Review

Nach "Sieben" kommt "Saw". Was sich zunächst nach einer recht stupiden, mathematischen Novellierung der Zahlenreihe anhört, heißt nichts anderes, als dass es mal wieder einen Psychokiller-Thriller gibt, der in Sachen Angstmacher-Suspense und Härtegrad mit dem Referenznervenkitzler von David Fincher konkurrieren will. Das schafft "Saw" auch ganz gut, jedoch bleibt die optische und psychologische Klasse von "Sieben" unerreicht.

Ein Film über einen kranken Serienkiller steht und fällt natürlich just mit der Porträtierung desjenigen Mörders. "Saw" kann nicht mit einem Kevin Spacey oder Anthony Hopkins aufwarten, dafür bleibt die Identität des Antagonisten bis zur letzten Filmminute im Unklaren. Und genau darin besteht die ungemeine Schwäche von "Saw". Aber der Reihe nach:

Der Film öffnet mit einem perversen Clou, der wirklich originell und für die erste halbe Stunde verteufelt spannend daherkommt. Zwei Männer erwachen in einer verschlossen, vollkommen verdreckten öffentlichen Toilette. Beide sind an ihren Füßen an den Rohren und Leitungen angekettet, jeweils an gegenüberliegenden Seiten. In der Mitte, für beide Männer unerreichbar, liegt eine Leiche, die sich offensichtlich zu Lebzeiten eine Kugel durch den Kopf gejagt hat, in ihrer linken Hand die Pistole, in der Rechten ein Diktiergerät. Schnell finden beide Männer Briefumschläge in ihren Taschen, die jeweils eine Kassette für das Diktiergerät enthalten. Nachdem sich der jüngere der beiden Männer, Adam, des Abspielgeräts bemächtigt hat und beide Kassetten angehört wurden, ist die perfide Situation geklärt: Dr. Lawrence Gordon muss innerhalb von vier Stunden den jungen Adam umbringen, ansonsten bringt der Killer seine Tochter und seine Frau um. Hinweise und kleine Hilfen sind überall verteilt. Zwar beschließen die beiden Männer früh, sich gegenseitig zu helfen, doch die psychische Belastung nimmt zu.

Aus dieser Ausgangssituation hätte man locker ein Kammerspiel mit nur zwei Darstellern kreieren können, doch Regiedebütant James Wan verlässt sich lieber auf schnelle, brutale Musikvideo-Ästhetik um eine weitere Neben- und Parallelhandlung einzuführen: Getreu den Gesetzen des Serienkillerfilms verfolgen wir die Ermittlungen eines Detective-Duos, dessen Unterschiede in Rasse, Hautfarbe und Alter die Ermittlungen nicht leichter machen. Trotz der Verpflichtung von Danny Glover und Ken Leung als hartgesottene Cops, die auch nach Dienstschluss sich noch mit Shotgun bewaffnen, um idealistisch den Killer auf eigene Faust zu stellen, gewinnen die Ermittlungen nicht den Reiz und die Verzwicktheit, die die perfiden Rätsel aus "Sieben" ausmachten. Zwar gibt es schon früh eine Referenz daran, dass der Fall so kompliziert wie ein Puzzle sei, doch Regisseur Wan ist nicht daran interessiert die Polizeiarbeit hier bis ins kleinste Detail aufzudröseln. Die Cops dienen hier dem Mittel zum Zweck: Der Action. Angetrieben von drei bereits tödlich ausgegangenen Kaninchenversuchen des Killers am lebenden und menschlichen Objekt, stürmen Glover und Leung zunächst die High-Tech-Butze des Killers, später im Film - und zu seinen schwächsten Momenten - gibt es Handgemenge zwischen Glover und mutmaßlichen Killer inklusive Autoverfolgungsjagd und anderer, völlig deplazierter Actionsequenzen.

Dass der Film nicht immer elegant die Balance aus purer Terrorspannung, so wie sie meist in den Szenen innerhalb der perversen Spielhalle für Gordon und Adam herrscht, und Ermittlungsaction beherrscht, mag auf die Unerfahrenheit des Regisseurs Wan zurückzuführen sein. Sein bloßes Interesse am blutigen Ekeleffekt auf sein junges Alter. "Saw" lebt nicht unbedingt durch psychologische Tiefenschärfe, sondern eher durch eine besonders hohe Ekelszenenfrequenz. Nicht nur in den drastischen Gewaltszenen, sondern immer, wenn es nur die geringste Chance gibt, dem Publikum die Gesichtszüge entgleisen zu lassen. Wenn ein Hinweis für Adam durch ein "X" auf dem Spülkasten einer Toilettte markiert ist, durchsucht er natürlich erst einmal die Fäkalien im Toilettenbecken, bevor er auf die Idee kommt, im Spülkasten selber nachzuschauen. Klar gibt es Logikfehler, wie in jedem Film dieser Art. Es ist aber nie sehr elegant künstlich zusätzliche Albernheiten wie diese zu kreieren, nur um eine noch krassere und abgefahrene Szene zeigen zu können.

Doch Wan ist kein Regisseur mit Fingerspitzengefühl. Der ganze Film ist auf den bloßen Effekt ausgelegt. Das Publkikum soll sich geekelt wegwenden und am Ende erstaunt dasitzen. Und so wird die Enthüllung der Identität des Serienkillers auch bis zur allerletzten Sekunde hinausgezögert. Es vergeht keine Minute zwischen Auflösung und Nachspannbeginn. Der ganze Film arbeitet nur auf die Pointe hin, wer denn nun der perverse Psychokiller in "Saw" ist. Dadurch degradiert sich der ansonsten durchaus spannende Film zu einem völlig oberflächlichen Whodunit. Zum Miträtseln, wer nun der Täter sein könnte, taugt "Saw" genauso gut, wie ein alter "Sherlock Holmes"-Krimi - doch leider endet dann dieser Krimi genau da, wo dann die wahren Klassiker des Genres erst anfangen. Der Killer wird nie charakterisiert, seiner Psyche nie eine komplette Identität zugeordnet. Auch hier dient, wie die oben bereits erwähnt, die Auflösung nur dem bloßen Effekt. Das Publikum soll staunen - nicht etwas Neues über solche kranken Menschen erfahren oder gar nachdenken. Als wenn es nicht schon genug stereotype Mörder geben würde.

Konzeptionell ist "Saw" eine nette Idee, wäre wohl aber besser ein Zwei-Mann-Kurzfilm geworden, als ein zum langen Ermittlungsdrama aufgeblasener Serienkillerfilm. Gerade das letzte Drittel verliert an Spannung und Intensität durch zu viele falsche Fährten und durch zu aufgesetzt inszenierte Action. Die finale Auflösung ist nett, aber nicht so dramatisch und extrem makaber wie im großen Vorbild "Sieben". Und wo der psychologische Unterbau fehlt, kann ein Film wie "Saw" auch die Nerven nicht so gekonnt und so eindringlich kitzeln, wie es Fincher in seinem Vorbildfilm vermochte. Wer sich mal wieder überraschen lassen will, der ist mit "Saw" bestens bedient. Wer mehr als nur Gedärmmatsch und eine düstere Pointe erwartet, der wird enttäuscht werden.

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