Weder handelt es sich um ein Hollywood-Privileg, noch wurde es erst in den letzten Jahren erfunden - das muntere Plagiieren erfolgreicher Filme, um einen Trend wirtschaftlich zu nutzen. Natürlich hatte man bei der Drehbuchfassung von "Am Brunnen vor dem Tore" versucht, eine allzu grosse Offensichtlichkeit zu vermeiden, und es ist durchaus möglich, dass das nach solchen Geschichten gierende Publikum es damals nicht bemerkt hat, aber die Parallelen zu "Grün ist die Heide" drängen sich auf.
Das liegt weniger am weiblichen Star Sonja Ziemann, der hier wieder im Mittelpunkt steht (wie auch bei einer Vielzahl anderer Filme), sondern an der gesamten Konzeption. Schon der Filmtitel deutet darauf hin, indem wieder ein bekannter Klassiker zitiert wird. Doch während Löns` Ode an die Lüneburger Heide dem Film seinen Charakter gab, hatte "Am Brunnen vor dem Tore" mit dem eigentlichen Geschehen dieses Films nichts zu tun. Im Rahmen vieler Volkslieder wird Schuberts Kunstlied aus der "Winterreise" zwar auch besungen, aber darüber hinaus hat das Lied für die Story keine Bedeutung, von Schuberts eigentlichen Intentionen ganz abgesehen.
Man könnte diese oberflächliche Nutzung eines populären Liedes schnell wieder vergessen, wenn dieser Umgang nicht signifikant für den gesamten Film wäre. Aus heutiger Sicht neigt man schnell dazu, Heimatfilme dieser Ära in einen Topf zu schmeissen, aber der Qualitätsunterschied zwischen "Am Brunnen vor dem Tore" und dessen Vorbild "Grün ist die Heide" ist geradezu eklatant, auch wenn es vordergründig genauso um ein Liebesdrama und volkstümliche Feste geht.
Wie schon in "Grün ist die Heide" bekommt ein Familienmitglied von Sonja Ziemann (hier als Inge Bachner) Ärger mit der Polizei. Diesmal ist es nicht der wildernde Vater, sondern der Bruder, der versehentlich einer Verbrecherbande beim Raub eines wertvollen Bildes geholfen hatte. Dessen Verurteilung wirft ein schlechtes Bild auf die deutsche Justiz, da diese augenscheinlich ohne stichhaltige Beweise handelte, aber auch der Ausbruch des Bruders, der nun versucht seine Unschuld zu beweisen, wirkt sehr konstruiert. Der Versuch, hier wieder ein Drama um einen Unschuldigen zu kreieren, ist von dürftigster Logik, wie auch alle weiteren Intentionen der Beteiligten.
Mangels einer emotional nachvollziehbaren Story muss einzig Sonja Ziemann als Grund für sämtliche Vorgänge herhalten. Aus heutiger Sicht ist das schwer nachvollziehbar, aber damals nahm das Publikum den Autoren ab, dass nicht nur sämtliche männliche Protagonisten in diese Dame verliebt sind, sondern mancher für diese Eroberung auch zu kriminellen Handlungen griff. So positiv es aus heutiger Sicht scheinen mag, das hier die revanchistische Aussiedlerproblematik keine Rolle mehr spielte und auch kein Bauernopfer mehr als kriminelles Subjekt herhalten musste, so deutlich wird, dass "Grün ist die Heide" sehr nah an damaligen Empfindungen war, während hier sämtliche Emotionen aufgesetzt wirken.
Ähnliches gilt auch für das äussere Ambiente, in dem die Handlung stattfindet. Dinkelbühl mit seinem mittelalterlichen Stadtkern bildete eine prächtige Kulisse, aber blieb innerhalb der Story austauschbar. Wie in "Grün ist die Heide" wollte man dem deutschen Publikum einen starken Kontrast zur Realität bieten, ohne kleinste Anzeichen von Kriegszerstörungen, aber es blieb bei dieser oberflächlichen Intention. Während der Hintergrund der Heidelandschaft in Verbindung mit den Löns-Liedern dem Film "Grün ist die Heide" erst die dichte Atmosphäre ermöglichte, kann "Am Brunnen vor dem Tore" nie ein Gefühl der Gesamtheit vermitteln.
Gut erkennbar am einzig unverändert übernommenen Detail, den drei Landstreichern Hans (Hans Richter), Nachtigall (Kurt Reimann) und Tünnes (Ludwig Schmitz), die sich plötzlich 300 Kilometer weiter südlich befinden. Auch in "Am Brunnen vor dem Tore" liefern die Drei die besten Kabinettstückchen ab, aber ihr Witz wird innerhalb der konstruierten Story zunehmend klamaukhafter und hat seine ursprüngliche Funktion verloren - der leicht ironische Blick auf die Realitäten. Die Story um Tünnes, der fast zur Hochzeit gezwungen wird, ist billigster, frauenfeindlicher Humor, und auch wenn die Drei zum Schluss wieder weiter ziehen, so hat man den Eindruck wirklicher Freiheit, der sie - wenn auch romantisierend - in "Grün ist die Heide" noch umgab, endgültig verloren.
"Am Brunnen vor dem Tore" war ein veritabler Publikumserfolg und erfüllte damals seinen Auftrag, aber er verdeutlicht gleichzeitig die erheblichen Qualitätsunterschiede im deutschen "Heimatfilm". Dabei muss man die zeitgenössischen Anspielungen bei der Beurteilung ausser Acht lassen, denn unter diesem Gesichtspunkt ist "Am Brunnen vor dem Tore" , der nur ein wenig mit der englischen Besatzungsmacht hadert, der wesentlich weniger polarisierende Film im Vergleich zu "Grün ist die Heide". Aber das lässt nicht übersehen, dass der Film in seiner Schlüssigkeit, der Anlage der Charaktere und vor allem in seiner gestalterischen Linie einfach schlecht ist (2/10).