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Herr der Ringe: Die Gefährten, Der (2001)

Eine Kritik von
eingetragen am 29.05.2002, seitdem 638 Mal gelesen



Nun war es also bei mir soweit: Herr der Ringe wollte im Kino angeschaut werden. Auf Grund des zu erwarteten Ansturms habe ich mir die Karten sicherheitshalber vorreserviert, doch im Kino selbst nahm nur eine handvoll Leute Platz, so dass es wohl nur zu 1/4 gefüllt war. Recht überraschend eigentlich. Enttäuschend etwas die Größe des Cinemaxx Kinos. Auch sound- und bequemlichkeitsmässig eher zweitklassig. Da dies mein erster Besuch in einem Cinemaxx-Kino war, muss ich mich schon wundern, wieso diese Kinoketten Marktführer in Deutschland sein soll. Nun aber zum Film selbst - die meisten Daten über das 600 Mio. teure Mamutprojekt vom neuseeländischen Regisseur Peter Jackson sollten ja bekannt sein, daher gehe ich darauf mal nicht näher ein.

Tja, wie soll ich ihn nun bewerten. Vorweg muss ich gleich sagen, dass ich das Buch nicht gelesen habe. Trotzdem kann man dem Verlauf gut folgen und die wichtigsten Facts werden gleich am Anfang in einem gänsehautsstimmungsmässigen Prolog erklärt, die sehr zur Atmosphäre des Films beiträgt. Zum Inhalt möchte ich hier nun nicht allzuviel verraten. Die Film-Technik selbst im Film ist aber herausragend; kein Zweifel, Peter Jackson hat technisch fleissig dazugelernt. Zuerst hatte ich Befürchtungen, man könnte mit der Fülle an Charakteren erst mal überfordert sein und es würde eine Zeit dauern, bis man sich an sie gewöhnte. Doch die (wirklich exzellente) schauspielerische Leistung, besonders von Elijah Woods, lässt einem schnell alle Charaktere ins Herz schliessen. Auch die Aufnahmen sind ein einziger Traum und die Detailfülle ist so enorm, dass man schier überwältigt ist.

Und da wären wir auch schon beim Problem - auch wenn man sich nun Gott sei Dank entschieden hat, den Film als Trilogie (und nicht wie erst geplant als 2-Teiler) zu veröffentlichen, merkt man doch deutlich, dass die Story zu weitläufig, zu episodenhaft für einen abendfüllenden Film ist. Das ist das eine von zwei Problemen, die der Film hat. Ein Freund, der das Buch gelesen hat, meinte im Kino, er fände alles sehr knapp hintereinander zusammengestückelt. Erst hatte ich nicht den Eindruck, als würde etwas fehlen, denn verstehen kann man eigentlich alles auch recht gut, ohne das Buch gelesen zu haben. Doch gerade im zweiten Abschnitt des Films stört das Tempo doch ungemein. Die Eindrücke, die dieser gewaltige Marsch durch Mittelerde einem doch geben sollte, werden im Film kaum eingefangen. Ich hätte mir einfach ein paar Verschnaufszenen zwischen den einzelnen Abschnitten gewünscht, in denen die Charaktere noch etwas ausgearbeitet werden oder -noch besser- die Landschaft mit ihren gewaltigen Ausmassen demonstriert wird. Zumindest eine Art Landkarte mit der beschriebenen Reiserute a la Indiana Jones wäre hier sinnvoll gewesen - vielleicht mit ein paar Schnittaufnahmen im Hintergrund eingeblendet. So hat man das Gefühl, das Ganze wäre nur innerhalb von vielleicht 2 Tagen passiert.
Dafür kann der Film reichlich wenig, schliesslich dauert er ohnehin schon 178 Minuten. Wenns nach mir ginge, hätte man den Film durchaus noch eine halbe Stunde länger laufen lassen können. Genug Filmmaterial ist ohne Zweifel vorhanden gewesen (bei gut 56200 Minuten Rohmaterial) und man merkt ganz deutlich, dass alle Szenen, insbesondere die hervorragenden Flugaufnahmen auf das Äusserste gekürzt worden sind. Oftmals wird ein Kameraschwenk nur kurz angeschnitten. Besonders nach den Minen war mir das Tempo etwas zu schnell. Und somit wird das epochale, was das Buch zweifelsohne aufweist, im Film nicht eingefangen - kann nicht eingefangen werden, keine Frage - dafür hätte man schon einen 10-Teiler drehen müssen. Ich finde es nur schade, dass bei der Detailfülle, die Jackson und sein Team liebevoll in das Projekt gesteckt haben, nur ein minimaler Prozentsatz (man spricht von 1% des kompletten Rohschnitts) es letzlich in den Film geschafft haben. Und wenn man genau aufpasst, sieht man dem Film das an. Ich hab mir kurz nach dem Film im Fernsehen noch mal Scoresese's Meisterwerk KUNDUN angeguckt - und da ist mir die Wichtigkeit des Tempos entscheidend aufgefallen. Da liegen zwischen diesem Film und dem Ring doch noch Welten. Aber wie erwähnt: Man KANN Jackson keinen Vorwurf machen. Besonders in Braindead und Heavenly Creatures (weniger in Frighteners) hat er ja bereits bewiesen, wie gut er mit Tempo umgehen kann - hier war es nicht anders möglich, auch wenn zweifelsohne genug Filmmaterial dagewesen wäre.

