1985 „Rambo: First Blood Part II" oder „Die unmögliche Mission - ein Reaktionär auf dem Kriegspfad?" (Sly Nr. 10)
„Rambo II" hat einen ganz schlechten Ruf. Er gilt als reaktionäres, dumpfes, gewaltverherrlichendes Machwerk eines narzisstischen Muskelprotzes. Das öffentliche Bekenntnis des damaligen US-Präsidenten den Film zu lieben, hat dieses Image nur noch befeuert, galt doch Ronald Reagan lange Zeit lediglich als schießwütiger Cowboy mit markigen Sprüchen. Der enorme Erfolg des Films - bis heute Stallones größter - wird dann gern mit dem entsprechend unseligen Zeitgeist der mittleren 80er Jahre erklärt bzw. „entschuldigt".
Interessanterweise ging die öffentliche Meinung mit den beiden vergleichbaren Werken von Konkurrent Schwarzenegger erheblich wohlwollender um, obwohl sie praktisch eins zu eins dasselbe Szenario abbildeten und auch auf ganz ähnliche Weise zelebrierten. Mit einem kleinen, aber entscheidenden Unterschied: die martialischen Ein-Mann-Feldzüge des ehemaligen Bodybuilders waren gänzlich unpolitisch und richteten sich gegen eine außerirdische Killermaschine („Predator") und einen fiktiven, lateinamerikanischen Inseldiktator („Commando"). Stallone dagegen besaß die Frechheit, oder Chuzpe (je nach Standpunkt), das US-amerikanische Vietnam-Trauma ins Visier zu nehmen und als Hintergrund für einen knallharten Actionfilm zu miss/gebrauchen. Dabei war das nur konsequent.
Denn bei genauerer Betrachtung greift „Rambo II" die im ungleich positiver beleumundeten Original verhandelten Themen erneut auf und verändert auch keineswegs die Persönlichkeitsstruktur der Hauptfigur. So führte der in die Enge getriebene Vietnam-Veteran auch schon im ersten Teil einen brutalen Guerillakrieg gegen seine Verfolger, der schließlich in einem großkalibrigen Feuerwerk kulminierte. Und wie im Erstling geht es im Kern darum, dass die US-amerikanische Öffentlichkeit nicht an das Trauma des verlorenen Krieges erinnert werden will und die zurückgekehrten Veteranen deshalb ablehnt.
Sinnbildlich dafür steht Marshall Murdock (Charles Napier), der Leiter einer Geheimoperation der CIA die beweisen soll, dass es im ehemaligen Feindgebiet keine amerikanischen Kriegsgefangenen mehr gibt. Der dafür angeheuerte Rambo wird in dem Glauben gelassen, seine Aufklärungsmission diene einer späteren Befreiung mindestens auf diplomatischem Weg. Natürlich entdeckt er tatsächlich Gefangene und gerät mit dem Wachpersonal aneinander, so dass Murdock ihn hinter feindlichen Linien zurück lässt. Aber da hat er die Rechnung ohne Rambos Einzelkämpferqualitäten und das beherzte Insistieren seines ehemaligen Vorgesetzten und Mentors Colonel Trautman (Richard Crenna) gemacht.
Fraglos dient dieses Handlungsgerüst vordringlich der Entfesselung eines Actioninfernos nach dem Strickmuster des in den 1980er Jahren so beliebten „Einer gegen alle"-Szenarios. Die politische Konnotation ist mehr Mittel zum Zweck, denn primäres narratives Anliegen. Dem Film eine bewusste nachträgliche Reinwaschung der militärischen Niederlage zu attestieren, diese sogar in einen Sieg umdichten zu wollen, greift damit weitestgehend ins Leere und bauscht den politischen Subtext in unangebrachter Weise auf.
Zudem geben weder Dialoge noch Setting eine solche Interpretation stichhaltig her. Sowohl Trautman wie auch Rambo äußern sich zwar mehrfach enttäuscht über Ausgang und vor allem inneramerikanische Rezeption des Vietmamkriegs, aber nie in der Art „Wir haben eigentlich gewonnen, aber ...", oder „Wir hätten leicht gewinnen können, wenn nicht ...". Im Gegenteil. Aussagen wie "Sir, werden wir diesmal wieder gewinnen?", und "Es war alles nur eine Lüge, nicht wahr? Genauso wie der ganze Scheiß-Krieg, alles nur eine Lüge!" klingen nicht nach Verklärung.
Das zentrale Thema ist ein enttäuschter Patriotismus, eine fehlende Wertschätzung des soldatischen Einsatzes aufgrund einer als Schande empfundenen Niederlage. Sätze wie „Ich kam zurück in die Staaten und stellte fest, dass ein anderer Krieg stattfand, [...] so eine Art »kalter Krieg«, Krieg gegen die zurückkehrenden Soldaten, und diesen Krieg kann man nicht gewinnen." sprechen diesbezüglich eine eindeutige Sprache. In diesem Sinne ist auch Rambos finales Statement zu sehen, als er trotz erfolgreicher Mission deutlich desillusioniert gegenüber Trautamn äußert: "Ich will, was die da [er meint die befreiten Veteranen] wollen, was auch jeder andere wollte, der hier rüberging, sein Blut vergoss und alles gab was er hatte! Ich will, dass uns unser Vaterland genauso....genauso liebt, wie wir es lieben...das ist alles was ich will!"
