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Fetten Jahre sind vorbei, Die (2004)

Eine Kritik von Red Shadow ® (Bewertung des Films: 8/10)
eingetragen am 30.07.2005, seitdem 1115 Mal gelesen


Langsam bröckelt die Fassade des Klischees, wonach deutsche Filme zumeist oberflächliche Schnellschüsse im Stile von billigsten TV-Produktionen sind. Neben internationalen Erfolgen, wie „Der Untergang“ und „Good Bye, Lenin!“, sind es mittlerweile oftmals kleinere Produktionen, die mit subtiler Gesellschaftskritik und intellektuellem Wert überzeugen. Neben „Muxmäuschenstill“ reiht sich Hans Weingartners „Die Fetten Jahre sind vorbei“ glanzvoll ein.

In seinem neusten Werk beleuchtet Regisseur Weingartner mit Hilfe dreier Jugendlicher einen altbekannten Entwicklungszyklus, vom revolutionären, idealistischen Jugendlichen hin zu einem klassischen Kapitalisten. Übertragen auf die heutige Zeit hat sich vieles geändert, denn das Rebellieren ist in einer weitestgehend liberalen Gesellschaft nicht mehr so einfach, zumal die Entwicklung schon in den 70er Jahren ihren Höhepunkt erreicht hat.

Deshalb planen die beiden jungendlichen WG-Bewohner Jan (Daniel Brühl) und Peter (Stipe Erceg) etwas mehr oder weniger Originelles, indem sie Einbrüche in Villenviertel durchführen, ohne dabei irgendetwas zu klauen. Die hinterlegte Message lautet: „Die fetten Jahre sind vorbei“, fühlt euch in euren eigenen vier Wänden nicht zu sicher. Jule (Julia Jentsch), die Freundin von Peter, weiß von dem nichts. Jan ist ihr eher suspekt. Erst als er ihr hilft ihre Wohnung zu renovieren, erkennen die beiden Gemeinsamkeiten, geteilte Frustrationen und Sorgen. Es sind die „Profiteure des Systems“, mit denen beide zu kämpfen haben; Jan indirekt, als Idealist und Zweifler an der Gerechtigkeit der politischen Machtstrukturen. Jule eher direkt, ihr Job als Kellnerin zeigt, welche Unannehmlichkeiten die Oberschicht bereiten kann. Beispielsweise bei banalen, vermeintlichen Problemchen, wenn ein Getränk im falschen Glas serviert wird. Darüber hinaus leidet Jule unter Geldsorgen, weshalb sie auch ihre Wohnung aufgeben muss. Sie hat mit einem unversicherten Wagen das Auto des „Bonzen“ Justus Hardenberg (Burghart Klaußner) beschädigt und steht nun in der materiellen Bringschuld.

Die Spannung zwischen beiden Jugendlichen löst sich und aus Skepsis wird Freundschaft, verbunden mit zunächst latenter Liebe. Jan weiht sie in die nächtlichen Aktionen ein und nach anfänglichen Zweifeln steigt ihre idealistische Begeisterung. Gemeinsam suchen sie das Anwesen des „Täters“ Hardenberg auf. Nachdem er die beiden bei einem Missgeschick überrascht, nimmt die Katastrophe ihren Lauf.

Nun zeigt der Film seine größten Stärken. "Die Fetten Jahre sind vorbei" überzeugt mit einer imposanten Mischung aus verschiedenen Genreaspekten.Zunächst steigt die Dramatik als Hardenberg im Affekt niedergeschlagen wird und eine Abweichung vom einst so originellen Plan unumgänglich ist. Was machen, wenn’s brennt!? Der Schritt vom Idealismus zur Kriminalität ist nicht weit und mit jeder Sekunde wird das Dilemma größer bzw. der Weg zurück zu einem normalen Leben schwerer. Die Verzweiflung liegt schwermütig in der Luft und selbst der später hinzubeorderte Peter liefert nicht die dringend notwendigen Antworten zur Lösung des Problems.