Das ist das eine Problem. Das andere ist für mich - und dafür mögen mich die Tolkien-Fans verschonen - die Story. Sie ist bombastisch, epochal, keine Frage. Nur leider war eben alles schon mal da. Wenn auch von Tolkien geklaut haben wir doch das alles - sei es nun Star Wars, Indiana Jones, Die Mumie oder meinetwegen Harry Potter - schon irgendwo mal gesehen und gehört. Es ist nicht wirklich ein Kinoerlebnis, dass einen prägt. Es ist gute Unterhaltung jenseits Hollywoods, aber eben kein wirklich "magisches" Kino wie es bei mir z.B. in "Amelie" rüberkam. Auch dafür kann der Film und noch weniger Tolkien etwas. Schließlich ist er der Urahn all dieser Werke - es waren halt einfach schon welche früher da (wenn auch meist bedeutend schlechter) - das ist schade, aber es ist leider so.

Trotzdem hebt sich der Film doch schon sehr stark von seinen Hollywoodkonkurrenten ab, was auch an Jacksons filmweise liegt. Die Kamera ist jacksonmässig immer recht gut inszeniert, die Schauspieler wie immer hervorragend ausgewählt (Gandalf und Frodo sind ein Traum), auch der so oft beschimpfte Score passt sich -meiner Meinung nach sogar sehr gut- ins Geschehen ein. Die schauspielerischen Lesitungen sind durchgehend hervorragend, aber da war von Jackson auch nichts anderes zu erwarten. Die Gespräche sind durchgehend interessant und wirken bei weitem nicht so plump wie in Star Wars, wenn auch die Witze manchmal etwas hohl wirken. Erstaunlich pathetisch ist die Trauersequenz um Gandalf, die fast schon an das dramtische Finish von Jacksons "Heavenly Creatures" rankommt, wenn auch im Herr der Ringe bei weitem weniger künstlerisch.

Die Landschaftsaufnahmen sind ein Traum und werden dadurch noch schöner, wenn man weiß, dass nur ein geringer Prozentsatz aus dem Rechner kommt. Viele Bauten sind echt, und das merkt man auch - kein lästigen Rechnerbilder mehr wie in Star Wars Episode 1, sondern traumhaft schöne Bilder aus Neuseeland mit seiner unbeschreiblichen Vielfalt. Allein schon wegen dieser Aufnahmen lohnt sich der Film. Viele Sachen wirken tatsächlich wie aus Fantasybildern abgemalt - wenn man sie nur etwas länger betrachten könnte und die Schnitte nicht so kurz wären. Auch merkt man, dass die Kampfsequenzen nicht AUSSCHLIESSLICH, wie in Star Wars, aus dem Rechner kommen, sondern brav mit mehreren zehntausend Statisten abgefilmt wurden (auch wenn diese Szenen wiederum nur Sekundenbruchteile dauern).

Eher schlecht fand ich die digitalen Effekte von Jacksons Firma Weta Digital. Jackson hat bewusst die Angebote von Lucas' ILM ausgeschlagen und man merkt das auch. Die Qualität, insbesondere die Bewegungsabläufe beim Höhlentroll in der Mine sind etwas ungenau. Besonders dann, wenn die Hobbits auf den Troll springen, kann man mit etwas Aufmerksamkeit im Schnitt gut feststellen, dass die Szene aus dem Rechner kommt, weil die Hobbits selbst scheinbar mitanimiert und nicht, wie sonst üblich, mit den realen Schauspielern und einer Attrape zuerst abgedreht wurden. ILM hat hier z.B. in Starship Troopers bei einer fast ähnlichen Szene mit Rico auf einem Bug deutlich Realistischeres, Einfügsameres und Hochwertigeres geleistet. Somit fällt Weta Digitals im harten Konkurrenzkampf der Digitaleffektschmieden bei mir noch unten durch. Auch der Festung Saurons, die man nur kurz sieht, merkt man das Computerspielhafte deutlich an. Ziemlich gut dagegen fand ich den Turm Saromans, insbesondere die Flugsequenzen sind recht ordentlich und erstaunlich detailliert. Dort wirken auch die eingefügten Menschen realistischer als beim Troll, lediglich die Übergang zurück in die Realszenen z.B. mit Gandalf oder Saroman (besonders nach einer Flugsequenz) wirken manchmal etwas holprig, fügen sich aber insgesamt noch "gut" ein.

Alles in allem ein rund um empfehlenswerter Film, aber für mich definitiv nicht der Film des Jahres. Dafür krankt der Film an den erwähnten zwei Problemen, insbesondere an der Sache mit dem unangenehmen Tempo. Trotzdem: Auch wenn ich das Buch nicht gelesen und nur Ausschnitte kenne glaube ich, dass man es nicht hätte besser verfilmen können. Die Gänsehautstimmung lag bei mir definitiv höher als bei den meisten Filmen dieser Gattung. Nein, der beste Film des Jahres kann er für mich da nicht sein (das bleibt dann wohl doch "Amelie"), aber mit Sicherheit eine ganz dicke Empfehlung für alle Monumentalfilm-Fans, für Fantasyfreunde sowieso und für Neuseelandbegeisterte (wie mich) ohnehin ein must-see. Definitv besser, das kann ich mit Sicherheit sagen, als Direktkonkurrent Star Wars - keine Frage.

Trotzdem wünsche ich dem Film den allergrössten Erfolg. Es ist erstaunlich, dass ein filmmässig so belächeltes Land wie Neuseeland (sowie dem Partner Australien (Corcodile Dundee, Einstein Junior)) ein so großer Coup ausserhalb Hollywoods gelungen ist. Bin schon mal gespannt, was Jackson als nächstes (nach der Trilogie) vorhat...

Von mir gibt's eine Note knapp jenseits der Bestnote. Sozusagen eine 1 ohne Stern. :-)


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