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Augenzeuge, Der (1981)

Eine Kritik von (Bewertung des Films: 6 / 10)
eingetragen am 10.05.2011, seitdem 696 Mal gelesen



Daryll Deever (William Hurt) arbeitet als Hausmeister in einem Bürohaus. Eines Tages findet er Mr. Long, einen dort ansässiger Geschäftsmann, ermordet in dessen Büro vor. Den Mörder sieht Daryll gerade noch entkommen und vermutet, dass es sich dabei um seinen Freund Aldo (James Woods) handelt.

Aldo arbeitete früher im selben Gebäude als Hausmeister, wurde aber gefeuert, weil er gegenüber Mr. Long unfreundlich war. Daryll deckt also Aldo und erwähnt seine Beobachtung vom Tatort nicht gegenüber der Polizei. Dummerweise steht draußen vor der Tür die Reporterin Tony Sokolow (Sigourney Weaver), in die Daryll unsterblich verliebt ist.

Um sich die einmalige Chance ihr näherzukommen nicht entgehen zu lassen spricht er Tony an und erwähnt, dass er mehr weiß als er der Polizei gesagt hat. Tony springt natürlich darauf an, will mehr wissen und schließlich landet sie mit Daryll im Bett. Leider ist da aber noch Tonys Freund Joseph (Christopher Plummer), der dem gemeinsamen Glück im Wege steht.

Aber nicht nur Joseph ist ein Problem, sondern auch Longs Familie, die plötzlich hinter Tony her ist um von ihr mehr über den Mörder zu erfahren. Dazu gesellt sich dann noch der Polizist Black (Morgan Freeman), der wiederum Daryll oder Aldo für den Mörder von Long hält.

„Der Augenzeuge“ von Regisseur Peter Yates hat inzwischen 30 Jahre auf dem Buckel und sticht aus den unzähligen jedes Jahr produzierten Thrillern bis heute noch deutlich hervor. Dies hat zwei Gründe.

Der erste liegt im Cast verborgen. Selten konnte seither ein kleiner Film mit einer solchen Besetzung aufwarten. William Hurt, James Woods, Sigourney Weaver, Christopher Plummer und Morgan Freeman in einem Film sind vom heutigen Standpunkt aus betrachtet keine Selbstverständlichkeit. Damals sah dies noch etwas anders aus. Hurt stand kurz vor seiner besten Zeit als Schauspieler, die wenige Jahre später in Auftritten in „Kuss der Spinnenfrau“, „Nachrichtenfieber“, „Gottes vergessene Kinder“ und „Die Reisen des Mr. Leary“ gipfelte. James Woods hatte gerade erst den Schritt vom TV-Darsteller ins Kino vollzogen und neben „Die Chorknaben“ und „Mord im Zwiebelfeld“ noch keine nennenswerte Spielfilm-Erfahrung. Und für Sigourney Weaver war „Der Augenzeuge“ die erste Kino-Arbeit nach ihrem Durchbruch in „Alien“. Nicht anders erging es Morgan Freeman, der zu dieser Zeit nichts weiter als ein Quoten-Schwarzer, ein austauschbarer Nebendarsteller war, der sich erst Jahre später in Hollywood profilieren konnte.

Neben diesen relativen Neulingen erscheint Christopher Plummers damalige Filmografie schon wie der zehnbändige große Brockhaus. Plummer war damals zwar kein großer Star, Erfahrung hatte er aber schon enorm viel gesammelt, die er bis zum heutigen Tag nahezu exzessiv ausbauen konnte.

Betrachtet man also die Tatsache, dass die meisten der großen Namen im Cast damals noch am Anfang ihrer Karrieren standen, dann kann man demjenigen, der für das Casting zuständig war nur gratulieren. Heutzutage würde eine solche Konstellation Unsummen verschlingen, bevor auch nur ein cm Zelluloid belichtet wäre.

Neben seiner prominenten Darsteller-Riege dürfte vielen „Der Augenzeuge“ vor allem durch seine sehr untypische Erzählstruktur in Erinnerung sein. Drehbuchautor Steve Tesich ging hier einen Weg, der mehr als ungewöhnlich und für viele Zuschauer auch dementsprechend schwer zu verarbeiten ist.

