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Fetten Jahre sind vorbei, Die (2004)
Eine Kritik von Leto (Bewertung des Films: 10/10) eingetragen am 26.01.2006, seitdem 338 Mal gelesen
Mit "Die fetten Jahre sind vorbei" findet nach "23" und "Anatomie" endlich mal wieder ein kritischer und erfrischend unbequemer Film aus dem deutschen Sprachraum in die Kinos.
Mit viel Sinn für hintergründige Vorgänge und Beziehungen liefert uns Hans Weingartner ein punktgenaues Bild der Gesellschaft in Deutschland zu Beginn des 21. Jahrhunderts, das mit einer ungewöhnlichen Idee aufwartet und trotz aller Anklänge an bekannte Klischees es immer wieder schafft, den Zuschauer kurz vor dem Abgleiten in bekannte Gefilde gehörig zu überraschen!
Jule und Peter sind ein Paar. Sie jobbt als Kellnerin in einem Berliner Nobelrestaurant unter einem Kotzbrocken von Chef, um ihre 92000 Euro Schulden, die sie bei einem Auffahrunfall auf die Karre eines reichen Mitgliedes der Gesellschaft verursacht hat, innerhalb von 7 Jahren abzugelten und er lebt als Student in den Tag hinein. Denkt Jule.
Des Nachts macht sich Peter mit seinem Freund und Mitbewohner, dem linksgerichteten Jan auf die Suche nach wohlhabenden "Bonzen"-Villen, in die sie nach langer Observierung einsteigen, um die Möbel und andere Gegenstände des täglichen Lebens umzusortieren und hinterlassen dabei immer die Nachrichten "Die fetten Jahre sind vorbei" oder "Sie haben zu viel Geld".
Wert legen sie darauf, dass sie nichts stehlen und auch nichts beschädigen. Sie verstehen ihre Aktionen als ein Kratzen am untrüglichen Sicherheitsgefühl der reichen Gesellschaft, die vor lauter Bequemlichkeit den Willen zur Individualität verloren hat.
Eines Tages verduftet Peter für einige Zeit ins Ausland und Jule wird aus ihrer Wohnung geklagt. Um die letzten Renovierungsarbeiten schneller hinter sich bringen zu können, hilft ihr Jan und die beiden lernen sich näher kennen. In einem Anfall von Leichtsinn weiht er sie in die nächtlichen Exkursionen ein und zusammen steigen sie in die verlassene Villa ihres Unfallpartners und -peinigers ein. Leider bleibt es diesmal nicht bei einer friedlichen Umgruppierung der Möbel, sondern Jule und Jan nutzen die Zeit für ihre neuentdeckte Zuneigung zueinander und sie verstoßen gegen die Spielregeln, indem sie zum ersten Mal etwas zerstören.
Leider verliert sie dabei ihr Handy und sie müssen nach Peters Rückkehr ein weiteres Mal einsteigen, wobei sie der unerwartet heimkehrende Hausbesitzer überrascht.
Sie überwältigen ihn und aus der harmlosen Revoluzzer-Aktion wird kurzerhand mit Peters Hilfe eine Entführung. In einer entlegegen Berghütte angekommen, beginnen nun die Schwierigkeiten und die ungewollte Auseinandersetzung mit der wahren Natur des Menschen...
Dicht und spannend inszeniert, äußerst glaubhafte Figurenzeichnungen, intelligente Dialoge, die trotz ihrer Wohlüberlegtheit genügend Platz für die Interpretationen des Zuschauers lassen, geniale Darsteller (allen voran die bezaubernde Julia Jentsch), kurzum, ein rundum gelungener Ausflug in revolutionäres Gedankengut und was unter dem Druck der Realität davon übrigbleibt.
Ständig spielen Regie und Autoren mit den Erwartungen des Zuschauers und endlich schafft es mal wieder ein regionales Zellulloid-Produkt, ernsthaft zum Nachdenken über die eigenen Ideale und Ziele anzuregen.
Neben den Standpunkt-Fragen und sozialen Unterschieds-Darstellungen, besonders schön zu sehen an Kleidung und Einrichtung der Antagonisten, wird hier außerdem die Geschichte einer aufkeimenden Romanze, einer bedeutungsvollen Freundschaft und einem Idealismus erzählt, der auf den ersten Blick recht blauäugig daherkommen mag aber sich mit der Zeit als äußerst realistisch entpuppt.
Mit Stilmitteln sowohl des Actionfilms (rasante Kamerafahrten und schnelle Schnitte) als auch des Erzählkinos (einfache Porträtdarstellungen ohne Dialoge) werden im ersten Teil des Films die Hauptcharaktere vorgestellt und etabliert, wie sie leben, lieben und welche Fähigkeiten sie an sich selbst und aneinander schätzen. Die eindeutige Identifikationsfigur ist hier zunächst Jule, dann Jan und schließlich im zweiten Teil Peter. So schließt sich der Kreis und nicht eine einzige der Hauptrollen wird so zum Stichwortgeber degradiert, denn alle haben eindeutig den gleichen Stellenwert - darüber hinaus eine echte Seltenheit inzwischen auch des deutschen Films.
Die eher ruhige Phase des zweiten Filmteils (nach der Entführung) und das langsame Annähern der "Erziehungsberechtigten" und des "Bonzen" Hardenberg stellen dabei den Höhepunkt dar, denn mit kleinen Gesten und Blicken holen die Darsteller echt das Maximum an Charakterzeichnung aus den Figuren raus und trotz der eher ruhigen Erzählweise wird hier eine dichte Atmosphäre geschaffen, die ihresgleichen sucht.
Ein großes Plus und absolut kein Minus machen "Die fetten Jahre sind vorbei" zu einem Highlight des deutschsprachigen Films, an dem sich viele neue Produktionen messen lassen müssen - einfach perfekt.
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