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„Ein Schlitzohr sieht rot"

Ein Fremder kommt in ein verschlafenes Nest. Er ist nur auf der Durchreise. Dass ein mächtiger Schurke die Stadt terrorisiert ist nicht seine Sache. Wenigstens zunächst nicht. Nur reizen sollte man ihn nicht. Unschuldige vor seinen Augen zu drangsalieren ist auch keine gute Idee. Denn der Fremde kann ein extrem unangenehmer Gegner sein ...

John Wayne, Clint Eastwood, Charles Bronson, Steven Seagal, Jean Claude van Damme, „The Rock" und Jason Statham - um nur ein paar zu nennen - dürfte diese Situation bestens vertraut sein. Ob einsamer Cowboy, Revolverheld, Ex-Cop, Ex-Soldat, Ex-Agent, oder Ex-Killer, es gibt kaum ein archetypischeres Szenario für ihre Auftritte. Dem Actionkino hat die Simplizität seiner Prämissen selten geschadet. Das dachte sich wohl auch Burt Reynolds anno 1987.
Mit knapp über 50 war die Zeit für das von ihm patentierte, grinsende Schlitzohr mit Raubtiercharme nun endgültig abgelaufen. Auf dem Actionspielplatz ging es nun deutlich kerniger zu. Sylvester Stallone und Arnold Schwarzenegger erlebten ihre goldenen Jahre. Und die machten für gewöhnlich keine Gefangenen. Klingt vertraut, klingt machbar. Warum der forschen Jugend nicht mal zeigen, dass man selbst auch nicht gerade zimperlich ist?

„Malone" jedenfalls ist unverkennbar die Umsetzung dieser Attitüde. Reynolds gibt darin einen berufsmüden CIA-Auftragskiller, der aufgrund einer Autopanne in Oregon und dort in dem Kaff Comstock landet. Die Reparatur dauert ein paar Tage, in denen der wortkarge Malone dem Automechaniker Paul Barlow (Scott Wilson) und seiner halbwüchsigen Tochter Jo (Cynthia Gibb) näher kommt. Schnell merkt er, dass der rechtskonservative Immobilienhai Delaney (Cliff Robertson) die Stadt in einem eisernen Würgegriff hält. Seine Methoden reichen von Einschüchterung, über Körperverletzung bis hin zu Mord. Malone nimmt all dies scheinbar teilnahmslos zur Kenntnis. Das ändert sich allerdings schlagartig, als Jo vergewaltigt werden soll ...

Der schnörkellose Actionthriller war ein totaler Flop an den amerikanischen Kinokassen und ist heute weitestgehend vergessen. Möglicherweise kam er gut 10 Jahre zu spät - die bedächtige, betont unaufgeregte Narration erinnert mehr an die 1970er Jahre -, vielleicht konnte auch die neue Generation der Actionfans nicht allzu viel mit Reynolds anfangen. Das ist schade, denn zumindest aus heutiger Sicht hat der Streifen durchaus seine Qualitäten. Und sei es nur sein rauer Retro-Charme. Hier kracht es nicht alle 5 Minuten an allen Ecken und Enden, hier bekommt die Kamera keinen Drehwurm und hier schlägt die Story nicht Haken wie ein ADS-Hase. Reynolds lässig-souveräne Coolness passt gut in dieses entschleunigte Szenario. Und wenn er es dann endlich doch noch krachen lässt, ist der Härtegrad mehr als konkurrenzfähig.   

Natürlich steht man mit einer Vorwurfsbreitseite aus Formelhaftigkeit, Eindimensionalität und dosierter Portionierung von Spannung und Action auch nicht unbedingt auf verlorenem Argumentationsposten. Cliff Robertsons rechtsextremer Kleinstadttyrann mit Allmachtsphantasien ist nicht unbedingt fein, oder gar realitätsnah gezeichnet. Seine Schergen ziehen trotz numerischer und ausrüstungstechnischer Überlegenheit konsequent den Kürzeren. Und die 24-jährige Cynthia Gibb als Landei-Juvenile mit schwärmerischen Anwandlungen für den reifen Malone einzusetzen, wird möglicherweise auch nicht jeden begeistern.
Andererseits ist es gerade die offensive und mit einer entwaffnenden Selbstverständlichkeit vorgetragene Klischeehaftigkeit, die so mancher Genre-Freund goutieren dürfte. Und mal ehrlich, weder Sly, noch Arnold, noch Jason und schon gar nicht Jean Claude oder Steven haben sich in dieser Hinsicht jemals lumpen lassen. Und würde man heute Liam Neeson nach Oregon schicken, um einem Kleinstadt-Paten zu zeigen wo der Hammer hängt, würden nicht wenige gern mit auf die blutige Reise gehen. „Malone" ist zumindest für diese Klientel eine empfehlenswerte Zeitreise in die mythische Vergangenheit des Actionfilms. Unliebsame Überraschungen ausgeschlossen. Das ist doch schon mal was.

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