Wie wurde "Die fetten Jahre sind vorbei" doch gehypt. Kritiker lobten den Film einhellig und auch die Zuschauer schienen sich diesmal einig zu zu sein, dass Regisseur Hans Weingartner hier ein kleines Meisterwerk abgeliefert hat.
Von derartigen Lobhudeleien geblendet führte auch ich mir "Die fetten Jahre sind vorbei" zu Gemüte - und wurde bitter enttäuscht.
Vielleicht liegt es an meiner Auffassung und meiner Denkungsweise über die Gesellschaft, aber ein Drehbuch, was sich mit den Sätzen: "Drei Jugendliche, die zu faul oder blöd sind, ihr eigenes Leben auf die Reihe zu kriegen, machen das Eigentum von Personen kaputt, die mehr erreicht haben als sie und fühlen sich dabei verdammt cool!" beschreiben lässt, löst bei mir keine Begeisterungsstürme aus. So wird den ganzen Film beständig auf dem Kapitalismus und der Gesellschaft rumgehackt, ohne dass auch nur einen Vorschlag für eine Alternative gemacht wird. Besonders die erste Stunde ging mir dieses ständige Gerede über diese schlimme, schlimme Welt dermaßen auf den Geist, dass ich mehrmals versucht war, einfach den Fernseher abzuschalten. Dazu kommt die extrem billige Videooptik. Dieser Dogmastil mag den Film einen realistischen Touch geben, aber scheinbar war es für den Regisseur auch ein Freibrief, Beleuchtung, Bildkomposition, Anschlüsse und so weiter über den Haufen zu werfen. Außerdem scheint sich Weingartner in Jumpcuts verliebt zu haben, vielleicht wollte er damit ja auch die schwankende Leistung der Darsteller überdecken. Die pendelt nämlich immer zwischen auswendig gelernten Drehbuchtexten und Improvisation hin und her und ist das beste Beispiel dafür, dass sich diese beiden Arten der Inszenierung scheinbar nicht ohne weiteres verbinden lassen. Zu deutlich merkt man die Unterschiede, zu aufgesagt klingen einige Dialogpassagen, während andere abgehackt und absolut sinnfrei sind. Am besten bleibt da noch Daniel Brühl in Erinnerung, der zwar einen starrköpfigen, irgendwie unsympathischen Dickschädel spielt, aber zumindest als ein solcher zu überzeugen weiß.
Das Drehbuch sorgt in dieser ersten Stunde weiterhin für lauter Situationen, die dem Zuschauer immer und immer wieder beweisen wollen, wie schlimm reiche Leute und der Kapitalismus doch sind. Wenn Jule, die als Kellnerin in einem Nobelrestaurant arbeitet, statt zu arbeiten in der Restaurantküche steht, raucht und dafür dann rausgeschmissen wird, ist das nicht etwa ein Fehler von ihr, sondern einer vom dekadenten Restaurantbesitzer! Ja, keine Logik ist auch eine Logik...
Gott sei Dank stößt in der zweiten Hälfte des Film Burghart Klaußner als reicher Villenbesitzer Hardenberg zu der Truppe. Er wird von ihnen mehr oder weniger absichtlich in eine österreichische Berghütte entführt. Wer jetzt spannende Psychoduelle und Dialoge über den Sinn des Lebens und der Gesellschaft in der Enge der Hütte erwartet wird allerdings enttäuscht. Die paar Gespräche die es gibt heben sich nicht über den Standart hinaus und werden wohl von jedem schonmal geführt worden sein, der sich mit dem Thema beschäftigt hat. Trotzdem sorgt Klaußner für eine Menge frischen Wind und vorallendingen Witz und wird bald zum absoluten Sympathieträger. Von den drei Entführern kann man das hingegen nicht behaupten, da ihre traute Dreisamkeit nun auch noch von pupertären Beziehungsgeschichten gestört wird.
Wider aller Logik scheint man den reichen Hardenberg schlussendlich von der Sinnlosigkeit seines Seins überzeugt zu haben und fährt mit ihn zurück nach Deutschland. Dort gibts noch zwei mehr oder weniger überraschende Enden, von denen das erste etwas unlogisch erscheint und das zweite einfach nur vorhersehbar ist. Aber gut zu wissen, dass keiner der drei (und scheinbar auch nicht der Regisseur) aus seinen Fehlern gelernt hat und man fröhlich weiter illegale Aktionen zur "Befreiung der Gesellschaft" durchführt.
Was will uns dieser Film jetzt sagen? Will er zu einer neuen Revolution gegen das Kapital aufrufen? Wenn Weingartner den Film so ernst gemeint hat, wie es den Anschein hat, ist das in Hinblick auf seine geistige Reife erschreckend. Falls das ganze aber nur eine Komödie oder Satire sein soll, kam das nicht so rüber. Wie auch immer, das Thema wurde verfehlt.
4/10