Thriller mit eingebauten Love-Stories gab es damals und gibt es heute wie Sand am Meer. Allerdings nahezu immer in der Form, dass die Thriller-Elemente der Handlung absolut im Vordergrund standen und die Love-Story irgendwie nebenbei abgewickelt wurde. Die einzelnen Charaktere dieser Streifen waren meist austauschbar und verfügten über wenige bis gar keine speziellen Merkmale.

Tesich ging im Falle von „Der Augenzeuge“ den umgekehrten Weg. In seinem Thriller überwiegen die Aspekte der Love-Story, wenn auch nicht im herkömmlichen Sinne und zusätzlich erschuf er speziell mit Daryll Deever eine Figur, die die typischen Hollywood-Klischees ziemlich auf den Kopf stellte. Dieser Daryll ist ein dekorierter Held des Vietnam-Kriegs, der als Hausmeister arbeitet, damit zufrieden ist und sich abends Videoaufzeichnungen seiner Lieblings-TV-Reporterin reinzieht. Kein durchgeknallter Rambo, der sich durch die Stadt metzelt, weil er keinen Platz mehr im Bus bekam, kein durchtrainierter harter Kämpfer, sondern vielmehr ein normaler Mensch ist, der so wie jeder andere seine kleinen oder auch größeren Macken mit sich durchs Leben trägt.

Genau hier liegt das große Problem oder auch die große Stärke des Films verborgen. Geht man davon aus, es hier mit einem Thriller zu tun zu haben, dürfte einem recht schnell der Geduldsfaden reißen. Nahezu 2/3 der Spielzeit gehen für die Annäherung zwischen Hurt und Weaver flöten, dazwischen gibt es dann noch ein paar kaum interessante, lahm inszenierte Action-Szenen bevor sich die Thriller-Story im letzten Drittel endlich zu entwickeln und aufzulösen beginnt. Leider geschieht dies aber wenig spannend oder gar aktionsreich. Schon damals (ich sah den Streifen seinerzeit im Kino) war „Der Augenzeuge“ in dieser Richtung alles andere als zeitgemäß. Ein Eindruck, der sich 30 Jahre später eindrücklich verstärkt hat.

Lange Rede – kurzer Sinn. Als Thriller taugt der Film nicht viel!

Lässt man die Erwartungshaltung einen Thriller geboten zu bekommen weit hinter sich, dann wird man aber zumindest durch die bereits erwähnte ungewöhnliche Handlungsstruktur, einige sehr ansprechende Dialoge und guten schauspielerischen Leistungen belohnt werden.

Speziell William Hurt lässt hier bereits erahnen, was an Talent in ihm steckt. Auch Sigourney Weaver kann in ihrer Rolle überzeugen, da anfangs nicht klar ist, ob sie die Beziehung mit Deever wirklich nur wegen der Story eingeht.

Neben den beiden Hauptdarstellern verblassen die restlichen Akteure natürlich etwas. Christopher Plummer hatte vom Rest noch die größte Screentime, spielt seinen Part auch passabel herunter, hat aber leider vom Script nicht genug Unterstützung um sein Handeln nachvollziehbarer wirken zu lassen. James Woods spielt das feige Loser-Wiesel Aldo natürlich mit der zu erwartenden großen Klappe ohne großen Erinnerungswert und Morgan Freeman gibt wie gesagt den „Quoten-Schwarzen“ in einer Handvoll Alibi-Szenen, die keinerlei Rückschlüsse auf sein vorhandenes schauspielerisches Potenzial zulassen.

Auf dem Regiestuhl saß Peter Yates, der auch den Klassiker „Bullitt“ inszenierte. Yates gibt hier den routinierten Handwerker, was heißt, sein Film ist frei von offensichtlichen Patzern wie dem klassischen römischen Soldaten mit Armbanduhr. Genauso frei ist jedoch auch der Teil des Films, den ein großer Regisseur mit einer eigenen, individuellen Handschrift geprägt hätte.

Fazit: „Der Augenzeuge“ ist eine sehr zwiespältige Angelegenheit, eine filmische Mischung, die wahrscheinlich niemanden als Zuschauer rundum zufrieden machen wird, aber auf Grund des geschilderten auch einen gewissen Reiz auszuüben vermag. (5,5 von 10 möglichen Punkten)


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