Schließlich endet das Drama politisch, mit einer Entführung Hardenbergs als Gefangener des Volkes in einer österreichischen Berghütte. Die Parallelen zur RAF sind kein Zufall, denn genau darauf läuft es hinaus. Regisseur Weingartner sucht nun die direkte Konfrontation der Ideologien und das Vorhaben gelingt auf beeindruckende Art und Weise. Das Kammerspiel impliziert prägende Dialoge zwischen den vermeintlichen Gegnern. Ideologischer Zündstoff und Denkanstöße, imposant zusammengefasst in bedeutungsschwangeren Worten. Nähert man sich einer Seite, folgt das passende Gegenargument. Das Besondere ist die Distanz, die fehlende Wertung, niemand bekommt Recht und letztendlich offenbart der Film, welch große Schnittmenge zwischen beiden Parteien existiert, denn die Probleme kennt jeder, aber die Umgangsweise ist eine andere.

An Klischees ist gar nicht zu denken, das Überraschungsmoment ist immer auf der Seite der Macher. Die Ideologien sind die eigentlichen Klischees, verschiedene Handlungsweisen zeigen ein weitaus pragmatischeres, abweichendes Bild. Hardenberg erlebte die 70er, war selbst ein Zweifler, wurde aber vom Leben gelehrt. Er kennt die Sorgen und Bedenken der Jugendlichen, fragt aber offen nach Alternativen. Geboten werden sie ihm nicht, die fehlenden Lösungen werden vielmehr vom Idealismus der Jugendlichen verdrängt. Andererseits: Sind die durch Beispiele verdeutlichten Kontraste nicht ein klarer Beleg für die Absurdität, den verzerrten Gerechtigkeitssinn in unserem System!? Wie gerecht und ungerecht darf bzw. kann eine politische Ordnung sein!?

Neben der argumentativen Ebene taucht „Die Fetten Jahre sind vorbei“ weitaus tiefer, nahezu in die Herzen der Charaktere. Wie entwickelt sich die anbahnende Liebe zwischen Jan und Jule und welche Reaktion ist von Peter zu erwarten? Wie Verhalten sich die vermeintlichen Gegner? Welche Entwicklung wird die Zukunft generell bringen? Der Spannung ist enorm, ebenso wie die Intensität verschiedener emotionaler und inhaltlicher Konflikte.

Intensiv ist auch das Stichwort für die Machart. Der Regisseur sucht die Nähe zu den Protagonisten, auch aus kameratechnischer Sicht. Mit einer Handkamera erreicht man einen dokumentarischen Wirkungsgrad, wenig belichtet und nah an der Realität.

Abgerundet wird das Nähegefühl von brillanten Schauspielern. Daniel Brühl unterstreicht wieder einmal, welch großes Potenzial er hat. Sein Charakter Jan bietet ihm offensichtlich viele Möglichkeiten zur Identifikation. Julia Jentsch glänzt als Jule mit Authentizität und Natürlichkeit. Stipe Erceg alias Peter wirkt zu Beginn ein wenig affektiert, aber im weiteren Verlauf gewinnt er an Glaubwürdigkeit. Burghart Klaußner vermag als Opfer bzw. Gegner zu überzeugen. Die Charakterisierung erlaubt ein Handeln im klischeefreien Raum.

„Die Fetten Jahre sind vorbei“ ist vielschichtig, ein emotionales, zwischenmenschliches und argumentatives Duell zweier Ideologien, gleichzeitig aber auch eine Intervention zwischen Generationen und Denkweisen. Der Betrachter hat die Wahl, darf zwischen beiden Seiten abwägen, die Freiräume werden ihm durch eine gewisse Distanz gewährt. Hoffentlich nimmt Regisseur Hans Weingartner die Botschaft am Ende des Films, dass sich manche Menschen nie ändern, auch selbst wahr, denn aus filmischer Sicht deutet sich an, dass die fetten Jahre in Deutschland erreicht sind bzw. demnächst ihren Höhepunkt erreichen können. (8,5/10)


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