt an den vom realen Leben weit entfernten Surrealismus eines Märchens einfach dieses reale Leben als Vergleichspunkt an und macht sich über die Inkompatibilität von Märchen mit der wirklichen Welt lustig. Da es sich bei dieser literarischen Erzählform oft um Spiegel der Gesellschaft handelt und über Symbolik nicht selten Moral in den Ausgang der Erzählung eingebaut wird, muss sie sich schon zwangsläufig von der Wirklichkeit abheben - das ist ihr Wesen. Und nichts bietet sich besser zur Verquirlung an. Terry Gilliams’ “Brothers Grimm” basiert auf diesem Schema ebenso wie die “Twisted Fairy Tales” aus der McFarlane-Schmiede, dessen Gothic-Rotkäppchen und ausgeweidete Wölfe ein Zeugnis des latenten Horrors und der Grausamkeit sind, die vielen Märchen unter der Oberfläche zu eigen ist, weshalb alte Geschichten, die man als Kind gehört hat, oft auch noch Jahre später ihre Faszination und ihren Eindruck hinterlassen.
Das Rezept ist also im Grunde eben so simpel wie genial, garantiert erfolgversprechend. Doch irgendwo ist es gerade diese todsichere Quote, die mir schon den ersten “Shrek” so sehr entrissen hat, und das, wo man sie doch so sehr brauchte, die gesunde Konkurrenz zu Pixar. Aber gegen alle Gesetze ist es diesmal das kleine, aufstrebende Produkt, das mir penetrant vorkommt, nicht das etablierte Monopol. Pixar ist einfach zu süß - möglicherweise hat sich gerade die hochgelobte erwachsene Ausrichtung von “Shrek” für mich als störend herausgestellt. Klar, ich will auch Erwachsenenhumor, sonst kann ich mir gleich “Barbie und die 12 tanzenden Prinzessinnen” ansehen - er sollte aber, so stelle ich selbst verwundert fest, mit einer niedlichen Schleife verpackt sein - zumindest im Computeranimationsbereich.
Nun ist dieses Dreamworks-Produkt alles andere als niedlich. Esel rockt, keine Frage, aber davon ab sind Shrek samt Prinzessin in Sachen Sympathiefaktor doch eher einem Fehldesign unterlegen. Privat steckt jedenfalls jede Menge Shrek in mir, und trotzdem konnte ich mich nie mit dem Grünling identifizieren. Noch viel schlimmer jedoch das grundsätzliche Production Design. Das ist zwar schön auf Märchenillustrationen hin abgestimmt, geradezu scheußlich sind jedoch die menschlichen Charaktere. Winzige, profillose Gesellen, deren detaillierte Kostüme stärker auffallen als etwaige charismatische Gesichtszüge, die geradezu im Nichts verschwinden. Ein Blick hinüber zur Konkurrenz zeigt, wie Menschen animiert werden sollten, um mehr zu sein als schmuckes Beiwerk: comichaft, deformiert, unproportional muss es sein, wie uns die “Unglaublichen” lehrten. Übergroße Köpfe vor allem, da Gesichter emotionale Spiegel sind - das hätte gerade eine Märchenparodie besser wissen müssen (Spieglein, Spieglein an der Wand...).
Das sind in erster Linie alles grundsätzliche Probleme der Franchise, die im ersten Teil noch einigermaßen durch witzige Momente und eine annehmbare Story (eben auf die prototypischen Charakteristika eines Märchens bezogen) ausgeglichen werden konnten, welche sich mit der Fortsetzung nun aber virenhaft ausbreiten.
So hat sich Prinzessin Fiona inzwischen zwar von der emotionsfreien Barbiepüppchenplastik zur grünen Qua(r)ktasche gemausert (um sich trotz der Comichaftigkeit wie ihr Mann dennoch beinahe grotesk unsympathische Züge zu behalten... gewissermaßen sehen diese Ogergesichter aus wie freundlich lächelnde Masken, hinter denen sich Unaussprechliches aus den Hirnwindungen Stephen Kings verbirgt), dafür wird man nun durch das städtische Setting mit Tausenden von diesen rosa Streichholzzwergen ohne Persönlichkeit zugeworfen, von denen mindestens vier zu Handlungsträgern aufgebaut werden: Das Königspaar, der fiese Prinz und die - ähm - gute Fee. Es ist wohl teilweise beabsichtigt, den profillosen menschlichen Figuren frei nach Hans Maulwurf fiese Dinge zustoßen zu lassen, aber wenn man sich einige dieser Menschen herauspickt und zu Sympathieträgern oder Feindbildern aufbauen will, dann fehlt irgendwo der Witz.
