Eine Kritik von Flotti (Bewertung des Films: 10/10) eingetragen am 26.11.2004, seitdem 618 Mal gelesen
Mit großen Erwartungen bin ich in diesen Film gegangen, war doch der letzte Film von Hans Weingartner, "Das weiße Rauschen", meiner Meinung nach ein kleines Meisterwerk - und einer der besten neueren deutschen Filme seit langem. Der Regisseur setzt seinen innovativen, erfrischenden Stil konsequent in "Die fetten Jahre sind vorbei" fort.
Zum Inhalt: Die beiden Studenten Jan und Peter brechen regelmäßig in Berliner Villen ein, um dort Statussymbole der reichen Inhaber durcheinander zu bringen. Inmitten des Chaos hinterlassen sie jedesmal eine Botschaft: "Die fetten Jahre sind vorbei" oder "Sie haben zu viel Geld. Die Erziehungsberechtigten". Bei einer der Einbruchstouren, die Jan mit Peters Freundin unternimmt, kommt ihnen plötzlich der Hausherr in die Quere. Da dieser Peters Freundin erkennt, sind sie gezwungen, ihn zu entführen. Die drei verstecken sich mit ihm in einer einsamen Berghütte. Hier prallen zunächst zwei komplett verschiedene Weltansichten aufeinander: Die der Jugendlichen, welche die Ungerechtigkeiten der kapitalistischen Konsumgesellschaft kritisieren, und die des seiner Freiheit beraubten Managers, der jeden Tag hart und lange arbeitet und seinen Lohn gar nicht als ungerecht empfindet. Bei den weiteren Gesprächen entpuppt sich der entführte Bonze als Alt-68er. Man findet langsam zueinander...
Der Film schafft es, in jeder Hinsicht zu begeistern. Unter Anderem aufgrund der hervorragenden Regiearbeit: Weingartner kreiert eine unglaublich dichte Atmosphäre. Man hat das Gefühl, sich in jeder Szene direkt vor Ort zu befinden. Dies wird sowohl durch die unmittelbare Art der Kameraführung (nahezu der komplette Film wurde mit Handkamera gedreht) ermöglicht als auch durch die Freiheit, die den Schauspielern beim Drehen gelassen wurde. Die Szenen werden nicht einfach abgespult, sondern wirken durch den großen Improvisationsgehalt unglaublich real und greifbar. Die Hauptdarsteller spielen ihre Rolle allesamt meisterhaft, hervorzuheben sind hier Daniel Brühl, der schon in "Das weiße Rauschen" seine Gabe zum freien Schauspiel unter Beweis stellte, als auch Julie, die ihre Rolle sehr differenziert und nachfühlbar spielt, ohne an irgendeiner Stelle überzeichnet zu wirken.
Ein weiteres Highlight sind einige minutenlangen Szenen, die ohne Schnitt gedreht wurden: Als Jan und Julie verzweifelt überlegen, was sie mit dem bewusstlosen Hausbesitzer tun sollen, erreicht die Situation eine Eindringlichkeit und Intensität, die man sonst nur vom Theater kennt.
Auch inhaltlich hat "Die fetten Jahre sind vorbei" einiges zu bieten. Das Thema ist aktuell wie nie: Es geht um die Ungerechtigkeiten in unserer vom Geld regierten Gesellschaft, ihre Gewinner und Verlierer, verlorene Ideale und letztendlich die Frage, ob es überhaupt ein System gibt, bei der alle Menschen "glücklich" sind. Der Film vermeidet es hier, eine bestimmte Ansicht zu favorisieren. Die Jugendlichen und der Manager tragen ihre Argumente vor, die alle plausibel sind, obwohl sie sich natürlich teilweise gegenseitig widersprechen. Außerdem hinterfragen die beiden Seiten ständig ihr eigenes Verhalten und ihre Ansichten: Auf der einen Seite überlegen die Jugendlichen, ob ihre revolutionären Bestrebungen nicht eigentlich ihrem eigenen Egoismus zuzuschreiben sind. Auf der anderen Seite erinnert sich der wohlhabende Kapitalist an seine eigene Studentenzeit, als er selbst die Welt verbessern und wollte und sich auch am liebsten einen der Bonzen vorgenommen hätte. Der Film zeigt durch diese Vielschichtigkeit, dass sicher keines der dargestellten Extreme "richtig" ist. Er regt außerdem zum Nachdenken an, was man an der bestehenden Gesellschaft ändern könnte bzw. sollte. Für alle, die wenigstens ab und zu über andere Dinge als Dschungelcamp, Klingeltöne und Sportwagen nachdenken, ist dieser Film ein absolutes Muß. Für alle anderen: die fetten Jahre sind vorbei!