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Fetten Jahre sind vorbei, Die (2004)

Eine Kritik von holden (Bewertung des Films: 10/10)
eingetragen am 24.12.2004, seitdem 387 Mal gelesen


Die Idee, mit anarchistischen Aktionen eine Gesellschaft aufzurütteln, ist nicht neu. Der Grundgedanke zu „Die fetten Jahre sind vorbei“ basiert dabei auf der gleichen Idee: Hans Weingartner, der Regisseur, gelingt mit Hilfe eines beeindruckenden Ensembles ein außergewöhnlich authentisches Werk.

Dass die Güter dieser Welt ungerecht verteilt sind, ist allen klar, wie das zu ändern ist, hingegen nicht so ganz. Die Freunde Jan (Daniel Brühl) und Peter (Stipe Erceg) haben ihren Weg gefunden: nachts brechen sie in Villen ein, nicht um zu klauen, sondern um das Mobiliar auf den Kopf zu stellen. Ihre hinterlassenen Botschaften lauten: „Die fetten Jahre sind vorbei“ oder „Sie haben zu viel Geld“ - unterzeichnet mit „Die Erziehungsberechtigten“. Jule (Julia Jentsch), die eigentlich mit Peter liiert ist, und Jan verlieben sich ineinander. Im Überschwang der Gefühle steigen sie zu zweit in eine Villa ein und werden dabei vom Besitzer Hardenberg (Burghart Klaußner) überrascht. Dafür haben die selbsternannten Erziehungsberechtigten keinen Plan – und unversehens werden sie zu Entführern.

Der mit Spannung erwartete zweite Kinofilm von Regisseur Hans Weingartner, der für seinen Erstlingsfilm „Das weiße Rauschen“ mit zahlreichen Preisen und hervorragenden Kritiken bedacht wurde, gelang die erste Nominierung für die Filmfestspiele in Cannes im Frühjahr 2004 als erster deutschsprachiger Film seit elf Jahren. Die Produktion begann dabei im Sommer 2003 in Berlin. Weingartner entschied sich auch wie bei seinem Erstlingswerk wieder für einen digitalen Dreh, da ihm dadurch mehr Freiheiten blieben. Durch den Einsatz von Handkameras und so viel natürlichem Licht wie möglich gelingt es dem Werk, einen dokumentarischen und realistischen Look zu erreichen, damit der Zuschauer sich möglichst involviert fühlt und die Szenerie authentisch über die Bühne kommt.

Jan und Peter als „Die Erziehungsberechtigten“ haben einen Weg gefunden, die Reichen auf kreative und subtile Art und Weise aufzurütteln. Sie brechen in deren Villen ein und bringen die Ordnung ihrer Luxusgüter durcheinander, ohne dabei etwas zu stehlen oder jemanden zu verletzen. Damit legen sie den Finger auf die Wunde, aber mit Sinn für Humor. Auf den ersten Blick erzeugen sie Chaos, aber in dem Chaos liegt eine Bedeutung, wie bei vielen Gedichten, weshalb man auch von einem poetischen Widerstand sprechen könnte.
Der Film will zeigen, dass es sich lohnt, seine Angst zu überwinden und den Ausbruch aus dem sicheren Käfig zu wagen. Ein freies Leben außerhalb der Norm ist zwar manchmal anstrengender, aber auch aufregender. Und es ist auf jeden Fall mehr das, was man persönlich als Leben empfindet. Die wenigsten Menschen in Industrienationen sind heute noch frei, sie sind eingesperrt in einem Korsett an Verpflichtungen. So wie Hardenberg: „Was du besitzt, besitzt eines Tages dich.“

Insgesamt 10/10


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