Drive dagegen ist es, der der Geschichte fehlt. Märchen per se werden bekanntlich niemals fortgesetzt. Am Ende leben die Protagonisten immer friedlich bis zu ihrem Lebensende... warum das jetzt bei “Shrek” anders sein soll, ist mir schleierhaft. Hatte der Plot des Vorgängers sich durch und durch auf die narrative Struktur von Märchen stützen und selbige demontieren können, so begibt sich “Shrek 2" nun auf fremdes und so mit nicht reflektierbares Terrain. Alles, was diese Fortsetzung vorzuweisen hat, sind die Probleme mit den Eltern - was aber eher auf eine gegenwartsgebundene Familienkomödie à la “Meine Braut, ihr Vater und ich” schließen ließe - und die Erkenntnis, dass gute Feen nicht automatisch gut sind, nur weil sie so heißen. Das ist schon arg dünn und wird noch dünner, als man sich dann streckenweise auf “Scary Movie”-Niveau herablässt mit Parodien auf Filme, die gerade in aller Munde sind (oder die schon in einem infiniten Regress parodiert wurden), gewürzt mit einem mehr als unpassenden, sehr aktuellen Score, der in ein paar Jahren komplett überholt sein dürfte.
Von den klassischen Fehlern einer Fortsetzung wird man freilich auch nicht verschont. Der gestiefelte Kater ist in Anbetracht des Esels nutzlos wie ein nasser Sack - wenn halt auch ganz drollig - und erfolgserprobte Rezepte werden bis zum Erbrechen wiederholt.
Die gute Fee zu alledem ist dann als bösartiger Gegenpart in einer Mixtur aus Willy Wonka und der bösen Hexe eine Enttäuschung sondergleichen. Wo die Grundidee noch ganz nett ist, wird diese leider nicht weit genug ausgenutzt, was eins zu eins auf alle weiteren Märchen-Gags übertragbar ist. Davon abgesehen, dass die Fee auf der Bösartigkeitsskala irgendwo neben Lex Luthor steht - böse, ja, aber irgendwie nicht so richtig. Nichts Halbes und nichts Ganzes.
Zuguterletzt frage ich mich dann noch, wann es wohl endlich so weit sein mag, dass diese gottverdammten animierten Viecher endlich aufhören zu singen! Ja, schön, bevor der Gesang angestimmt wird, kommt noch ein kleiner Seitenhieb auf Disney und seine singenden Tiere - aber dann wird ja doch wieder gesungen! Mir erschließt sich da nicht so ganz der Sinn - alle Welt schreit nach Erbarmen, doch Erbarmen kennt anscheinend niemand mit uns. Sogar in “Ice Age 2" musste unbedingt wieder ein Song verbraten werden. “Shrek 2" übertreibt es maßlos und ertränkt uns in der Suppe, meist ohne jeglichen ironischen Hintergedanken, was es nur noch unerträglicher macht.
Nein, Shrek und ich werden keine Freunde mehr. Eine mir aus designtechnischen, thematischen und humoristischen Gründen ohnehin schon eher unsympathische Reihe setzt sich fort, indem sie in so ziemlich jeder Kategorie noch einen draufsetzt - in negativer Hinsicht. Technisch ist selbstverständlich alles noch besser, noch bunter, noch größer und noch realistischer; an der Qualität der Animation ist nicht das Geringste auszusetzen. Doch alles Weitere macht eine Saltorolle rückwärts - keine gute Story, ein Sidekick zuviel, hässliche CGI-Männlein, gesanglicher Katzenjammer ohne Ende und ein Humor, der sich nur noch rudimentär auf Märchen und Fabeln stützt, um sich paradoxerweise dem ohnehin schon überladenen Balg der Momentparodie anzuschließen. Als wenn wir davon nicht schon genug hätten. Und so frage ich mich ernsthaft, wie “Shrek 3" den Karren wieder aus dem Dreck ziehen will. Eine Antwort auf diese Frage ist far, far away...
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