Schlussendlich spricht auch das klar begrenzte Setting irgendeines einzelnen Gefangenenlagers gegen eine lauthals verkündete politische Botschaft. Die ganze Mission erscheint geographisch und personell in einem eng gesteckten Rahmen. Auch der sadistische sowjetische Militärberater Lt. Col. Podowsky (80er-Jahre Paradebösewicht Steven Berkoff) und seine Handvoll Soldaten werden hier nicht stellvertretend für die gesamt rote Armee inszeniert, sondern gleichen eher einem autark agierenden Söldnertrupp.
Was „Rambo II" definitiv glorifziert, ist den mythisch überhöhten, heroischen Einzelkämpfer. Stallones Inszenierung - es halten sich hartnäckig die Gerüchte, dass der eigentliche Regisseur George P. Cosmatos lediglich der Erfüllungsgehilfe des Stars war - ist in jeder filmischen Hinsicht auf dieses Primärziel ausgerichtet. Besonders die Bildsprache ist dabei tonangebend. Der britische Kameramann Jack Cardiff arbeitete bevorzugt mit Farbfiltern um die Aura bestimmter Umgebungen noch zu verstärken. Das Braun des Schlammes, das Gleißende des Sonnenlichts, vor allem aber das satte Grün des Dschungels werden in „Rambo II" durch diese Technik zusätzlich verstärkt und tragen viel zur evozierten Mythologisierung bei. Der Dschungel erscheint dazu als eigenständiger Charakter, der für Rambo zum natürlichen Verbündeten, für seine Gegner zur tödlichen Falle wird.
Darüber hinaus dient die Kamera auch dem Körperkult des Helden und bildet innerhalb der Actionszenen immer wieder ganz bewusst typische Posen aus dem schweißtreibenden Workout ab, welches Stallone unter Anleitung des ehemaligen Bodybuilding-Stars Franco Columbo absolvierte. Die Stilisierung zum übergroßen, archaisch anmutenden Helden wird so nicht nur durch seine übermenschlichen kriegerischen Aktionen, sondern eben insbesondere auch durch die optische Inszenierung bewerkstelligt. So gesehen ist John Rambo der Prototyp des unzerstörbaren Einzelkämpferheroen des 80er-Jahre Actionkinos und nicht umsonst hat sich der Name im Sprachgebrauch - wenn auch klar negativ konnotiert - nicht nur des Englischen für ein aggressives, kriegerisches Verhalten eingebürgert.
Für den mythischen Anstrich des Films sorgt nicht zuletzt die Musikuntermalung. Jerry Goldsmith hatte bereits für den ersten Teil ein eingängiges Thema geschaffen, das gleichermaßen heroisch wie melancholisch anmutete. Für den zweiten Teil variierte er seine Komposition mit typisch asiatischen Klängen, die insbesondere bei Rambos Flucht durch den Dschungel zum Einsatz kommen und die lauernde Atmosphäre gekonnt betonen.
Bleibt noch die Genre-bedingte Kernkompetenz der Actioninszenierung und hier ist „Rambo II" auch 30 Jahre später noch ein fulminantes Spektakel. Cosmatos respektive Stallone lassen auf den Zuschauer ein Dauerfeuerwerk an Stunts, Explosionen und Kämpfen aller Art niederprasseln, das selbst für die in dieser Hinsicht breit aufgestellten 80er Jahre Ausnahmecharakter besitzt. Rambos Fieberglasbogen mitsamt Sprengpfeilen sowie sein Schwertgroßes Kampfmesser kommen dabei ebenso häufig zum Einsatz wie alle nur erdenklichen Schusswaffen bis hin zu Kampfhubschraubern. Das hat dem Film den bis heute gültigen Stempel der Gewalt- und Kriegsverherrlichung verpasst. Wenigstens letzteres ist wenig überzeugend, da hier gar kein Krieg stattfindet, sondern lediglich eine, wenn auch kriegsähnlich angelegte Befreiungsaktion.
Letztlich ist „Rambo II" nicht mehr, aber auch nicht weniger als ein auf technischer Ebene hervorragend gemachter Actionfilm. Die Handlung dagegen ist simpel gestrickt und bietet lediglich ein gängiges B-Film-Szenario. Die politischen Untertöne sind weit weniger reaktionär wie landläufig behautet, gehen aber mehr noch wie in Teil 1 zunehmend im großkalibrigen Dauerfeuer der spektakulären Actionszenen unter. Stallone setzt hier konsequent die Linie des Originals fort, womit eine weitere Eskalation durchaus plausibel erscheint. Die Verknüpfung des US-amerikanischen Vietnamtraumas mit gewalt(tät)iger Actionunterhaltung kann man je nach Standpunkt für gewagt, deplatziert, oder schlüssig im Kontext der Entstehungszeit halten. In jedem Falle verdeckt die Überbetonung dieses Aspekts die Tatsache, dass „Rambo II" in erster Linie ein typischer Genrefilm der 1980er Jahre ist - und zwar ein überdurchschnittlicher.